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Gießen

Der doppelte Boden des Boulevardtheaters: Die Affäre Rue de Lourcine

Wolfgang M. Schmitt

Elfriede Jelinek – dieser Name steht nicht für leichte Kost. Die Theaterstücke der Literaturnobelpreisträgerin wollen überfordern, gesellschaftspolitische Diskurse aufgreifen, parodieren, ad absurdum führen – bitterböse und geistreich. Das ist die bekannte Seite der Schriftstellerin, die unbekanntere ist die der Übersetzerin: Jelinek hat immer wieder fremdsprachige Theatertexte ins Deutsche übertragen, darunter auch „Die Affäre Rue de Lourcine“ von Eugène Labiche, die jetzt in einer Neuinszenierung am Stadttheater Gießen zu sehen ist.

Eine temporeiche Komödie mit musikalischen Einlagen  Foto: Rolf K. Wegst
Eine temporeiche Komödie mit musikalischen Einlagen
Foto: Rolf K. Wegst

Es mag überraschen, dass die Autorin schwergewichtiger Dramen eine scheinbar so leichte Boulevardkomödie übersetzt hat. Doch bei genauerem Hinsehen werden die Jelinek’schen Themen auch bei dem französischen Dramatiker des 19. Jahrhunderts sichtbar: Es geht letztlich stets darum, dass die bürgerliche Gesellschaft auf tönernen Füßen steht. Es gilt, das Normen- und Regelkorsett der Bürger herunterzureißen und die nackte Wahrheit zu zeigen. Legt Jelinek diese auf intellektuelle – und humoristische – Weise bloß, tut Labiche dies konkreter, indem er seine Figuren buchstäblich entkleidet oder sie in falsche Hosen steckt.

In „Die Affäre Rue de Lourcine“ wachen zwei Männer, Lenglumé und Mistingue, morgens gemeinsam in einem Bett auf – beide wissen sie nicht, wie sie dort hineingeraten sind und was vergangene Nacht wirklich passiert ist. Es herrscht Katerstimmung. Sicher ist, es gab einen Streifzug durch Pariser Lokalitäten, doch als sie plötzlich Kohlestücke in ihren Hosentaschen finden, wundern sie sich sehr. Die Verwunderung schlägt um in Entsetzen, als sie in der Zeitung lesen, dass ein Kohlemädchen nachts von zwei Unbekannten ermordet wurde. Für Lenglumé und Mistingue ist nun klar: Sie sind in der Nacht zu Mördern geworden, die jetzt versuchen müssen, ihre Hände in Unschuld zu waschen.

Das Stück gehört zur Vaudeville-Tradition – eine französische Form des Boulevardtheaters mit musikalischen Einlagen. In Gießen übernimmt diese ein Streichertrio, die Schauspieler singen dazu. Im Paris waren Mitte des 19. Jahrhunderts solche Possen besonders beliebt, in Deutschland werden sie gerade wiederentdeckt: So spielt das Staatstheater Darmstadt derzeit „Ein Klotz am Bein“ von Georges Feydeau, auch am Schauspiel Frankfurt wird das Stück bald inszeniert. Dieses Genre hat in der Regel einen doppelten Boden, Thomas Goritzki, der Regisseur der Gießener Produktion, deckt diesen jedoch zu, weil er Labiches Einakter als reine Boulevardkomödie auf die Bühne bringt.

Die Schauspieler, vor allem Tom Wild (Lenglumé) und Roman Kurtz (Mistingue), grimassieren eifrig; temporeich flitzen sie in Gehrock oder Spitzenkleid über die wie ein typisch französisches Zimmer des 19. Jahrhunderts mit einem großen Bett in der Mitte ausgestatteten Bühne (Katja Wetzel). Tür auf, Tür zu – das Trio setzt derweil klangliche Pointen. Das ist oft nur mäßig witzig, denn Humor hat ein Haltbarkeitsdatum, welches im Falle des Vaudeville-Theaters überschritten ist, wenn die Regie die Zwischentöne überhört und die Radikalität des Plots verkennt.

Zwei Männer glauben, Mörder zu sein, fälschlicherweise, und so wird der aufgerissene Abgrund mit dem Liedchen „Ist’s vorüber, lacht man drüber“ wieder zugedeckt. Diese Auflösung in Wohlgefallen lässt die Grundfrage Labiches dennoch ungelöst: Ist der Bürger eine gezähmte Bestie? Die Regie stellt sich dieser Überlegung nicht. Zeit für Ambivalenzen bleibt kaum, einzig Pascal Thomas als Diener Justin legt seine Figur doppelbödig an: Mit dem richtigen Gespür für Nuancen, die der Text zwar nicht aufdrängt, aber anbietet, lässt er erahnen, was Jelinek an Labiche interessiert.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

Informationen unter www.stadttheater-giessen.de

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