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München

Tatort-Preview: Zwei Kommissare im Land der Reichsbürger

Der neue Münchner „Tatort“ beginnt selbstironisch: In einer kleinen Telefonzentrale in einem Landhaus gehen wütende Anrufe von GEZ-Verweigerern ein. Sie sind nicht bereit, für das öffentlich-rechtlich Fernseh- und Rundfunkprogramm, das ja ohnehin nur Propaganda sende, so die Anrufer, zu zahlen, weshalb sie juristische Hilfe bei den Reichsbürgern suchen.

Reporter Wolfgang M. Schmitt hat sich den neuen „Tatort“ angesehen. Sein Urteil: Das Thema ist brisant, der Film aber nicht, weil er auf kluge Dialoge verzichtet.

Die Kriminalhauptkommissare Batic (Miroslav Nemec, links ) und Leitmayr (Udo Wachtveitl)  Foto: dpa
Die Kriminalhauptkommissare Batic (Miroslav Nemec, links ) und Leitmayr (Udo Wachtveitl)
Foto: dpa

Unter den vielen neurechten Strömungen ist die der Reichsbürger eine besonders kuriose, aber eben auch eine besonders gefährliche. Die Reichsbürger glauben, dass die Bundesrepublik Deutschland kein souveräner Staat, sondern bloß eine von den USA und Israel gesteuerte GmbH ist. Deshalb halten sie sich nicht an die Gesetze, mehr noch: sie schaffen sich in Wild-West-Manier ihre eigene Ordnung und gründen Staaten im Staat – wie zum Beispiel den fiktiven „Staat“ Freiland in der tiefsten bayerischen Provinz. In diese verschlägt es auch die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) in der „Tatort“-Folge „Freies Land“. Zwar wurde ein toter Mann in einer Badewanne in einer Münchner Wohnung gefunden – war es überhaupt Mord? –, doch die Spur führt direkt zu den ominösen Reichsbürgern, zu denen der Tote gehörte.

Die Grenze zwischen dem Volkstümlichen und dem Völkischen ist fließend, dachte sich wohl Regisseur Andreas Kleinert und wartet mit allen Käuzen und Originalen auf, die das „Könglich-Bayerische Amtsgericht“ früher zu bieten hatte. Allerdings sind es nur noch die Schwundstufen: Muskelshirts, kurze Hosen und Haarschnitte, die beim besten Willen keine Frisuren ergeben, dominieren die Szenerien; dazu Volkstheaterstereotype wie den knorrigen Alten und eine Blinde, die alles durchschaut.

Immerhin eine, denn dieser „Tatort“ gibt sich wenig Mühe, die Gedankenwelt der Reichsbürger zu erklären und dagegen politisch oder intellektuell Position zu beziehen. Der Kriminalfall um einen Betrug ist keineswegs spezifisch für diese Gruppierung, nur die Militanz am Ende deutet auf das eigentlich Brisante hin. Auch die Frage, ob man mit Rechten reden sollte, wird nur gestreift, um rasch wieder zum Ulkigen und Drolligen zu schwenken.

Und wenn Batic die Kritik an der etablierten Presse lediglich damit pariert, dass halt Fakten beweisbar sind „von Leut', die Ahnung haben“ und er auch vor dem Kindergartenargument nicht haltmacht, ohne je in Paris gewesen zu sein, könne man schließlich mit Gewissheit sagen, dass der Eiffelturm existiert, macht es sich der „Freies Land“ zu einfach. Am Ende bleibt es ein 08/15-Krimi vor pittoresker Reichsbürgerkulisse.

Niemand erwartet, dass ein „Tatort“ fundamentale politische Diskurse verhandeln muss, doch wenn man sich dazu entschließt, sollte es nicht derart plump geschehen. Ein „Tatort“ könnte die Weltanschauungen der Reichsbürger klug widerlegen – was nicht nur spannender wäre, auch käme das Öffentlich-Rechtliche damit seinem Bildungsauftrag nach.

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