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    Berlin

    Helmut Kohl: Der Kanzler der Einheit

    Es ist so ein Bild, das sich einprägt. Deutschland feiert die Wiedervereinigung, Helmut Kohl steht zwischen seiner Frau Hannelore und dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Es ist der 3. Oktober 1990. Kohl streckt den Kopf zum Himmel, die Augen geschlossen, ein Lächeln. Er wirkt selig. Helmut Kohl starb am Freitag im Alter von 87 Jahren.

    Bei einem Sturz 2008 erlitt Helmut Kohl ein Schädel-Hirn-Trauma.
    Bei einem Sturz 2008 erlitt Helmut Kohl ein Schädel-Hirn-Trauma.
    Foto: dpa/picture alliance

    Es gibt viele Stationen in seinem Leben, die herausragen, die einzigartig sind, in denen er Geschichte schrieb. Große Momente waren etwa auch das Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) und sein Besuch auf dem Soldatenfriedhof in Verdun Hand in Hand mit Frankreichs Staatspräsidenten François Mitterrand. Aber sein größter Erfolg war die Deutsche Einheit.

    In der Spendenaffäre kam es zum Bruch mit alten Vertrauten

    Kohl hatte viele Titel. Einige waren spöttisch. Die „Walz aus der Pfalz“ etwa, was auf seine Körperfülle anspielte. Oder „Herrscher über schwarze Kassen“ wegen der CDU-Spendenaffäre, die die Partei und Republik erschütterte und Kohl vom Thron stürzte. Der Übervater der Partei, der sein Ehrenwort über das Recht stellte, gab in der Folge den Ehrenvorsitz seiner CDU ab. Die Namen jener Spender, von denen er Geld am Gesetz vorbei für die Partei angenommen hatte, nimmt er mit ins Grab.

    In einem Interview zu seinem 80. Geburtstag 2010 ließ Kohl erkennen, wie bitter es für ihn war, dass in der Spendenaffäre CDU-Politiker zu ihm auf Distanz gingen. Zu diesen Menschen gehörte für ihn sicher auch Angela Merkel. Sie war es, die als CDU-Generalsekretärin Kohl 1999 wegen der Spendenaffäre den Rückzug nahelegte und später sein Erbe als CDU-Chefin und Kanzlerin antrat. Versöhnung zwischen der Frau aus dem Osten und dem Mann aus dem Westen gab es nicht mehr. Auf die Frage, ob die CDU Kohl den Ehrenvorsitz wieder antragen könnte, sagte Merkel 2010: „Diese Frage stellt sich nicht mehr.“ Aber Merkel machte ihm ein anderes Geschenk: Mit Blick auf die Wiedervereinigung erklärte sie: „Dieser Kanzler des Vertrauens war für uns Deutsche ein Segen.“

    Die Spendenaffäre nimmt Kohl nicht seinen Platz in der Geschichte. Niemand war bisher so lange wie er Bundeskanzler (1982 bis 1998) und CDU-Chef (25 Amtsjahre). Er war ein begeisterter Europäer und einer der wichtigsten Architekten Europas. 1991 war er im niederländischen Maastricht einer der Protagonisten der Gründung der Europäischen Union. Später kämpfte er unermüdlich für die Einführung des Euro. Und er war der „Kanzler der Einheit“. Kohl hatte immer an die Wiedervereinigung geglaubt und die historische Chance dann gegen Widerstände im In- und Ausland ergriffen. Mit seinem Versprechen der „blühenden Landschaften“ im Osten weckte er große Hoffnungen. Zu große, denn bald war klar, dass alles viel langsamer wachsen und viel teurer würde. Enttäuschung machte sich breit.

    1947 hatte Kohl die Junge Union in Ludwigshafen mitgegründet. Mehr als 40 Jahre war er Parlamentarier, zuerst im Mainzer Landtag und von 1976 bis 2002 im Bundestag. Sieben Jahre war er Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Als erster deutscher Kanzler kam er durch ein konstruktives Misstrauensvotum am 1. Oktober 1982 an die Macht. Die sozial-liberale Koalition unter Helmut Schmidt hatte abgewirtschaftet, war unter anderem an der Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen gescheitert.

    Mit einer „geistig-moralischen Wende“ wollte Kohl eine neue Epoche in Deutschland einleiten. Dass er 1990 als Kanzler wiedergewählt wurde, hatte er wohl vor allem der Begeisterung der Menschen für die Wiedervereinigung zu verdanken. Bis zu seiner Wahlniederlage 1998 gegen Gerhard Schröder (SPD) erlebte eine ganze Generation bis dahin keinen anderen Bundeskanzler.

    Kohl konnte Menschen mit Wärme, Fürsorge und Protektion für sich einnehmen. Aber er kannte nur Freund oder Feind. Sein langer Arm als Kanzler und Parteichef beförderte Karrieren – und vernichtete sie. Sah er einen Menschen als Gegner, war dessen politische Zukunft meistens schon Vergangenheit. Wen er als Talent ansah, stieg auf. So Angela Merkel (sein „Mädchen“), die er 1991 zu seiner Bundesfrauenministerin machte.

    Im Zuge der Spendenaffäre zerbrach dann auch seine Verbindung zu Wolfgang Schäuble, seinem langjährigen Vertrauten, der unter Merkel erst Innen- und dann Finanzminister wurde. Mit anderen engen Weggefährten kam es zum Bruch, weil sie sich von Kohls Kurs distanzierten.

    Kohls Söhne erfuhren von seiner Hochzeit per Telegramm

    In einem NDR-Interview erzählte er einmal von der schweren Zeit der Erkrankung seiner Frau Hannelore. Eine schmerzhafte Lichtallergie zwang sie zu einem Leben in Dunkelheit im gemeinsamen Haus in Oggersheim in Ludwigshafen – auch für Kohl eine Belastung. 2001 nahm sich Hannelore dort das Leben. 41 Jahre war Kohl mit ihr verheiratet. 2008 heiratete er die 34 Jahre jüngere Maike Richter. Kurz zuvor hatte er bei einem Sturz nach einer Knie-Operation ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Seither saß er im Rollstuhl und konnte nur noch schwer sprechen.

    Von der Hochzeit erfuhren seine Söhne Walter und Peter durch ein Telegramm, die Details aus der Zeitung. 2011 schrieb Walter Kohl in einem Buch, dass für seinen Vater die wahre Familie nicht Frau und Kinder, sondern die CDU gewesen sei. Als Vater habe er versagt. 2013 sagte der Sohn, er habe sich mit seinem Vater versöhnt. Die Versöhnung sei aber „einseitig“ gewesen.

    Seit Kohls Sturz 2008 wurden seine öffentlichen Auftritte selten. Bei einem Festakt zum 30. Jahrestag seiner ersten Kanzlerwahl im September 2012 bedankte er sich für die vielen Würdigungen – und bei denen, die ihn provoziert und herausgefordert hätten. Er sagte: „Es war eine fantastische Zeit.“

    Von Kristina Dunz

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