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Einzigartiges Bialowieza Biotop in Polen: Naturschützer kämpfen um den letzten Tiefland-Urwald

Der Bialowieza-Urwald ist ein Unesco-Weltnaturerbe. Dennoch lässt es die polnische Regierung seit einigen Monaten zu, dass dort Kahlschlag betrieben wird. Dagegen wehren sich Naturschutz-Aktivisten aus ganz Europa. Unser Landeskorrespondent Dietmar Brück verbrachte während einer Polenreise mehrere Tage in diesem Biotop und erlebte das ganze Ausmaß der Baumfällaktionen mit.

Das Wichtigste ist, dass alles blitzschnell geht. Eine Gruppe junger Leute schleicht sich durch den letzten Tiefland-Urwald Europas. Sie tragen Transparente, Ketten, Kameras. Ihr Ziel ist ein stählerner Riese, dessen Greifarme eine Schneise der Verwüstung in diesen uralten, polnischen Wald schlagen. Die Waldarbeiter sind wachsam, noch mehr die Waldpolizei, die ausgerüstet ist, als wollte sie einen G 20-Gipfel mit den wichtigsten Staatsmännern der Welt bewachen.

Die Forstleute wissen um die Öko-Guerilla. Und doch gelingt es der kleinen Gruppe, sie erneut zu überraschen. In Sekundenschnelle haben sie den Harvester, einen Holzvollernter, besetzt. Sie klettern auf die Maschine, ketten sich fest, befestigen Transparente, filmen und fotografieren. Es wird Stunden dauern, bis die Waldarbeiter weitermachen können.

Natürlich sind derartige Aktionen grenzwertig. Auch wenn Greenpeace und andere Aktivisten auf Sachbeschädigung und Gewaltanwendung verzichten, wie sie beteuern. Grenzwertig ist aber auch der Kahlschlag, den die polnische Regierung seit dem Sommer zulässt. Der einzigartige Bialowieza-Urwald wurde zum Unesco-Weltnaturerbe erklärt. Das verträgt sich kaum damit, dass erstmals in der Geschichte dieses Biotops Harvester durch die Baumreihen pflügen. 200 Bäume am Tag können diese monströsen Maschinen fällen. Der Holzeinschlag ist in diesem Jahr verdreifacht worden.

Und das ist erst der Anfang: Hunderttausende Bäume sollen in den nächsten Jahren zu Möbeln oder Holzpellets verarbeitet werden – genauer: 188.000 Kubikmeter bis 2023. Darunter sind auch hundertjährige Eichen, wie die Aktivisten vor Ort berichten. Alles, was einen roten Punkt trägt, steht nicht mehr lange.

Der Fall ist längst zum Politikum geworden. Die polnische Regierung steht in Brüssel ohnehin am Pranger, da sie die Axt an die Unabhängigkeit der Justiz legt. Dementsprechend reagierte die EU-Kommission blitzschnell, nachdem Umweltschützer und Urwaldfreunde einen Proteststurm gegen die laufende Abholzung entfacht hatten. Die Kommission verklagte die polnische Regierung vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH). Dieser verfügte den sofortigen Stopp der Waldarbeiten. Es sei denn, die öffentliche Sicherheit sei gefährdet. Seitdem holzen die Polen vermehrt rechts und links der Forstwege ab. Wobei sie so tief in den Wald vordringen, dass sie ihre Argumente ad absurdum führen.

Derzeit wartet alles darauf, ob der Gerichtshof in Luxemburg die vorläufige Entscheidung bestätigt und wie die polnische Regierung darauf regiert. Vor wenigen Tagen gab es eine Anhörung. Polnische Regierung und Kommission brachten ihre jeweiligen Positionen vor. Das Klima war frostig. Der polnische Umweltminister Jan Szyszko warf der EU-Kommission „Fake-News“ vor, sie übertreibe das Ausmaß der Holzfällaktionen. Doch zugleich werden die Schneisen der Vernichtung jede Woche breiter.

