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    Rheinland-Pfalz

    Personalnot: Minimale Ausbildung, maximale Dienstzeit

    Personalmangel als Dauerzustand – das scheint bei der Bahn längst Alltag zu sein. Nachdem auf der Lahnstrecke der Betrieb einmal wegen fehlenden Personals unterbrochen wurde, kam kürzlich ein vergleichbares Problem im Mainzer Hauptbahnhof auf.

    Personalnot: Ein Fahrdienstleiter berichtet unserer Zeitung von den unhaltbaren Zuständen bei der Deutschen Bahn
    Personalnot: Ein Fahrdienstleiter berichtet unserer Zeitung von den unhaltbaren Zuständen bei der Deutschen Bahn

    Von unserem Redakteur Andreas Galonska

    Ein Fahrdienstleiter, der in der Rhein-Lahn-Region arbeitet, hat unserer Zeitung dazu ausführliche Informationen über die Personallage bei der Bahn zukommen lassen. Der Bahnangestellte will anonym bleiben. Er hebt hervor, dass er keinen persönlichen Rachefeldzug gegen das eigene Unternehmen führen will.

    „Sie haben es bei mir mit einem 120-prozentigen Eisenbahner zu tun“, bekundet er. Die Engpässe durch Überstunden, Schichtdienste und Personalmangel bei der Bahn können nach seiner Ansicht allerdings nicht mehr „schöngelogen“ werden. Ausfälle wie jetzt in Mainz oder zuvor zwischen Bad Ems West und Lahnstein sind demnach keine „unvorhersehbaren Ereignisse“, sondern längst absehbar.

    Jeder Mitarbeiter im Schichtdienst darf nach der Information des Fahrdienstleiters maximal 261 Schichten pro Kalenderjahr Dienst tun. Die maximale Schichtlänge beträgt zehn Stunden, an Wochenenden und in Ausnahmefällen zwölf Stunden. „Je nach Schichtsystem kommen Sie innerhalb von 24 Stunden auf 16 Stunden Arbeitszeit“, hebt der Bahnmitarbeiter hervor. Beim System Spät-Früh-Nacht beginnt man beispielsweise die Frühschicht um 6 Uhr auf einem Stellwerk. Feierabend ist dann um 12 Uhr.

    „Jetzt bitte sollen die dafür den Druck bekommen, die dafür verantwortlich sind.“

    Ein anonymer Fahrdienstleiter zur Lage

    Die Spätschicht folgt von 12 bis 21 Uhr, der Nachtdienst von 21 bis 6 Uhr wird dann vom Mitarbeiter übernommen, der zuvor die Frühschicht hatte. Die Ruhezeit beträgt damit nur neun Stunden. Im Zehn-Stunden-Schichtsystem wird in fünf Schichten in der Woche gearbeitet, was sich auf 50 Stunden summiert.

    „Nach 46 Wochen wäre somit Ende der Kletterstange – und Sie hätten eine Jahresarbeitszeit von sage und schreibe 2300 Stunden auf der Uhr“, sagt der Fahrdienstleiter. Für Sonn- und Feiertagsarbeit werden extra Stunden angerechnet. Realistisch seien also mindestens 2500 Stunden Arbeitszeit in 46 Wochen. In der Abteilung des in der Rhein-Lahn-Region tätigen Fahrdienstleiters fehlen zurzeit etwa fünf Vollzeitkräfte.

    „Das würde im Idealfall jedoch nur das normale Betriebsgeschehen abdecken – ohne Überstundentabbau, Abbau von altem Urlaub und eventuelle Grippewellen“, merkt er an. Die fünf fehlenden Kollegen betreffen lediglich eine Abteilung; in der kompletten Betriebsleitung fehlen nach der Information des DB-Mitarbeiters aktuell circa 20 Personen. Der Fahrdienstleiter lenkt den Blick auch auf die seiner Meinung nach unhaltbaren Zustände bei der Ausbildung, die die Deutsche Bahn lange Zeit vernachlässigt habe.

    Die umfangreiche Regelausbildungszeit für den „Eisenbahner im Betriebsdienst – Fachrichtung Fahrweg“ beträgt drei Jahre. Inzwischen werde auf sogenannte „92-Tage-Fahrdienstleiter“ gesetzt, sprich: Aus 36 Monaten Ausbildung werden ganze dreieinhalb. „In 92 Tagen machen Sie aus einem Maurer, Metzger oder einer Hebamme – oder ganz aktuell einer Schlecker-Verkäuferin – keinen Fahrdienstleiter, sondern bestenfalls eine angelernte Hilfskraft, die rein vom Wissensstand nie in der Lage sein kann, große Dienststellen zu leiten“, warnt der Fahrdienstleiter.

    Viele Bewerber bestehen die vereinfachten Prüfungen nicht. Die wenigen Kollegen, die die extrem komprimierte Ausbildung bestanden haben, werden dann laut dem Fahrdienstleiter teils in großen Stellwerken oder Dienststellen eingesetzt, denen sie nie gewachsen sein können. „Die Hoffnung besteht darin, dass diese Stellwerke mit mehreren Kollegen besetzt sind – auch mit gutem, erfahrenem Personal, das ein Auge darauf hat, dass die Hilfskraft keine schwerwiegenden Fehler macht“, schildert der Bahnmitarbeiter die Lage.

    „Wie viele meiner Kollegen und Freunde ertrage ich es nicht mehr, wie über die DB und die Kollegen berichtet wird – auch wenn es nicht falsch ist. Aber wir alle werden in Haftung genommen – am Bahnsteig, im Dienst“, kritisiert der Fahrdienstleiter. „Jetzt bitte sollen die dafür den Druck bekommen, die dafür verantwortlich sind – und nicht die, die sich jeden Tag aufs Neue dafür mühen, dass das eigentlich Unmögliche geschafft wird“, unterstreicht er.

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