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"Meistersinger" ohne Haltung

Ob und wo Richard Wagners Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" antisemitisch ist: Dazu wurden Regalmeter von Büchern geschrieben. Viele inszenatorische Haltungen sind möglich – auch die der neuen Wiesbadener Produktion, die sich auf einen Generationenkonflikt konzentriert und jede weitere politische Dimension des Werkes schlicht ignoriert.

Prächtig sind „Die Meistersinger von Nürnberg“ in der Neuinszenierung am Hessischen Staatstheater Wiesbaden durchaus anzusehen. Wie schön wäre es, wenn sich Regisseur Bernd Mottl noch zu einer Behandlung der drängenden Problemstellen des Werkes hätte verleiten lassen.  Foto: Karl & Monika Forster
Prächtig sind „Die Meistersinger von Nürnberg“ in der Neuinszenierung am Hessischen Staatstheater Wiesbaden durchaus anzusehen. Wie schön wäre es, wenn sich Regisseur Bernd Mottl noch zu einer Behandlung der drängenden Problemstellen des Werkes hätte verleiten lassen.
Foto: Karl & Monika Forster

Wohl kein anderes Werk des Komponisten Richard Wagner (1813–1883) ist mehr Gegenstand der Diskussion um den Antisemitismus seines Schöpfers geworden als „Die Meistersinger von Nürnberg“. Seit der Uraufführung 1868 haftete dem Treiben um eine verknöcherte Nürnberger Zunft, deren Regeln von einem jungen Ritter erfolgreich auf den Kopf gestellt werden, das Prädikat einer Nationaloper an – mit allen guten wie schlechten Begleiterscheinungen. In der kaum zu leugnenden Judenkarikatur, die in der Figur des Stadtschreibers Beckmesser in dieser Oper eben auch angelegt ist, und nicht zuletzt in der großen Schlussansprache von Hans Sachs, die gegen „falsche welsche Majestät“ die „heilge deutsche Kunst“ setzt, nahmen viele unheilvolle Interpretationen ihren Ausgang, 1943 vermeldete das Programmheft der Bayreuther Festspiele die Mitwirkung von „Hitlerjugend, BDM und Männer der SS-Standarte Wiking“ im dritten Aufzug. der Nachkriegszeit haben sich folgerichtig viele Inszenierungen der „Meistersinger“ an Werk und Rezeptionsgeschichte mit unterschiedlichen Erfolgen abgearbeitet. Man mag zu all diesen Interpretationen stehen, wie man will: Dass sich aber eine Regie dem Politischen in den „Meistersingern“ so konsequent verweigert wie jetzt in Wiesbaden, kann in zentralen Momenten eigentlich nur noch erschüttern.

Regisseur Bernd Mottl hat sich in Wiesbaden erstmals mit einer grandios-flotten Revuesicht auf Leonard Bernsteins Comic Operetta „Candide“ vorgestellt – auch seine „Meistersinger“ zeigen mitunter fantastische Schauwerte. Und auch eine zentrale, stellenweise originelle Grundidee: Mottl nimmt den im Stück angelegten Generationenkonflikt der unflexiblen Alten gegen die dem Fortschritt wohlgesonnenen Jungen ins Zentrum – und verlegt die alten Meistersinger sprichwörtlich ins betreute Wohnen. Im Wohnstift findet sich praktischerweise auch die Kneipe (samt Festsaal) „Alt Nürnberg“, und zu ihren Zusammenkünften dürfen die erschütternd klischeehaft herumtatternden Meister dann auch historische Kostüme zwischen ihren jungen Pflegern auftragen (Bühne und Kostüme: Friedrich Eggert).