Die hohe Politik ist in dem weitläufigen Urwald, der zu zwei Dritteln in Weißrussland liegt, weit entfernt. In den 20 Prozent des Waldes, die streng geschützt sind, öffnet sich für jeden Besucher ein Naturparadies. Weit und breit kein Zivilisationslärm, unzählige Farne, Pilze, Sträucher und Kleintiere, die nur noch in dieser unberührten Welt existieren. Moosbewachsene, umgestürzte Bäume rotten vor sich hin, bilden bizarre Skulpturen. Das Klopfen der Spechte ertönt allenthalben. Im Geäst uralter Eichen nisten Störche, Schrei- und Schlangenadler sowie allerlei Singvögel. Bis zu 500 Jahre alt und bis zu 50 Meter hoch sind diese Urwaldriesen. Sie wirken, als könne ihnen die Zeit nichts anhaben. Nur die Wölfe und 900 Wisente, die in Europa in dieser Zahl nur noch hier in Freiheit leben, lassen sich bei einer nachmittäglichen Wanderung nicht blicken. Die Tiere sind scheu – und die Fällarbeiten nah.

Denn die Holzarbeitertrupps schlagen nicht etwa in den Randgebieten zu, sondern nah bei den Kernzonen. 15 Fahrradminuten von dem berühmten Eichenpfad sieht die Landschaft wie nach einem Hurrikan aus. Wo eben noch friedliche Idylle herrschte, dominiert nun der Kahlschlag. Die Baumstümpfe sind mit Sägemehl bedeckt, Gräser und Farne platt getrampelt. Baumstämme stapeln sich am Wegrand, bereit für den Transport. Die Schnittstellen wurden inzwischen mit leuchtendem Orange gestempelt. Die Aufschrift „illegales Holz“ prangt auf den Bäumen. Das Ergebnis einer der vielen spontanen Sprühaktionen der Umweltaktivisten im Wald.

Die polnische Regierung begründete ihr Vorgehen zunächst mit dem Kampf gegen den Borkenkäfer. Er bedrohe den Baumbestand. Doch selbst regierungsfreundliche Experten halten dieses Argument für vorgeschoben. Der Sinn eines Urwaldes ist es, dass der Mensch eben nicht eingreift. Zudem ist besagter Holzbrüter nur eine überschaubare Gefahr für die uralten Eichenbäume. Inzwischen argumentiert Warschau daher eher mit Gefahren durch morsche Bäume. In Wahrheit dürfte es vielmehr um die Profite aus dem Holzeinschlag gehen, heißt es vor Ort. Diese können bei einem derart alten Wald erklecklich sein. Ob die Gesamtrechnung am Ende aber aufgeht, steht auf einem ganz anderen Blatt. Kann Polen den Streit mit der EU-Kommission nicht beilegen, könnte Brüssel saftige Bußgelder verhängen.

Vor Ort versuchen junge Öko-Aktivisten, Waldliebhaber und Naturfreunde, sich den Baumfällern entgegenzustellen. Darunter sind viele Polen, aber auch erzürnte Umweltschützer aus aller Welt, die häufig einen Teil ihres Urlaubs oder ihrer Semesterferien für das Engagement im Bialowieza opfern. Eine von ihnen ist die 21-jährige Johanna Guhde, Mitglied der Koblenzer Greenpeace-Gruppe. Für eine begrenzte Zeit hat sie sich in den Kampf im Urwald geworfen, wo Waldmaschinen gestoppt und mit spektakulären Aktionen Umweltfrevel angeprangert werden sollen. Details verrät sie keine. „Es ist unfassbar wichtig, solche Wälder zu schützen“, betont die Studentin der Biogeowissenschaften. „Ich hatte keine Lust mehr, nur noch zuzuschauen.“

Neben Greenpeace und anderen Gruppen haben polnische Urwaldfreunde ein eigenes Protestcamp gegründet. Dessen Lage wird nicht publik gemacht – aus Angst vor Repressalien. Aber wer es finden will, braucht sich nur ein wenig umzuhören. Es liegt in einem kleinen Dorf am Waldrand. Dort wurde ein Bauernhof zum Protesthauptquartier. Transparente warnen vor einer Umweltkatastrophe. Teil- oder Vollzeitaktivisten schlafen auf dem Scheunenboden oder zelten im Garten. In einem Pavillon können sich Interessierte über die Einzigartigkeit des Urwalds informieren. In einem der Gebäude hängen die Personalpläne für die Patrouillenfahrten, mit denen der Holzeinschlag dokumentiert wird. Die Protokolle gehen unter anderem an eine Adresse bei der EU-Kommission. Man will verhindern, dass die Schädigung des sensiblen Ökosystems totgeschwiegen wird.

