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Koblenz

"Tosca" als sinfonisches Ereignis

Oper konzertant: Ergibt das Sinn? Wenn dabei ein Ergebnis herauskommt, das mit gleichzeitiger szenischer Aktion kaum zu erreichen ist, auf jeden Fall – meint unser Rezensent.

Ein starkes Protagonistenpaar: Tenor Deniz Yilmaz und Sopranistin Sara Rossi Daldoss in „Tosca“. Foto: Katharina Dielenhein für das Theater Koblenz
Ein starkes Protagonistenpaar: Tenor Deniz Yilmaz und Sopranistin Sara Rossi Daldoss in „Tosca“.
Foto: Katharina Dielenhein für das Theater Koblenz

Von unserem Kulturchef Claus Ambrosuis

Opern konzertant aufführen: Bei einigen würde man jedenfalls nicht protestieren, manches Werk trägt schwer an einer Handlung, die sich uns heute nicht mehr mitteilt, bietet aber so viel bemerkenswerte Musik, dass sich ein Vortrag ohne Bühnenbild, Kostüme und szenische Aktion anbietet. Oder: Ein Theater möchte neben allerhand szenischen Produktionen auch noch eine konzertante anbieten, weil man gerade einen Sänger im Ensemble hat, den man unbedingt in einer Rolle präsentieren möchte, aber die Produktion mit allem Drum und Dran scheut. Man könnte sich noch mehrere Varianten ausdenken – so ganz überzeugen sie wohl allesamt nicht, wenn man sich fragt, warum das Theater Koblenz nur kurz nach einer ringsumher von der Regie wie auch von der musikalischen Umsetzung hervorragenden „Tosca“-Produktion drei konzertante Aufführungen des beliebten Werks auf den Spielplan setzt.

Kann es zuviel Puccini geben?

Da es aber für Melomanen und andere Opernfreunde gar nicht genug Puccini geben kann, durfte sich auch die erste von drei „Tosca“-Vorstellungen über guten Zuschauerzuspruch freuen. Und diese bekamen, allen erwähnten Überlegungen zum Trotz, eine bemerkenswerte Aufführung geboten – und das, obwohl an diesem Abend zwei Systeme scheinbar in ganz unterschiedliche Richtungen zu streben schienen.

Da sind zum Einen die Sänger, die sich – kaum verwunderlich bei der Geschichte um die Sängerin Tosca, in der reichlich Blut fließt und Leidenschaft, Eifersucht und Gewalt so nahe beieinanderliegen – auch darstellerisch voll ins Zeug legen. Als wollten sie überdecken, dass sie in Konzertkleidung hinter Notenständern stehen.

Auf der anderen Seite steht Enrico Delamboye, Chefdirigent des Theaters Koblenz. Und er geht nicht den Weg, diesen Abend möglichst genau so erscheinen zu lassen, als wäre alles so wie immer minus ein bisschen Bühne und Kostüm: Mit dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie entwirft er einen Klangrausch, wie ihn das Orchester nur in großer Besetzung auf der Bühne und niemals, kleiner besetzt, im kleinen Koblenzer Orchestergraben erreichen kann. Und die Platzierung ganz nach Gusto des Dirigenten sorgt etwa in der Kantate des zweiten Aktes für eine beglückende akustische Raumstaffelung. Und es kommt noch mehr hinzu. Delamboye wagt Dinge, die so schlicht und einfach gemeinsam mit szenischer Darstellung nicht funktionieren würden.

Wenn etwa im Kirchenbild des ersten Aktes die Messdiener auftreten und in ein lustiges Scherzen verfallen – was Puccini spielerisch tänzelnd auskomponiert hat –, wird sich in jeder Inszenierung auch szenische Aktion für Chor und Kinderchor wiederfinden, die ein atemberaubendes Tempo und ebensolche Anschlüsse wie die jetzt von Delamboye gewählten verbieten würde. „Tosca“ also stellenweise – und das auch in wichtigen, sonst oft Wackler-behafteten Momenten, mal ganz anders. Dass dadurch der Fokus hier in Richtung Orchester und Dirigent verrückt wird, ändert nichts daran, dass die Sänger Beachtliches bieten und vom Publikum entsprechend gefeiert werden. Unter den Hauptpartien ist nur Tenor Deniz Yilmaz als Maler Mario Cavaradossi wieder dabei. Und er ist in strahlender Form, prunkt mit langem Atem und Stimmenglanz.

Mit Verve in die größere Partie

So ist er für seine Tosca, die italienische Sopranistin Sara Rossi Daldoss, ein besonders verlässlicher Partner: Sie singt in Koblenz auch die lyrischere Partie der Mimì in Puccinis „La Bohème“, und es ist für Opernfreunde ein interessantes Vergnügen, hier einmal live zu erleben, wie sich eine Sängerin eine größere, dramatischere Aufgabe mit spürbarer Hingabe, aber auch schlauer Disponierung ihrer Kondition und zielgenauer Interpretation hineinwirft.

Da passt es gut, dass sich Nico Wouterse, Ensemblemitglied aus Koblenz, neben den beiden Gästen als stimmmächtig-auftrumpfender Baron Scarpia mehr als behaupten kann in einer seiner bislang besten Partien am Haus: In der für Scarpia tödlichen Konfrontation mit Tosca brennt geradezu die Luft: Das ist Oper, und das Attribut „konzertant“? Ist in diesem Moment beinahe vergessen. Claus Ambrosius

Vorstellungen am 18. und 25. Dezember, Karten unter Tel. 0261/129 28 40 sowie unter www.theater-koblenz.de

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