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Koblenz

Oratorium der großen Emotionen

Welche Dramatik, welche große Geschichte im Fokus des vierten Anrechtskonzertes in der Rhein-Mosel-Halle: Das erste Chorkonzertes der Saison brachte die Begegnung mit dem Oratorium "Le Roi David" des Schweizer Komponisten Arthur Honegger (1892–1955).

Stilsicher und meisterhaft in der Einteilung des Abends: Sopranistin Heidrun Kordes in Arthur Honeggers „Le Roi David“  Foto: Thomas Frey
Stilsicher und meisterhaft in der Einteilung des Abends: Sopranistin Heidrun Kordes in Arthur Honeggers „Le Roi David“
Foto: Thomas Frey

Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

Eine der ganz großen Geschichten der Bibel: Die Besucher des Anrechtskonzertes erleben den Kampf Davids gegen Goliath, den Aufstieg des einstigen Hirtenjungen zum Herrscher eines Großreiches Israel von nie zuvor oder danach wieder erreichtem Umfang. Die Geschichte David ist schon in Georg Friedrich Händels Oratorium „Saul“ ein tragendes Element – Arthur Honegger (1892–1955) inspirierte sie 1921 zu einer Schauspielmusik, die er für konzertante Aufführungen mit einem die Handlung referierenden Erzähler zum Oratorium erweiterte. Die Begegnung mit diesem Werk von 1923 ist aufschlussreich – besonders dann, wenn sie wie jetzt in Koblenz mit dem Gloria des Honegger-Zeitgenossen Francis Poulenc (verbunden wird. Als Mitglieder der „Groupe des Six“ stehen beide für die französische Musik zwischen den Weltkriegen – für eine Rückkehr zu klassischen Formen im Bewusstsein des musikalischen Fortschrittes. Beim tiefgläubigen Katholiken Poulenc wurde daraus in seinem „Gloria“ einerseits der erwartbare Lobpreis Gottes in der Höhe mit Pauken und Trompeten – aber auch eine unerhörte Verspieltheit (etwa im „Domini fili unigenite“).

Klangpracht und deren Brechungen durch eine klare Kante: Das gelingt der Rheinischen Philharmonie, allen voran den besonders geforderten Bläsern, an diesem Abend in beiden Stücken ausgesprochen gut. Und das auch, weil Mathias Breitschaft am Pult des Orchesters und als Leiter des Chores des Musik-Instituts die langen Entwicklungen und Bogen im Auge behält und die Werke nicht auf kurzlebige Effekte reduziert.

Dass der Chor für die speziellen Anforderungen dieser Musik gut vorbereitet ist, wird hör- und sichtbar. Aber auch, dass das Ensemble gegen die Lautstärke-Reserven, die das Orchester zu bieten hat und keinesfalls in den Vordergrund drängt, nicht immer ankommt – und es dabei um die Besetzung in den Frauenstimmen besser bestellt ist als um die der Männerstimmen.

Das schmälert allerdings nicht das ganz außergewöhnliche Hörerlebnis bei „Le Roi David“, das Hörgewohnheiten infrage stellen kann, besonders, wenn man eine recht fixe Meinung hat, was denn nun geistliche Musik ist was weltliche. Um der Handlung besser folgen zu können, ist den im französischen Original gesungenen Texten der Erzählertext auf Deutsch beigegeben – eine gute, die Aufmerksamkeit schärfende Idee. Durch elektrische Verstärkung mit reichlich Hall wirkt es dabei beinahe, als wolle Christoph Maria Kaiser, Schauspieler am Theater Koblenz, in die Welt der großen Bibelverfilmungen entführen, der kräftige Pathos des Textes tut das seine hinzu.

Doch genau das ist es, was die 27 kurzen Musikszenen zusammenhält, in denen in übersichtlichen Partien eine Mezzosopranistin und ein Tenor (Regina Pätzer und Thomas Dewald) und eine Sprecherin (Lokalmatadorin Monica Mascus als Hexe von Endor) zum Einsatz kommen. Eine Art Live-Bibel-Hörspiel mit berückender, ausgesprochen emotionsgeladener Musik. Wobei besonders Sopranistin Heidrun Kordes mit bewundernswerter französischer Diktion und stimmlicher Eleganz und einer Kondition bis zum ein gewaltiges Ensemble krönenden Finale ein großer Verdienst zukommt.

Mit einem fulminanten, geradezu transzendenten Finale zum Tod Davids verweisen Text und Musik einerseits auf den kommenden Messias – andererseits zeigt sich auch hier der lyrische, nicht auf Äußerlichkeiten angelegte Interpretationsansatz Breitschafts. Eine runde Sache mit kleiner „Neuland“-Herausforderung für manchen Sänger und Zuhörer, der beim zweiten Chorkonzert am 13. April das Verdi-Requiem mit den vereinten Stimmen von MI- und Limburger Domchor folgen wird. Also erneut ein Stück, das mit seiner packenden Theatralik Fragen nach dem, was geistlich ist was weltlich, provozieren und gleich darauf zum Verstummen bringen kann.

Informationen zum Programm der Anrechtskonzerte unter www.musik-institut-koblenz.de

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