40.000
Aus unserem Archiv
Koblenz

Harald Martenstein und die Seltsamkeiten des Lebens

Ob Harald Martenstein über seine Lesung in Koblenz eine Kolumne verfassen wird? Sie könnte so beginnen: "Bevor ich mich setzte, spielte ein Musiker auf seiner Flöte, wobei er auch Schlagzeuggeräusche mit dem Mund machte. Das wunderte mich."

Harald Marteinstein
Harald Martenstein: Der "Zeit"- und "Tagesspiegel"-Autor las bei Reuffel aus seinen Kolumnen.
Foto: Ganz Ohr

Koblenz – Ob Harald Martenstein über seine Lesung in Koblenz eine Kolumne verfassen wird? Sie könnte vielleicht so beginnen: "Bevor ich mich an den kleinen runden Tisch setzte, der mitten in der mit Menschen gefüllten Buchhandlung stand, und meine Bücher auspackte, spielte ein Musiker auf seiner Querflöte, wobei er neben den Flötentönen auch Schlagzeuggeräusche mit dem Mund machte. Darüber habe ich mich gewundert."

Als der Musiker Dirko Juchem beim "Ganz Ohr"-Leseabend Martensteins bei Reuffel den festivaltypischen "musikalischen Teppich" ausrollte und die noch junge Technik des "Jazz-Flute-Beatboxing" vorführte, schaute der "Zeit"- und "Tagesspiegel"-Kolumnist neugierig um die Ecke. Er schmunzelte vergnügt. Juchems Darbietung hatte bei aller Virtuosität auch etwas Skurriles, zumindest etwas Unerwartetes an sich. Dafür gab es satten Applaus vom Publikum und Lob vom Autor.

Die Skurrilität des Alltags, die Seltsamkeiten des Lebens: Das sind schließlich Martensteins Themen. Oft genug entdeckt er sie erst, wo alle anderen nichts bemerken, und schreibt formvollendet darüber. Martenstein sendet wöchentlich sein "Lebenszeichen" - so heißt seine Kolumne im "Zeit-Magazin", in der er einen intelligent reflektierten, oft launigen, meist staunenden, manchmal herrlich bissigen Blick auf die Welt wirft - auf deren Absonderlichkeiten, Trend-Verrücktheiten, Freudentage und Ärgernisse. Bei "Ganz Ohr" las er jetzt aus seinen Kolumnen, "die längst Kult sind", wie Reuffel-Chefin Ruth Duchstein in ihrer Begrüßung zutreffend erklärte.

Wenn Martenstein etwa über die Sprachgewohnheiten seines pubertierenden Sohnes schreibt, darüber, dass gerade alles Gute "geil" und bald gar "porno" sei, dann wird daraus eine herrlich versponnene Sozio-Sprach-Analyse. Oder die Sache mit den Umfragen: Laut einer solchen glaubt ein Prozent der Deutschen, dass Frankreich unser Land mit einem Atomkrieg bedrohe. Frankreich! Martensteins Schlussfolgerung: "Jeder Hundertste, der mir auf der Straße begegnet, ist komplett verrückt und gaga." Fast noch absurder: "In Berlin sprechen sich in einer Umfrage 74 Prozent für die Bewaffnung der Busfahrer aus." Martenstein sieht schon eine Armee der Busfahrer gen Frankreich marschieren ...

Wenn er liest, erweckt er seine Texte wirklich zum Leben. Sein Tempo ist bedächtig, er kostet jede Zeile aus, betont jede Pointe, auch mit Gesten. Wer ihm zuhört, erfährt, wie seine Texte gemeint sind, wie sie klingen sollen. Und die Zuschauer lachen sich kaputt. "Sie sind ja richtig nett", bedankt sich der sympathische Autor für den Beifall. Der tost laut und lang durch die Buchhandlung. Kein Wunder: Martenstein hören ist fast noch besser als Martenstein lesen. Tim Kosmetschke

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
Claus Ambrosius 

Leiter Kultur

Claus Ambrosius

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Anke Mersmann

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Melanie Schröder

 

Kontakt per Mail

Anzeige
Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!