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Sprachkritik: Wenn ihr nicht redet wie die Kinder

Wolfgang M. Schmitt

Alles beginnt über den Wolken: Der Wiener Philosoph Robert Pfaller fliegt von Europa in die USA und will sich die Zeit mit einem Film vertreiben. Ausgewählt hat er das Drama „Liebe“ von Michael Haneke, doch bevor der Film gezeigt wird, erscheint der Warnhinweis „adult language“ (Erwachsenensprache). Pfaller stutzt. Warum hält die europäische Fluggesellschaft es für nötig, einen Erwachsenen vor einem Film für Erwachsene zu warnen?

Der Begriff „Political Correctness“ hat es selbstverständlich auch in den Duden geschafft. Robert Pfaller warnt vor dieser Hypersensibilität beim Sprachgebrauch, weil die Gesellschaft droht, immer infantiler und empfindlicher zu werden.  Foto: dpa
Der Begriff „Political Correctness“ hat es selbstverständlich auch in den Duden geschafft. Robert Pfaller warnt vor dieser Hypersensibilität beim Sprachgebrauch, weil die Gesellschaft droht, immer infantiler und empfindlicher zu werden.
Foto: dpa

Zudem es sich bei „Liebe“ weder um einen pornografischen oder gewalttätigen Film handelt, sondern um die berührende Liebesgeschichte eines alten Ehepaars. Pfaller erkennt in dem absurden Warnhinweis mehr als eine Bagatelle, vielmehr ist es ein Symptom für etwas viel Größeres – nämlich die zunehmende Bevormundung von Erwachsenen durch eine Politik der politischen Korrektheit, der Sprachhypersensibilisierung und der Verbote.

Was wird man noch sagen dürfen?

Dieses Erlebnis gab den Anlass für Pfallers neuestes Werk: Es heißt „Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“ – und ist nichts weniger als das Buch der Stunde. Kritiken an politisch korrekten Sprachregelungen, bevormundenden Inklusionsbestrebungen und Sicherheitsideologien gibt es zuhauf, doch der Philosoph legt hier keine bloße Polemik, sondern eine dezidierte, brillante und hochamüsante Analyse des herrschenden Zeitgeistes vor. Oftmals kritisieren vor allem Rechte unter dem Motto „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ die politische Korrektheit, welche dann als linksliberale Irrlehre identifiziert wird. Pfaller aber begnügt sich nicht mit solchen Polemiken, sondern stellt vielmehr verblüffende ökonomische und politische Zusammenhänge her.

In den vergangenen Jahren, so Pfaller, konnten wir eine von den Volksparteien betriebene Neoliberalisierung der Gesellschaft beobachten. Die Ungleichheit wuchs, soziale Sicherheiten wurden aufgekündigt, Öffentliches privatisiert, und selbst „Bildung und Gesundheit verfielen einem irrationalen Ökonomisierungsdruck“. Gleichzeitig wurde von denselben neoliberalen Agenten eine dem scheinbar entgegengesetzte Identitätspolitik betrieben: Minderheiten wurden wie aussterbende Tierarten geschützt, mit dem Gendermainstreaming der Sprache wollte man die Gleichberechtigung der Geschlechter ermöglichen, Nichtraucher schützte man vor bösen Rauchern, überall brachte man Warnhinweise an. Politik und Wirtschaft behandeln Erwachsene wie kleine Kinder, die selbst nicht wissen können, was gut für sie ist. „Pseudopolitik“ nennt das Pfaller: „Pseudopolitik hat in den letzten Jahrzehnten regelmäßig darin bestanden, [...] anstelle der politischen Probleme vorzugsweise jene zu behandeln, welche erwachsene Menschen durchaus selbst handhaben können. Durch Ermunterung zur Empfindlichkeit hat sie Menschen infantilisiert.“

Statt sich tatsächlich für eine politische Gleichheit einzusetzen, bemäntelte man die Ungleichheit mit netten Worten. Pfaller erinnert das an das Wien zur Kaiserzeit, als man, anstatt die finanzielle Lage von Personen zu verbessern, ihnen wohlklingende Titel wie „Regierungsrat“ oder „Kommerzialrat“ verlieh. Heute wird die prekär beschäftigte Putzfrau zur „Raumpflegerin“ erklärt, und lieber diskutiert man stundenlang über die korrekte Bezeichnung einer ethnischen Minderheit, als deren tatsächliche Lage in der Gesellschaft zu verbessern. Verantwortlich für diese Entwicklung ist Pfaller zufolge der Einfluss der USA, speziell die akademischen und kulturellen Eliten. Obwohl lange schon vor der #MeToo-Debatte geschrieben, ist „Erwachsenensprache“ der bislang interessanteste Kommentar zur gegenwärtigen Diskussion, wenn man nur einmal an die überall waltenden Kunstreinigungskräfte denkt, die am liebsten Kevin Spacey und seine beschuldigten Kollegen nachträglich aus allen Filmen entfernen würden.

Hervorragend legt Pfaller die Scheinheiligkeit der Sprachhüter und Moralapostel bloß, wenn er sagt: „Political Correctness ist ein Sprachspiel unter Privilegierten, das sich in der Regel in Abwesenheit derer vollzieht, um die es dabei angeblich geht.“ Und fragt völlig zu Recht: „Wo waren eigentlich die tapferen Streiterinnen und Streiter mit ihrer angeblich wirklichkeitsverändernden Sprachpedanterie, als im Zuge der Bologna-Reform der Universitäten so schöne, altmodische und überhaupt nicht geschlechtsneutrale Titel wie ‚Bachelor‘ und ‚Master‘ europaweit implementiert wurden?“

Lob der Höflichkeit

Speziell der vermeintlich politisch korrekte und moralisch integre Umgang mit Minderheiten wird gern als Ausdruck des Respekts etikettiert, doch das kauft Pfaller niemandem ab, weil Minderheiten gerade oft dann respektlos behandelt werden, wenn man auf all ihre Empfindlichkeiten Rücksicht nimmt: „Wir sind Erwachsene, und von allen Erwachsenen darf erwartet werden, dass sie sich als solche verhalten.“ Ob Mann, Frau oder Transsexueller – jeder muss Persönliches hintanstellen können, um als wahrer Bürger zu agieren. Das bedeutet Höflichkeit: „Die kleine Anstrengung der Höflichkeit kann mindestens von der Faulheit der eigenen Befindlichkeiten befreien; und ihre Erfahrung kann andere erinnern, dass auch sie in der Lage sind, sich über ihre Launen und Stimmungen zu erheben.“

Mit Bezügen zu Immanuel Kant und den Psychoanalytikern Sigmund Freud und Jacques Lacan zeigt Pfaller auf, wie das bürgerliche Leben gerettet werden und Gleichheit möglich sein kann. Wären wir an Bord eines Flugzeugs, müsste spätestens jetzt die Lektürewarnung kommen, dass das Buch anspruchsvoll ist, ja, dass „Erwachsenensprache“ in Erwachsenensprache geschrieben ist. Doch Pfaller ruft uns zu: „Misstrauen Sie jedem, der Sie als schutzbedürftig und schwach hinstellt. Jene Gouvernanten und scheinbaren Beschützer, die das tun, beschützen Sie überhaupt nicht. Die wollen Ihnen nur jenes, erwachsene, stolze Ich wegnehmen, das zu politischen Bürgerinnen und Bürgern gehört.“

Rober Pfaller: „Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“. Fischer, 247 Seiten, 14,99 Euro.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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