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Koblenz

Festival am Theater Koblenz: Tanz ist alles – alles ist Tanz

Claus Ambrosius

Die Zusammenstellung einer Tanzgala ist vermintes Gebiet: Wo platziert sich der Gastgeber, ohne die Gäste zu düpieren? Wie gruppiert man Hochdruck-Virtuosität zu meditativen Stücken, ohne einer Seite die Wirkung durch die andere zu rauben? Und vor allem: Wer gibt den Rausschmeißer?

Branchentreff auf der Seitenbühne: Mit großem Interesse verfolgen Kollegen den Auftritt von Nami Ito und Guilherme Correia Carola.  Foto: K. Dielenhein
Branchentreff auf der Seitenbühne: Mit großem Interesse verfolgen Kollegen den Auftritt von Nami Ito und Guilherme Correia Carola.
Foto: K. Dielenhein

Die hohe Kunst des Galafinales war am Wochenende zur Gala der Tanzart Ostwest einer Solistin anvertraut. Und was für einer: Annett Göhre, Ballettdirektorin und Chefchoreografin am Theater Plauen-Zwickau, hat auch in Koblenz schon als Choreografin („Hair“, „Cats“) gearbeitet und dabei auch Sänger und Tänzer zur begehrten Leichtigkeit des tänzerischen Ausdrucks geführt. Auf welch hartem Boden diese Leichtigkeit wächst, zeigt Göhre zur Gala in einem Ausschnitt ihres Soloabends „Schwanengesang“.

Zwischen Training und Verletzung

Schwan? Da war doch was? Genau: Das Koblenzer Ensemble trägt Göhre wie zur Totenprozession auf die Bühne. Dazu ein „Schwanensee“-Motiv aus der Spieluhr. Vom Ende geht es zum Beginn: Im Hintergrund werden die Titel der Stücke projiziert, in denen Göhre als Tänzerin mitwirkte. Was halt so kommt in einer Karriere: „Carmina burana“, „Requiem“, sowieso Mozart vertanzt, „Giselle“, Tschaikowsky von links nach rechts und bedeutungsschwer betitelte Themenabende. Dazu die Tänzerin in Übungshaltung, immer wieder Öffnen und Schließen des gestreckten rechten Beines: 187.200 Mal, so rechnet sie detailliert vor, hat sie dieses Battement tendu während ihrer achtjährigen Ausbildung vollführt – und das nur mit dem rechten Bein! Göhre ahmt die unbarmherzigen Lehrer nach, deren Rolle nach der Ausbildung auf die Choreografen übergeht, die sich in oft widersprüchlichen, noch öfter aber kaum nachvollziehbaren Anforderungen überbieten. Das ist zum Heulen traurig und zum Schreien komisch – jede Ausgelassenheit im Publikum verstummt, als die Tänzerin ihre Verletzungen aufzählt. Und zwischen diesen Wechselbädern findet Annett Göhre zu wunderschönen Sätzen, die ihr Ballettkabarett in der Tiefe grundieren. In denen alles Tanz und Tanz alles ist, eine Inspiration in Bewegung – trotz allem. Den Schlusssatz dürfen auch die Nichttänzer im Publikum zum späteren Nachdenken mit nach Hause tragen: „Hätte ich damals geahnt, dass das die beste Zeit meines Lebens ist – ich wäre besser gelaunt gewesen.“

Jubel dafür vom Publikum, das nach eineinhalb prallen Programmstunden warmgeklatscht ist: Schon das gastgebende Koblenzer Ballett zeigt zur Eröffnung mit dem Ausschnitt seiner aktuellen Produktion „Odyssee“, wie ein Stück nach der Premiere zu noch stärkerer Intensität reifen kann. Dessen Schöpfer, der mit Charme und Chuzpe die Gala moderierende Koblenzer Ballettdirektor Steffen Fuchs, setzt dabei nicht nur auf den neoklassischen Stil, sondern auch auf die nicht zu trennende Verbindung der Musik – hier „Short Ride in a Fast Machine“ von John Adams. Tarek Assam hingegen, Chef der Gießener Tanzcompagnie, käme in seiner Meditation über Schwerkraft in „Two Tone“ zur Not womöglich auch ganz ohne diese aus. Maria Adriana Dornio und Bayarbaatar Narangerel deklinieren die bodenzentrierte Formensprache des Stückes mit beachtlicher Athletik und Kondition durch – über Letztere verfügen auch Camilla Matteucci und Alessandro Giovine vom Ballett Würzburg im Überfluss. Choreograf Fabio Liberti lässt sie in „Don't Kiss!“ beinahe das komplette Stück über in küssender, also an den Mündern verbundener Haltung, zusammenkleben. Was dabei tänzerisch möglich ist, muss man gesehen haben, um es zu glauben.

Rundkurs zu Händel

Ein beeindruckendes Solo liefert Marcos Novais vom Ballett Augsburg ab, der in der Choreografie von Ricardo Fernando einen vor Kraft vibrierenden Rundkurs auf der Koblenzer Bühne absteckt und dafür gefeiert wird. Dass dabei Händels Arie „Lascia chio panga“ erklingt, beeinflusst weder die Dynamik des Tanzes noch dessen Struktur merklich. Geradezu aus der Musik heraus hingegen erwächst „Farewell“ von Huang Qicheng, das Gastspiel aus China: Zur Livemusik der chinesischen Oboe und einer Zither wachsen die Beine der elfenhaften Huang Taotao aus dem Boden: Ein musizierter, rezitierter und getanzter Abschiedsgruß, der die Zerissenheit zwischen Tradition und Moderne in ätherisch-intensive Bilder fasst. Zuvor findet ein Duell von frechem Hauskätzchen und kraftvoll-elegantem Tigertier mit Nami Ito und Guilherme Correia Carola, den Abgesandten der Mannheimer Akademie des Tanzes, im „Pas de Katz“ in zwei ausgesprochen starken Soli ihren frühen Höhepunkt.

Der Titelheld in James Sutherlands Choreografie „O Superman“ kann aus dem entspannten Stand auf einen Stuhl hinaufschnellen – ist ansonsten aber in Jeans und Shirt und im Angesicht aller Pros und Kontras einer Paarbeziehung ein ganz normaler Typ. Camilla Marcati und Hu Tien Tran aus dem Ensemble pfalztheatertanz aus Kaiserslautern arbeiten in der kräftezehrenden Szene uhrwerksgleich zum Puls der Musik von Laurie Anderson zusammen und werden vom Galapublikum dafür gefeiert. Über diese Welle von Begeisterung können sich auch Sayaka Kado und Daniel Alwell vom Hessischen Staatsballett freuen, die mit zwei Ausschnitten aus einer Choreografie ihres Ballettdirektors Tim Plegge zu Schuberts „Winterreise“ die Aufgabe meistern, die Zuschauer in die dunkel gleißende Gedankenwelt dieses Liedyzklus zu ziehen – und noch gegen die außerordentlich starke Bearbeitung der Musik durch Hans Zender, ein Stück Theater für Ohren in sich selbst, zu bestehen.

Schade, dass ein solches Bonbon die Ausnahme bleibt. Aber sonst wäre die Gala ja auch keine Gala. Tanzart Ostwest bleibt als Low-Budget-Veranstaltung auf Gegenseitigkeitsbasis der Realpolitiker unter den Festivals: Die Begeisterung der Tänzer aus allen Orten, die die Beiträge der Kollegen mit mindestens ebenso großem Interesse verfolgen wie das verzückte Publikum, adelt den Abend zu einem Saisonhöhepunkt.

Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius
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