Archivierter Artikel vom 06.06.2014, 06:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

Hochmoselübergang: Blanke Nerven an der Brücke

Drangvolle Enge im Wappensaal des Mainzer Landtags: Journalisten, Politiker, Verwaltungsleute und Fraktionsmitarbeiter rücken eng zusammen. Brisantes Thema der Sitzung von Innen- und Wirtschaftsausschuss: die Sicherheit der Hochmoselbrücke bei Zeltingen-Rachtig (Kreis Bernkastel-Wittlich).

So soll sie einmal aussehen: die Hochmoselbrücke bei Zeltingen-Rachtig (Kreis Bernkastel-Wittlich).
So soll sie einmal aussehen: die Hochmoselbrücke bei Zeltingen-Rachtig (Kreis Bernkastel-Wittlich).

Im Vorfeld waren Zweifel aufgekommen, ob die Standfestigkeit des 160 Meter hohen Bauwerks gründlich genug untersucht worden war. Prof. Dr. Harald Ehses, Chefgeologe des Landes, hatte die kontroverse Diskussion in Gang gebracht und ein zusätzliches hydrogeologisches Gutachten gefordert. Dafür war ihm zeitweise ein Maulkorb von der Landesregierung verpasst worden. Die Extra-Expertise liegt nun vor – und gibt grünes Licht für den Weiterbau des derzeit größten Brückenbauprojekts Europas.

9.50 Uhr: Harald Ehses betritt den Wappensaal. Schwarzer Anzug. Schwarzes Hemd. Schwarz-grau gemusterte Krawatte. Überall ein freundliches Hallo im Raum. Behördenvertreter plaudern miteinander, Abgeordnete, Pressesprecher, zwei Staatssekretäre. Man kennt sich. Mit Ehses spricht kaum jemand. Er wirkt isoliert. Viele Medienvertreter kennen ihn, haben ihn aber noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen. Als Landesbeamter kann er nicht reden, wann und was er will. Im Internet-Kurznachrichtendienst Twitter hat Harald Ehses einen Namensvetter (@bergwanderer), der sich gern und oft zur Hochmoselbrücke äußert. „Viele haben mich gefragt, ob ich das bin“, sagt er.

Harald Ehses, Chef des Landesamts für Geologie und Bergbau, zur Hochmoselbrücke
Harald Ehses, Chef des Landesamts für Geologie und Bergbau, zur Hochmoselbrücke
Foto: picture alliance

10.11 Uhr: Mit leichter Verspätung beginnt die Sitzung. Innenstaatssekretär Günter Kern macht den ersten Aufschlag. Der Sozialdemokrat, der in großen Teilen der Sitzung die Gesprächsführung an sich reißt, setzt die wichtigsten Botschaften vorab: Die Sicherheit der Hochmoselbrücke hatte und hat für die Landesregierung „höchste Priorität“. Das 1,7 Kilometer lange Bauwerk steht auf sicherem Grund.

10.17 Uhr: Jetzt spricht der Diplom-Geologe Walter Lenz, Chef des Gießener Instituts HG Büro für Hydrogeologie und Umwelt GmbH. Er stellt das eigentliche, 235 000 Euro teure Gutachten vor. Zahlenkolonnen werden an die Wand geworfen, Diagramme flimmern auf weißem Untergrund, Kurvenverläufe werden erläutert. Lenz und seine Leute haben die Wasserbewegungen im Hang auf der Eifelseite gemessen. Zwei Brückenpfeiler werden dort verankert.

Um herauszufinden, wie stabil der Untergrund ist, haben die Hydrogeologen zwei zusätzliche 80 und 100 Meter tiefe Messlöcher im oberen Hangbereich gebohrt. Drei Monate wurden Werte gesammelt und analysiert, dann erstellten Spezialisten eine Abbildung der Erdkruste. Entscheidend ist, ob Grund- und Sickerwasser das „inhomogene Gestein“ – teils zerbrochener und zerriebener Tonschiefer – gefährlich ins Rutschen bringen kann. Dazu hat Walter Lenz den schlimmsten anzunehmenden Fall durchgerechnet: drei Monate kontinuierlicher Regen mit einer monatlichen Niederschlagsmenge von 150 Millimetern pro Quadratmeter. Lenz spricht von einer „sehr überschaubaren“ Wasserführung in dem betroffenen Gebiet. Er empfiehlt eine konsequente Begrünung, da Pflanzen Wasser auffangen. Und er schlägt vor, die Wegseitengräben im oberen Hang mit Pflastersteinen auszukleiden, damit kein Regenwasser versickern kann. Harald Ehses hört seinen Ausführungen aufmerksam zu.

10.49 Uhr: Der Diplom-Ingenieur Rudolf Dürrwang interpretiert das Gutachten, das seine erste Expertise ergänzt. Er ist Geschäftsbereichsleiter Geotechnik bei Arcadis, einem internationalen Anbieter von Ingenieur-Dienstleistungen. Dürrwang muss nun die Frage beantworten, ob Hang und Brückenbau stabil sind. Ohne Zögern sagt er: „Aus geotechnischer Sicht kann die Brücke standsicher gebaut werden.“ Weitere Erkenntnisse: Eine Gleitfuge, also eine Rutschfläche im Untergrund, wird mit einem Anker durchstoßen. Zusätzliche Drainagen, um Wasser abzuleiten, sind nicht nötig. Besagten Moselhang auf der Eifelseite bezeichnet er als einen „der ungefährlichsten“. Jetzt horcht Harald Ehses irritiert auf.

11.07 Uhr: Der Mann, auf dem alle Blicke ruhen, spricht. Harald Ehses scheint nervös, verhaspelt sich, liest seinen kurzen Text vom Blatt ab. Nein, er hat nicht am Bau der Moselbrücke gezweifelt. Ja, er hat die jetzige Untersuchung für dringend nötig gehalten. Und dann sagt er: „Ich sehe keine Einwände für eine Fortführung des Brückenbaus auf der Eifelseite.“ Ehses will, dass über ein Jahr der Untergrund weiter untersucht wird (Monitoring). Das geschieht auch.

11.13 Uhr: Das politische Fingerhakeln beginnt. Die CDU fragt, warum das alles jetzt erst untersucht wird und Ehses zeitweise der Mund verboten wurde. SPD und Grüne werfen den Christdemokraten eine Angstkampagne vor, die sich „in Luft aufgelöst hat“ (Carsten Pörksen, SPD). Innenstaatssekretär Kern verteidigt das Vorgehen der Landesregierung recht ungehalten: Diese habe völlig korrekt die Bedenken eines sachkundigen Mitarbeiters ernst genommen.

12.20 Uhr: Nahezu alle Medienvertreter drängen sich in der Lobby um Ehses. Geduldig und sachlich wiederholt er seine Aussagen. Jedes Wort wird sorgsam gewogen. Nur die Äußerung von Erstgutachter und Zusatzgutachten-Bewerter Dürrwang will er partout nicht so stehen lassen. Als besonders ungefährlichen Hang sieht er die Eifelseite nun wirklich nicht: „Es ist ein Rutschhang. Und ein Rutschhang ist selten ein sicherer Hang.“ Mehr will und kann er nicht sagen. Denn nach zehn Minuten brechen sichtlich gereizte und genervte Pressesprecher die Befragung rüde ab.

Dietmar Brück