Archivierter Artikel vom 27.05.2014, 17:02 Uhr

Enkel des Auschwitz-Kommandanten: Europawahl erinnert an NSDAP

Rainer Höß (49) ist der Enkel von Rudolf Höß, der einst als Lagerkommandant den Massenmord in Auschwitz organisiert hat. Rainer Höß versucht mit einer Kampagne der schwedischen Jungsozialdemokraten den Vormarsch der Rechtsradikalen bei der Europawahl einzudämmen. Sein von den schwedischen Jusos produzierter Clip ist ein YouTube-Hit.

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Herr Höß, Sie wollen junge Europäer über den Holocaust aufklären und den Vormarsch von Rechtsaußen in Europa verhindern. Wie lebt es sich als Enkelsohn von Rudolf Höß, dem Kommandanten der „größte Menschenvernichtungsanlage aller Zeiten“, wie dieser selbst es nannte?

Mein Vater und auch seine Geschwister blieben zeitlebens Nazis, auch wenn sie sich in der Öffentlichkeit lange zurückhielten. Meine Tante versorgt derzeit einen der bekanntesten US-Auschwitz-Leugner mit Gegenständen aus dem Familienbesitz. Wirklich geredet über die Zeit haben sie und mein Vater nach dem Krieg nie. Aber hier und da fielen Kommentare. So sagte Vater etwa, als ich 14 war, zu meinem Pastor: „Dich hat mein Vater vergessen abzuholen.“ Auch der Umgang mit einem jüdischen Freund in der Nachbarschaft wurde mir strikt verboten. Zunächst ist da eine große Ohnmacht als Kind und Jugendlicher. Viele Enkelkinder schweigen einfach, aus Unsicherheit. Nach einem Schlaganfall vor acht Jahren habe ich mich dann aber entschieden etwas Sinnvolles mit dem Leben, das mir noch bleibt, zu tun, und gegen das Vergessen und damit auch gegen die in ganz Europa neu aufkommenden Rechtsaußenparteien vorzugehen. Während mir vor allem in Deutschland Linke und Journalisten unterstellen, ich tue dies nur, um Geschäfte mit dem Namen meines Opas zu machen, was eine Lüge ist, werde ich von Rechtsextremen mit Drohbriefen überhäuft, weil sie mich als Verräter ansehen.

Gleiche Anschuldigen müssen im Übrigen auch jüdische Auschwitz überlebende Israelis, die engagiert für die Aufklärung arbeiten, hören. Denen wird von Israelis vorgeworfen, sie hätten nur den eigenen Profit im Kopf. Es ist krank, so etwas auch nur anzunehmen. Ich habe in den letzten 13 Jahren über 200 Fälle wegen Bedrohung von Rechtsaußen angezeigt. Kein Einziger Fall wurde aufgeklärt. Wenn ich Geld verdienen wollte, hätte ich die zahlreichen früheren Angebote von Nazibossen annehmen müssen, in ihren Bewegungen aktiv zu werden. Weiter zu Schweigen wäre einfacher gewesen, auch für meine Frau und die Kinder. Aber ich möchte meine Erblast dieses Horrorgroßvaters abbauen – nicht an sie weitergeben, wie es mein Vater tat.

Rechtsaußenparteien haben bei den EU-Wahlen kräftig zugelegt. Einige dieser Parteien werden als gemäßigt bezeichnet, andere als rechtsextrem oder neonazistisch. Was halten sie von der Unterscheidung in unterschiedliche Rechtslager?

Es ist klar, dass viele dieser Rechtsaußenparteien am Sonntag nur so viele Stimmen bekommen konnten, weil sie auch Mittewähler erreicht haben. Für mich sind das Wölfe im Schafspelz. Sie alle haben menschenverachtende, rassistische Grundwerte unabhängig von ihrer Wahl-Kosmetik. Die Wahlergebnisse beunruhigen mich sehr. Was wird in fünf Jahren bei der nächsten Wahl geschehen? Die NSDAP hatte 1930 nur 12 Mandate im Reichstag. 1933 waren es 117. Die Partei hatte bis zur Machterlangung auch versucht, sich sauber darzustellen, die radikalsten Ideen wurden hinten angestellt. Das gleiche passiert heute. Es ist mehr als alarmierend, wie immer mehr Parteien mit braunem Grund salonfähig werden, einfach weil sie wie einst die NSDAP viele Wählerstimmen bekommen.

Wäre eine Wiederholung der Geschichte möglich?

Es wird sicher nicht zu Vernichtungslagern kommen, wie sie mein Opa geführt hat, dazu sind wir hoffentlich einfach schon zu weit. Aber Konzentrationslager etwa für Flüchtlinge gibt es ja bereits wieder, und auch die kolossale Menschenverachtung für Ausländer aus dem Süden. Die sind für einige Europäer inzwischen wieder Tiere und keine Menschen. Ein Vergleich mit damals hinkt natürlich teilweise. Ich denke aber, dass Rechtsaußen, wenn es ihnen gelingt in Europa an die Macht zu kommen, was bei schlechter werdender Wirtschaftslage wie in den 30er Jahren kein abwegiger Gedanke ist, andere Methoden entwickeln, um sich der Minderheiten zu entledigen, als die Vergasungsanlagen von einst. In der Tat sind heute die Moslems das neue Feindbild und die größte Minderheit in Europa. Deshalb richten sich Hass und Pogrome, die wie einst mit kleinen relativ harmlos wirkenden Gesetzen anfangen, heute vor allem auf sie. Damals konnten sich die Juden nicht vorstellen, was passieren würde. Heute können wir uns auch nicht vorstellen, was für ein Europa wir vielleicht in zehn in 20 Jahren haben werden.

Was sagen sie zu den Vorwürfen, Sie hätten versucht, persönliche Gegenstände ihres Opas an eine Gedenkstätte in Israel aus Profitgier zu verschachern?

Das war ein Missverständnis. Viele der beteiligten Israelis haben sich inzwischen bei mir dafür entschuldigt. Ich habe nur gefragt, ob Interesse an Gegenständen meines Großvaters besteht und das indirekt. Von einem direkten Angebot, einem Verkauf, war nie die Rede. Journalisten googeln heute nur noch, statt sich mit den Betroffenen zu reden. Das war eine Zeitungsente. Ich arbeite heute mit namhaften Holocaustaufklärern zusammen. So hat mich Eva Moses Kohr, die mit ihrer ermordeten Zwillingsschwester in Auschwitz von Doktor Josef Mengele gefoltert wurde, kürzlich zu einer Gedenkveranstaltung eingeladen. Außerhalb von Deutschland wird mir viel Respekt für meine Arbeit gezollt. Eva Moses Kohr wird im Übrigen auch und trotz ihrer unfassbaren Erlebnisse heute von Israelis beschuldigt, nur wegen Geld und Ruhm aufzuklären. Das ist nicht nur ungerecht, es ist krank so zu denken, und ich kann nur Vermutungen anstellen, wer aus welchen Hintergrundgedanken zu solchen Schlusssätzen kommen kann – auch im Bezug auf mich.

Das Interview führte André Anwar (Stockholm)