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    Die Angst hinter sich lassen

    Als Sänger der Deutschpopband Jupiter Jones feierte Nicholas Müller Erfolge – bis ihn eine Angststörung zum Ausstieg aus dem Musikgeschäft zwang. Über die Angst und darüber, wie er sie besiegte, hat Müller ein Buch geschrieben.

    Sänger und Musiker Nicholas Müller ist Mitte 30, mehr als zehn Jahre hat er unter einer Angststörung gelitten.  Über diese und darüber, wie er die Angst hinter sich lassen konnte, hat er ein Buch geschrieben.  Foto: Philipp Haas
    Sänger und Musiker Nicholas Müller ist Mitte 30, mehr als zehn Jahre hat er unter einer Angststörung gelitten. Über diese und darüber, wie er die Angst hinter sich lassen konnte, hat er ein Buch geschrieben.
    Foto: Philipp Haas

    Angst ist eigentlich eine gute Sache. Ein Urgefühl. Gefahren instinktiv einschätzen zu können und entsprechend zu handeln, sicherte über Jahrtausende das Überleben von Menschen. Und sei es nur, im richtigen Moment die Beine in die Hand zu nehmen. Was aber, wenn es keinen Grund dafür gibt, dass die Angst in einem hochkriecht und explodiert? Wenn das Herz rast und die Nerven so sehr sirren, dass sie den Körper lähmen und die Psyche zernagen, wieder und wieder in Attacken. Mediziner sprechen in solchen Fällen von Angststörungen. Nun ist Nicholas Müller kein Arzt. Aber er ist einer, der ebenfalls weiß, wovon er spricht, wenn es ums Thema Angststörungen geht. Leider nur zu gut.

    Er litt jahrelang selbst darunter. Und das als Mensch, der in der Öffentlichkeit steht, im Rampenlicht, auf der Bühne. Und dort auch noch ganz vorn, am Mikrofon als Sänger der Deutschpopband Jupiter Jones, die unter anderem wegen des Hits „Still“ auf steilem Erfolgskurs navigierte. Das allerdings mit einem Sänger mit einer Angststörung, den die Attacken in den schlimmsten Zeiten drei-, viermal am Tag überfielen – das konnte nicht lange gut gehen. Und ging es auch nicht.

    Der Ausstieg

    Müller musste 2014 hinschmeißen. Die Angst hatte gewonnen. Sie hatte einen 1,90 Meter großen, tätowierten jungen Mann so kleingemacht, dass er nicht mehr konnte. Er musste die Band verlassen, in der er „ein Drittel meines damaligen Lebens gespielt habe“, wie Müller, Jahrgang 1981, jetzt berichtete, als er auf einer Lesereise im Koblenzer Klub Circus Maximus Station machte. Denn: Er ist wieder zurück im Leben, er hat die Angst hinter sich gelassen. Meistens jedenfalls. Aber doch so deutlich, dass Nicholas Müller wieder auf Bühnen steht und mit dieser samtig-rauen Stimme Lieder singt. Das tut er in Koblenz, auch wenn er nicht in erster Linie deshalb hergekommen ist. Seine Angst ist der Grund. Ihr Schatten, seine Erinnerungen an sie. Müller hat über seine Angst und Panikattacken ein Buch namens „Ich bin mal eben wieder tot“ geschrieben, in dem er schonungslos und ehrlich davon erzählt, wie die Angst sein Leben kapern konnte. Und wie sich das anfühlt, wenn eine Panikattacke einen aus dem Hier und Jetzt reißt. Die Welt besteht dann für etwa 30 Minuten nur aus Herz, Hirn und Schweiß – und der Angst zu sterben. Wenn Müller kann, durchsteht er solche Attacken am besten, indem er sich klein macht, auf den Boden legt: Embryonalhaltung.