Das schafft anrührende Szenen, wenn etwa Hans Sachs allein in seinem Zimmer Dias seiner verstorbenen Familie ansieht – aber diese eine, im Vergleich zur Wagner-typischen XXL-Überlänge des Abends doch winzig kleinen Idee wird nicht genug aufgeladen, um auch die anderen, hier komplett ignorierten Ebenen des Werks einzubeziehen. Etwa der nächtliche Aufstand der tagsüber braven Nürnberger Bürger zum Ende des zweiten Aufzugs, der sich eigentlich in roher Gewalt gegen den Außenseiter Beckmesser entlädt: Diese brutale Demaskierung findet in Wiesbaden nicht statt, wo das junge Pflegepersonal in Ledermontur alle Alten aus dem Haus zerrt und in deren Zimmern ausgelassen feiert. Halbstarke statt „besorgte Bürger“, Party statt Pogromvorstufe: Das ist schon eine ärgerliche Unterlassung. Und die findet ihre Erfüllung durch Nichtstun in Sachsens Schlussansprache: Anscheinend hört ihm niemand zu, keiner will genau wissen, was der Alte da so vor sich hinsingt. Opa erzählt vom Krieg. Erst, als die ganze Jugend fortissimo in die „Heil!“-Ausrufe des Finales einstimmt, ist es den alten Meistern nicht geheuer – doch diese kleine Irritation kann man sicher nicht als Feigenblatt einer Inszenierung durchgehen lassen, deren Haltung darin besteht, keine zu haben.

Wenn nun noch musikalische Höchstleistungen zu vermelden wären, ginge man versöhnter aus der vom Wiesbadener Publikum kritiklos bejubelten Premiere: Doch auch hier kann die Neuproduktion nicht besonders viel Ehre einlegen. Ein besonders rätselhafter Fall ist das Dirigat des Wiesbadener Generalmusikdirektors Patrick Lange. Das Problem ist nicht das zu Beginn leicht verunglückte Vorspiel, das kann bei diesem Stück immer mal passieren. Vielmehr stehen hier langen Passagen völlig organischen Musikflusses immer wieder verhetzte, bis an die Grenzen der Singbarkeit oder über diese hinaus übereilten Tempi gegenüber, was auch das Wiesbadener Orchester nicht gerade weniger störanfällig als sonst hinterlässt. Die „üblichen Verdächtigen“ der potenziellen Stolperstellen hingegen gelingen oftmals gut, nicht zuletzt die heikle „Prügelfuge“ oder das von der Sopranistin Betsy Horne als Eva berückend schön angeführte Quintett „Selig wie die Sonne“.

Auch die Auswahl der Solisten hinterlässt Fragezeichen: Diese beginnen bei reinen Geschmacksfragen – etwa danach, ob der ausgesprochen hell und jugendfrisch klingende, aber von der Regie als Greis gezeichnete Sachs von Oliver Zwarg in dieser Inszenierung nicht zwingend unglaubwürdig geraten muss. Und enden bei Unverständlichem: Es kann doch im Probenprozess nicht unbemerkt bleiben, dass der hochverdiente und wie immer herrlich quirlig agierende Spieltenor Erik Biegel in der Rolle des Lehrbuben David nahezu alle vokalen Waffen strecken muss.

Ritterlicher Tenorschmelz

Der Beckmesser von Thomas de Vries hat stimmlich keine Probleme, als Figur bleibt er wenig fassbar – was man rundherum dem Umstand zuschreiben kann, dass die Inszenierung ihm eben auch keine klare Konturierung mitgibt. Ebenso weiß auch Marco Jentsch sichtlich kaum, gegen wen oder was er als Ritter Stolzing hier zu opponieren hat – doch bei seinen langen und mit erfreulich frischen Kraftreserven vorgetragenen Liedstrophen lässt man sich ja allzu gern von Tenorschmelz und Streicherklang verzaubern. Opern- und Extrachor (Einstudierung: Albert Horne) schmeißen sich mit Verve in ihre großen Aufgaben – und sorgen so für viele große Momente, die es in dieser Produktion dann doch auch zu erleben gibt. Doch das reicht eben nicht, wenn man bedenkt, welchen Aufwand in jeglicher Hinsicht dieses Werk verlangt und welchen Stellenwert es einnimmt, kann man sich nur wundern darüber, dass ein Opernhaus und ein Regisseur sich die Chance entgehen lassen, Stellung zu nehmen zu der Oper, die mit Politik und Weltgeschehen verzahnt ist wie wohl keine zweite.

Claus Ambrosius

Tickets und Termine unter Tel. 0611/132.325

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