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Koblenz

Aschenputtel zwischen Lebenden und Toten

Claus Ambrosius

Jeder kennt die Geschichte von Aschenbrödel: Ein guter Ausgangspunkt für eine Oper, dachten sich auch der Komponist Gioacchino Rossini und sein Librettist Jacopop Ferretti vor mehr als 200 Jahren. Die Idee war Gold wert: Bis heute ist die daraus entstandene Oper "La Cenerentola" auf den Bühnen der Welt gefragt. Auch in Koblenz, wo das Opern-Aschenputtel am Samstag die Spielzeit eröffnet.

Aschenputtel einmal ganz wörtlich genommen, ist man schnell bei „Asche zu Asche, Staub zu Staub“. Deshalb verlegt der Regisseur die Handlung von „La Cenerentola“ in ein Beerdigungsinstitut (Bühnenbildmodell).  Foto: Jürgen Kirner
Aschenputtel einmal ganz wörtlich genommen, ist man schnell bei „Asche zu Asche, Staub zu Staub“. Deshalb verlegt der Regisseur die Handlung von „La Cenerentola“ in ein Beerdigungsinstitut (Bühnenbildmodell).
Foto: Jürgen Kirner

Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

Und ist es nicht wahr, so ist es doch sehr schön erfunden: Um die Initialzündung zu seiner nach dem unsterblichen „Barbier von Sevilla“ zweiterfolgreichsten Oper „La Cenerentola“ hat der italienische Komponist Gioacchino Rossini gemeinsam mit seinem Librettisten Jacopo Ferretti einen wunderbaren Mythos gestrickt. Auf der Suche nach der geeigneten Oper zur römischen Karnevalssaison 1816/1817 suchten die beiden nach einem passenden Stoff, verwarfen aber zahlreiche Ideen. Mitten in der Nacht dann der Geistesblitz des Komponisten: Es soll eine Aschenputtel-Oper werden. Und noch in der Nacht habe der Librettist einen umfassenden Entwurf fertiggestellt, binnen 24 Tagen seien Text und Musik vollendet gewesen. Ganz so schnell ging es wohl nicht – doch auch die nachweislich rund sechs Wochen, die es von der Idee bis zur Fertigstellung und alsbaldigen römischen Uraufführung der „Cenerentola“ kam, sind nach heutigen Maßstäben rekordverdächtig. „Das war damals aber nicht ungewöhnlich“, erklärt Mino Marani, Erster Kapellmeister des Koblenzer Theaters und zuständig für die Saisoneröffnung der Oper mit „La Cenerentola“, bei der Einführungsmatinee. Man könne sich den Prozess vielleicht ähnlich vorstellen wie in Eigenproduktionen des weltweit agierenden TV-Streaminganbieters Netflix, bei dem vom Auftrag bis zur Fertigstellung auch nur sehr wenig Zeit vergeht. Ein Vergleich, der hinkt? Nicht wirklich, wie der Italiener Marani erklärt: Die gesamte Opernproduktion verlief zu Rossinis Zeiten nach streng marktwirtschaftlichen Konditionen – und somit strikt und schlank organisiert. So wurden etwa die Arie für die „weniger wichtigen“ Sänger der Nebenrollen oft von anderen Komponisten übernommen, während sich Rossini um die Filetstücke für die Primadonnen jeglichen Geschlechts zu kümmern hatte.

Die Geschichte des Aschenputtels erscheint in dieser Oper angelehnt an die Version von Charles Perraults „Cendrillon“, wartet dabei mit den bekannten bösen Stiefschwestern, einem Stiefvater und natürlich einem Prinzen auf – allerdings auch mit dessen Diener, mit dem ein Verkleidungsspiel entfacht wird, um nach der wirklich passenden Frau zu suchen.

„Asche“ wörtlich genommen

Den Titel „Aschenputtel“ hat Regisseur Alfonso Romero Mora ganz wörtlich genommen: Die Asche, in der Angelina (so Aschenputtels Name in der Oper) lebt, hat ihn auf die Idee gebracht, die Handlung im Hause des verarmten Stiefvaters in ein Beerdigungsinstitut zu verlegen. „Da gingen bei der Theaterleitung erst einmal die Alarmsignale an“, erzählt Mora amüsiert bei der Matinee: „Man holt mich gern für lustige Stoffe, das Stück soll ja auch um die Weihnachtszeit gespielt werden – und dann ein Beerdigungsinstitut?“ Das sei allerdings gar kein Problem, weil er das Stück sehr ernst nehme: „Ich kann damit zeigen, dass Angelina ganz isoliert vom Rest der Familie ist, und wie sie sich sehr respekt- und liebevoll um die Toten kümmert.“

Der Palast, der zweite Handlungsort der Oper, ist dann auch weniger märchenhaft als ganz realistisch: Der Prinz, so verrät der Regisseur, der in Koblenz vor zwei Jahren mit großem Erfolg Mozarts „Figaro“ inszenierte, ist Chef eines Tanzpalastes, zu dem ihn die Geschichten rund um den legendären New Yorker Nachtklub Studio 54 inspiriert haben. Und dort, das wissen wir aus Aberhunderten Erzählungen, ist bekanntlich in den späten 1970er-Jahren ja auch so manches geschehen, das im Rückblick mehr als Märchenhaft erscheint.

Premiere ist am morgigen Samstag, 16. September, um 19.30 Uhr, Infos und Tickets für alle Vorstellungen unter Tel. 0261/129 28 40 sowie online unter www.theater-koblenz.de

  • In dieser Adaption des Märchens von Aschenputtel hat Angelina, genannt Cenerentola, neben ihren Stiefschwestern Clorinda und Tisbe einen Stiefvater, den verarmten Don Magnifico, der durch die Heirat einer seiner Töchter mit dem Prinzen Don Ramiro seinen Wohlstand retten möchte. Durch den Rollentausch mit seinem Stallmeister Dandini erkennt Ramiro im Hause Magnificos schnell das verlogene Spiel der Stiefschwestern und verliebt sich in die gutherzige Angelina. Magnifico verbietet jedoch Cenerentola, auf den Ball zu gehen, auf dem der Prinz seine Zukünftige wählen und bekannt machen will. Die Überraschung aller ist groß, als dann auf dem Fest eine geheimnisvolle, verschleierte Schönheit auftritt, die zudem die Avancen des falschen Prinzen ausschlägt und ihre Liebe zu seinem Stallmeister beteuert. Der Prinz – immer noch in den Kleidern seines Dieners – erkennt in ihr seine Angelina und hält um ihre Hand an.
  • Leitungsteam:Mino Marani (Musikalische Leitung), Alfonso Romero Mora (Inszenierung), Jürgen Kirner (Bühne), Rosa García Andújar (Kostüme), Laura Bos, Aki Schmitt (Choreinstudierung)
  • Besetzung: Leonardo Ferrando, Christoph Plessers, Eugenio Leggiadri-Gallani, Hana Lee, Anne Catherine Wagner, Nuška Drašcek Rojko/Danielle Rohr, Jongmin Lim (Alidoro); Chor und Statisterie des Theaters Koblenz, Staatsorchester Rheinische Philharmonie
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