    Das schildert er in seinem Buch eindringlich und mit einer ähnlichen Wortgewalt, mit der er seine Songtexte schreibt. Und er beschreibt auch, wie er nach Jahren des Leidens und therapeutischen Gegensteuerns, zuletzt stationär, doch lernt, mit seiner Erkrankung umzugehen und zu neuer Stärke findet. Und wieder zur Musik: Die Band Von Brücken gründete er 2015, nachdem er aus der Therapie entlassen wurde.

    Die dunkelsten Zeiten liegen also schon eine Weile hinter dem Musiker und Sänger. Er hat Abstand zu ihnen, will sie aber nicht vergessen. Er möchte das Thema Angststörung enttabuisieren, von der Scham befreien. Deshalb hat er sein Buch geschrieben – und deshalb reist er von seiner Wahlheimatstadt Münster aus durchs Land, um darüber zu reden. „Um anderen Mut zu machen“, wie er sagt, der als Schirmherr die Deutsche Angstselbsthilfe (DASH) unterstützt. Mut machen – schließlich leiden Müllers Aussage nach zehn Millionen Menschen in Deutschland an Angststörungen. Und er reist durchs Land, um einiges von dem vorzulesen, was er auf 272 Seiten über Angst geschrieben hat – und wie sie ihn in ihre Zwänge nehmen konnte.

    Was er da aus seinem Leben vorträgt, ist starker Tobak, stellenweise herzzerreißend und beklemmend: Mutter und Großmutter sterben nach längerer Krankheit kurz nacheinander an Tumoren. Nicholas ist da Anfang 20. Ein junger Typ, der mit seinem Heimatdorf in der Eifel fremdelt, von der Schule fliegt. Einer, der Musik und Marihuana liebt – die zwei Anker, die er während des Leidens von Mutter und Oma wählt. Die erste Panikattacke bekommt er während der Bestattung seiner Mutter. Von da an gehören sie für Jahre zu seinem Leben. Und irgendwann packt ihn die Angst auch auf der Bühne.

    Viele Prominente betroffen

    Rückblickend sagt Müller, dass der Tod und der Verlust von Oma und Mutter die „Sache“ – seine Angststörung – begünstigt haben. Tatsächlich gibt es aus medizinischer Sicht viele Auslöser für Angststörungen. Ein solch herber Verlust, wie Nicholas Müller ihn erlitt, gilt definitiv dazu. Zudem gibt es Studien wie beispielsweise die 2015 von einem norwegischen Forscherteam veröffentliche Untersuchung, dass insbesondere kreative Menschen, darunter Musiker und Sänger, anfällig für Angststörungen und Depressionen sind. Prominente Beispiele gibt es viele: Sängerin Lady Gaga machte vor einigen Monaten bekannt, dass sie unter heftigen Angstzuständen litt. David Bowie soll Last damit gehabt haben. Adele, Schauspielerin Winona Ryder, Johnny Depp und sogar Madonna sollen unter Panikattacken leiden. Die Liste ist lang.

    In Deutschland haben unter anderem Charlotte Roche und Sarah Kuttner, beide Autorinnen und Moderatorinnen, ihre Probleme mit Angst und Panik publik gemacht. Kuttner schrieb darüber im Bestseller „Mängelexemplar“ – es ist allerdings ein Roman, kein Erfahrungsbericht wie der, den Nicholas Müller geschrieben hat. „Ich wollte keinen Ratgeber verfassen“, erzählt er bei der Lesung in Koblenz. Auch kein Sachbuch über Angststörungen, auch wenn der Titel fünf Wochen auf der „Spiegel“-Bestsellerliste Sachbuch stand. Nicholas Müller hat schlicht über einen Teil seines Lebens geschrieben, so persönlich und packend, so sensibel und drastisch, wie er es als Songschreiber zu tun versteht. Denn so unmittelbar, wie er mit seinen Liedern Menschen erreichen will, gelingt es ihm auch mit seinem Buch. Anke Mersmann

    Nicholas Müller: Ich bin mal eben wieder tot, Knaur, 272 Seiten, 12,99 Euro

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