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    Die Königin der Wohlfühlatmosphäre: Helene Fischer befreit Köln von Problemen

    Vielmehr Show als Konzert: Die 33-jährige Schlagersängerin zieht in der Lanxess-Arena alle Register zwischen Spektakel und Kitsch. Mit ihrer aktuellen Live-Tour legt sie das Erfolgsprinzip Helene Fischer offen.

     

    Foto: picture alliance

    „Der Schlager ist die Seele des Volkes“, hat Sänger Costa Cordalis mal in einem Fernsehinterview die Essenz des Phänomens Schlager benannt. Gemeinsam feiern und aus dem Alltag fliehen, den Glauben an eine heile, auf und aus Liebe gebaute Welt nah am Herzen und fest in den Köpfen. In der Zeitrechnung des Schlagers bleibt alles hinter einem zurück, stört nichts die problembefreite Kulisse. Grundsätzlich nicht. Und schon gar nicht bei Schlagerkönigin Helene Fischer. Ihre Konzerte sind perfektioniertes Opium fürs Volk, verbrüdern und verschwestern generationsübergreifend. Das zeigte sich jetzt in Köln, wo sie noch bis zum Sonntag mit der Helene-Fischer-Live-Tour Station macht.

    Die derzeit erfolgreichste Musikerin Deutschlands, gemessen an Plattenverkäufen sogar Europas, sagt selbst immer wieder über sich, ihre Aufgabe bestehe darin, ihren Fans eine gute und glückliche Zeit zu bereiten – so effektiv es eben geht. Dafür hat Fischer jetzt in ungekannter Weise Glamour, Bombast, Spektakel und Schlager vereint. Ihre aktuelle Bühnenshow ist nicht nur ein Blick über den eigenen Tellerrand, sondern auch einer über den großen Teich.

    Von US-amerikanischen Popgrößen gelernt

    Schillernd wie US-amerikanische Popgrößen setzt sich die Sängerin in der Lanxess-Arena paradiesvogelgleich mit vielen Artistikeinlagen in Szene. Ihre Show legt die perfekt kalkulierte Balance zwischen artifiziellem Popspektakel und dem nahbaren, bodenständigen Image des immer noch nicht abgehobenen Mädchens von nebenan offen. Auf der Leinwand flammt zu Beginn Fischers Konterfei auf, unterlegt mit elektronisch erzeugten Fanfarenzügen: Der Einzug der Königin wird angekündigt, das Tor zu ihrem Olymp wird für gut drei Stunden offen stehen.

    Im Glitzerstern-Kristall-Kostüm schwingt sie gleich zum Showauftakt teils ungesichert und natürlich in Absatzschuhen über die Bühne, dreht Pirouetten, lässt kopfüber die blonde Mähne ins Nichts fallen – fest die Hand eines Akrobaten umklammernd. 20 Tänzer von „45 Degrees – a Division of Cirque du Soleil“ sind in diese aufwendige Show involviert.

    Eine kräftezehrende Prozedur – dieser Eindruck drängt sich nicht nur beim Zuschauen auf, davon erzählen auch blaue Flecken an Fischers Beinen. Die Fans danken ihr die abenteuerlichen Tänze in der Luft mit Jubelstürmen. Sie applaudieren Fischers Wagemut, den sie, scheinbar stellvertretend für uns alle, aufbringt. Die Schlagerkönigin wagt, was keiner von uns wagen könnte, sie macht den Nervenkitzel als eine von uns erlebbar. Abheben ist für sie schließlich nur eine turnerische Herausforderung, keine Charaktereigenschaft. So tritt Fischer zumindest nach Jahren auf der Bühne noch immer auf.

    Ihr Erfolg speist sich auch in dieser durchweg ausverkauften Show gerade aus dieser paradoxen Inszenierung. Zwar zaubern sie und ihr Team ein artistisches Spektakel auf die Bühne, das seinesgleichen sucht, das Ohs und Ahs im Minutentakt generiert, doch Fischer tut all das mit größter Zurückhaltung. Starallüren oder Größenwahn, wie ihn eine solche Show nahelegen könnte, finden sich nicht. Fischer ist noch immer eine aus unserer Mitte – auch in dieser Hinsicht eine perfekte Vorführung. „Wir haben die Show ziemlich vollgepackt, lasst euch bitte auf alles ein, damit wir eine tolle Zeit haben. Das heute Abend passiert nur zwischen uns“, sagt sie, als würde sie es einem Freund zurufen.

    Szenen mit Telenovela-Potenzial

    Ihr Schulterschluss mit dem Publikum wird mit großem Telenovela-Potenzial zweimal an diesem Abend auf die Spitze getrieben. Zum makellosen Sound Fischers werden Saalszenen auf die Leinwand gebeamt. Da widmet sie ihren Song „Die schönste Reise“ nicht nur ihren drei Patenkindern, sondern allen Kindern im Saal, die einem umgehend in Großaufnahme ein bisschen bedröppelt entgegenlächeln.

    Bei „Du hast mich stark gemacht“ sind es hingegen die Liebsten, die die Fans in den Arm nehmen sollen. Auch diese Momente festumschlungener, quasi anfassbarer Zuneigung per Anweisung werden riesig projiziert, auf dass der Kitsch trieft und quasi mit dem Vorschlaghammer serviert wird, was im Leben wirklich zählt: immer und immer wieder Liebe.

    Chapeau - Helene Fischer verwebt die gegensätzlichen Pole kühler, professioneller Künstlichkeit des Popgeschäfts und charmanter Natürlichkeit so geschickt, dass sie einen perfekten Unterhaltungsabend zum Wohlfühlen kreiert, der die Seelen gemeinsam schwingen lässt - ohne Störgeräusche. So schön und fehlerfrei mag Schlager nur bei Helene Fischer funktionieren. Auch wenn man sich ab und zu fragt, warum sie bei all der Anstrengung nicht einmal um Atem ringen muss und man durchaus meint, auch mal das Play-back zu hören. Die Frage, ob Live auf einer Live-Tour ein dehnbarer Begriff sein darf, reißt das nächste Oh und Ah mit sich fort. Durch und durch problembefreit eben.

    Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

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