„Wir sind Studenten, Künstler, Selbstständige – auch ein früherer Polizist und ein Yogalehrer haben sich uns angeschlossen“, sagt der Biologe Adam Bohdan (41) in dem kleinen Büro, das für allerlei Unterredungen dient. Bohdan hat selbst einst in dem gefährdeten Urwald geforscht. „Ich liebe diesen Wald“, sagt er. Doch der Kampf für die Baumriesen hat wenig mit Romantik zu tun. „Polizei und Forstleute gehen immer härter gegen uns vor“, berichtet die Drehbuchautorin Joanna Pawluskiewicz (40). Am harmlosesten sind Schikanen wie die Kontrolle der Fahrradklingel oder der Luftpumpe, was in Polen normalerweise keinen interessiert. Bohdan und Pawluskiewicz berichten aber auch von verstärkten Razzien in dem Camp – unter allerlei Vorwänden. Dabei gehe es zuweilen ruppig zur Sache.

Während die Künstlerin und der Biologe Hintergründe liefern, kommen junge Aktivisten von ihrem Einsatz zurück. Sie sehen erschöpft aus, tragen Ketten mit sich. Damit verhindern sie, dass ihre Blockaden allzu leicht durchbrochen werden. Beide Seiten haben aufgerüstet. Im Bialowieza ist die Zeit des friedlichen Dialogs vorüber. Die Zeichen stehen auf Konfrontation.

Von unserem Redakteur Dietmar Brück

Vom Aussterben bedroht: Im Bialowieza-Urwald leben nur noch 900 europäische Wisente

Am besten sieht man sie in den Morgen- und in den Abendstunden: die Wisente im Bialowieza-Urwald im polnisch-weißrussischen Grenzgebiet. Doch manchmal stehen sie auch einfach bei einem Bauern auf der Weide. Die Wisente sind das Wappentier und der Stolz der Heideregion, in der einst die russischen Zaren, polnischen Könige und später die sowjetisch-polnische Nomenklatura auf die Jagd gingen. Die Wisente (auch europäischer Bison genannt) sind scheue Tiere. Nur noch hier, im letzten Tiefland-Urwald Europas, leben sie frei. 900 an der Zahl.

In den 1920er-Jahren schien das Schicksal der Wisente besiegelt. In freier Natur waren sie ausgestorben. Doch ein kleiner Bestand in zwölf Zoos und Wildgehegen sicherte ihr Überleben. 1952 begann die Auswilderung im Bialowieza. Der Bestand erholte sich. Mit viel Glück lässt sich das größte aller europäischen Landsäugetiere von einem der Aussichtstürme am Rande des uralten Waldes beobachten. Die muskulösen Bullen mit ihren charakteristischen Buckeln schreiten eher, als dass sie gehen. In freier Wildbahn haben die 500- Kilo-Kolosse keine natürlichen Feinde. Sie erinnern an die endlosen Bisonherden, die man aus US-amerikanischen Westernfilmen kennt. Dabei sind die Herden im Bialowieza lange nicht so groß – meist übersteigen sie kaum die Zahl von 20 Tieren.

Der Bialowieza-Wald umfasst 1500 Quadratkilometer. In den großen Arealen, die einen geringen Schutzstatus haben, wurden schon früher Bäume gefällt. Aber dosiert und mit Bedacht. Diese Politik hat sich geändert. Wird der Wald weiter zerstört, dürften auch die letzten Wisente kaum überleben. db

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