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Koblenz

Wenn ein Absturz Kunst ist: Festungsvarieté verzaubert auf der Festung

Plötzlich stürzt die Seiltänzerin ab. Sie fällt rund fünf Meter in die Tiefe, rast auf den Boden zu – und fängt sich in letzter Sekunde wieder am von der Decke hängenden Tau. Momente wie dieser bringen das Festungsvarieté zum Leuchten.

Immer wieder wollen Zuschauer der Varietéshow „Taste“ auf der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein ihren Augen nicht mehr so richtig traue. Kann es sein, dass für die Artistin Romy Seibt schon vor ihrem dramatisch inszenierten Sturz die Erdanziehung außer Kraft gesetzt ist? Wie ist es möglich, dass sie mühelos Meter um Meter am Seil nach oben gleitet, schwerelos über den Köpfen wirbelt, sich haltlos in die Tiefe stürzt?

Während der dreieinhalbstündigen Dinnershow stockt einem der Atem. Erst recht, als Alexandra Royer bei einer nahezu absurd spektakulären Nummer durch die Luft gewirbelt wird. Zwei Artisten balancieren einen meterlangen flexiblen Barren auf ihren Schultern, auf dem Royer erst tanzt und hüpft – und dann bis knapp unter das Kuppeldach katapultiert wird. Im Flug schlägt sie Salti, dreht Schrauben und landet wieder punktgenau auf dem Steg. Es ist ein Maß an Körperbeherrschung, das den allermeisten Menschen ihr Leben lang nicht vergönnt sein wird.

Bitte keinesfalls zu Hause 
nachmachen

Das trifft auch auf die Künste von Mandi Orozco zu. Die Kanadierin verfügt offensichtlich nur über Gummibänder an Stellen, wo andere Knochen haben. Kontorsion lautet der Fachbegriff für ihr Können. In der Praxis sieht das so aus: Orozco steht bäuchlings auf Händen und Füßen, schiebt ein Bein nach hinten in die Höhe, führt es über Rücken und Kopf, um sich mit den Zehen schließlich eine Haarsträhne aus der Stirn zu wischen. Lesen Sie die Passage ruhig zweimal, um es sich vorstellen zu können – aber noch viel wichtiger: Versuchen Sie das niemals daheim!

Bei der Varietéshow „Taste“ im Kuppelsaal der Festung Ehrenbreitstein geht es nicht nur um Kunstgenuss, sondern auch um Genusskunst. Alexander Hüllen hat ein Vier-Gänge-Menü kreiert. Die Eintrittskarten kosten im regulären Vorverkauf (zuzüglich Vorverkaufsgebühren) je nach Kategorie 95 Euro, 85 Euro oder 65 Euro. Mehr Information über die weiteren Termine und Karten gibt es unter anderem unter www.cafehahn.de

Das gilt auch für die Nummern von David Ericsson. Das glatzköpfige Kraftpaket, das zwischen all der atemberaubenden Akrobatik für die richtige Portion clownesken Humor sorgt, tritt meist in roten High Heels, rosa Hotpants, pinken Flokati-Westchen und einem Absaugpümpel mit Haaren auf dem Kopf auf. Dann balanciert er unter anderem auf einem Holzlöffel im Mund einen Luftballon, auf dem wiederum ein Weinglas steht. Ein schneller Nadelstich, der Ballon platzt, das Weinglas fällt – und wird per Holzlöffel im Mund aufgefangen. Ebenso unwahrscheinlich zuvor Eric Bates' Jonglage mit Zigarrenkisten. Die scheinen abwechselnd aneinander zu kleben oder zu leben, derart faszinierend bewegen sie sich zwischen den Händen des Kanadiers.

Bei anderen Nummern sind nicht einmal Utensilien nötig. So verlassen sich Tristan Nielsen und Eve Bigel allein auf ihre Körper. Bigel springt ihren Partner an, klettert an ihm wie an einem Spielgerüst, wird ihrerseits durch die Luft gewirbelt, aufgefangen und im Handstand balanciert. Eine Körperkunst der ganz besonderen Art.

Zauberei: Viel Klatschen, 
keine Hände

Auf die setzt auch Remi Martin, der die Regie der Show mit Karl-Heinz Helmschrot innehat. Der Alleskönner, der auch am Boden und in der Luft als Akrobat vollkommen überzeugt, lässt für diese Nummer mal die Hosen runter – und zwar alle. Als Sichtschutz dient ein alter, bodenloser Pappkarton, in dem neben Remis Unterleib auch ein Mikrofon steckt. Die Musik spielt, Martin klatscht im Takt – nur eben nicht mit den Händen, sondern durch andere ruckartige Bewegungen.

Mag sein, dass bei dieser Nummer ein wenig geschummelt wird und nicht Martin selbst „klatscht“, sondern der im Hintergrund aktive Musiker Tarran „The Tailor“ Gabriel akustisch nachhilft. Denn die Geräuschvielfalt, die der Kanadier den ganzen Abend mit seinem Mund produziert, ist sensationell. Er verleiht meist mit elektronischen Beats, seinem Banjo, aber vor allem seiner Stimme als Multiinstrument allen Nummern die richtige Atmosphäre. Auch Seibts eingangs beschriebenem Seiltanz. Er wispert, wenn sie sich windet, jault mit jedem noch schnelleren Wirbel lauter auf, fleht nahezu ekstatisch bei jeder Drehung – bis zum dramatisch kunstvollen Absturz.

Von unserem Redakteur 
Markus Kuhlen

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