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    Dominant, präzise, kreativ: Ballbesitz ist eine komplexe Angelegenheit

    Die Pressekonferenz nach dem Spiel. Beide Trainer schnappen sich in der Regel als erstes den Statistikzettel. Die Daten dienen den Trainern zwei Minuten später zur Erklärung, warum diese Partie gewonnen, verloren oder unentschieden gestaltet wurde. Das Zauberwort: Ballbesitz.

    Geschlagen
    Hannover 96 fügte dem FC Bayern die zweite Saisonniederlage zu.
    Foto: Peter Steffen - DPA

    Mainz - Die Pressekonferenz nach dem Spiel. Beide Trainer schnappen sich in der Regel als erstes den Statistikzettel. Die Daten dienen den Trainern zwei Minuten später zur Erklärung, warum diese Partie gewonnen, verloren oder unentschieden gestaltet wurde. Das Zauberwort: Ballbesitz.

    Früher hieß das mal ganz simpel: „Wir hatten mehr vom Spiel.“ Im Falle eines Sieges sollte das ausdrücken: Der Erfolg war verdient. Im Falle eines Niederlage sollte das ausdrücken: Fußball ist manchmal ungerecht. Neu ist dieses Thema also überhaupt nicht. Nur wird die gefühlte Zeit am Ball seit Einzug der Wissenschaft in den Profifußball mit objektiv erhobenen Daten belegt. Und dann schüttelt so mancher Trainer ungläubig den Kopf. 60 bis 70 Prozent Ballbesitz, aber verloren. Wie kann das sein?

    Gegner darf ich austoben

    Es gibt Mannschaften, die sich um diese Datenrubrik überhaupt nicht scheren. Nehmen wir als Beispiel Hannover 96. Dort hat Chefcoach Mirko Slomka einen Stil entwickelt, der überwiegend auf schnelle offensive Umschaltaktionen setzt. Der Gegner darf sich ruhig mal in langen Phasen an der Kugel austoben. Das verteidigt Hannover 96 vielbeinig in einer hervorragenden Raumaufteilung. Und die Spieler sind darin geschult, diese hohe Ballbesitzzeit des Gegners mit stoischer Ruhe zu ertragen.

    Da bekommt kein 96-Profi ein schlechtes Gefühl, ein hemmendes Empfinden der Unterlegenheit, nur weil der Gegner über längere Phasen die Kugel geschickt in den eigenen Reihen hält. Aber wenn diese Mannschaft eine Balleroberung hat, dann lautet das Slomka-Konzept: Wir wollen binnen der nächsten 10 bis 15 Sekunden vor dem gegnerischen Kasten sein. Dafür braucht es neben der beschriebenen Mentalität auf vielen Positionen Umschaltspezialisten, Leute, die laufstark sind, die schnell sind, die Tempohärte mitbringen und diese langen Vollsprints in beide Richtungen häufig durchziehen können, ohne früh zu ermüden.

    Klassische Kontermannschaft

    Das hat man früher eine klassische Kontermannschaft genannt. Man lockt den Gegner in die engmaschig besetzte eigene Platzhälfte, und dann bricht man blitzartig mit wenigen Kontakten ein in die Räume der weit geöffneten gegnerischen Hälfte. Das ist ein Ansatz. Der Hannover 96 seit einigen Monaten in der Spitze der Bundesliga hält.

    Der unterlegene Gegner muss sich nach Spielen gegen Hannover 96 erst gar nicht mit Ballbesitzprozenten beschäftigen: Die Slomka-Elf ist da fast immer schlechter. Der vom Boulevard als unschlagbar deklarierte FC Bayern hat am Sonntag in Hannover mit 63 Prozent Ballbesitz verloren.

    Was eher an diversen Zufälligkeiten lag: Toni Kroos traf nur die Latte, Bastian Schweinsteiger den Pfosten, der Gegner profitierte von einer 62-minütigen Überzahl (Rot Karte für Jerome Boateng), von einem Elfmetertor und von einem harmlosen Weitschuss, der lustig abgefälscht zum 2:0 im Bayern-Netz landete. Also, die Bayern hatten mehr vom Spiel, aber sie haben verloren. Schaut man auf die Tabelle, dann darf der Tabellenführer für sich in Anspruch nehmen, mit seiner Art von zügigem Ballbesitzfußball auch nicht ganz daneben zu liegen.

    Was sagen 65 Prozent Ballbesitz aus?

    Wir lernen daraus, dass es in hohem Maße darauf ankommt, welche Qualität der Ballbesitz hat. Die Quantität wird eindeutig überschätzt oder, auch das kommt häufig vor, als Analysehilfe missbraucht. 65 Prozent Ballbesitz haben keine Bedeutung, wenn der tief stehende Gegner das etwa planvoll geduldet hat. 65 Prozent Ballbesitz haben wenig Bedeutung, wenn sich diese Zahl speist aus langatmigen Passorgien in der eigenen Hälfte, und dort vorzugsweise in den hinteren Räumen. 65 Prozent Ballbesitz sagen nicht viel aus, wenn Passorgien wenig Raumgewinn und nahezu keine Torgefährlichkeit entspringt.

    Und selbst 80 Prozent Ballbesitz verpuffen, wenn es diesem Ballbesitzmonster an Kreativität und Durchschlagskraft im Angriffsdrittel fehlt. Selbst der FC Barcelona, weltweit der Inbegriff einer Ballbesitzmannschaft, schießt viele Tore nicht nach einem Kombinationsfestival über 50 Stationen, sondern nach erfolgreichen Gegenpressingaktionen und folgenden Tempoattacken mit zwei, drei Kontakten.

    Ohne Ballbesitz geht es nicht

    Misstrauisch muss man werden, wenn Trainer gar nichts von Ballbesitz halten. Die Kugel muss ins Tor, egal wie, das ist nicht mehr als ein Stammtischkonzept. Wer eine möglichst hohe und konstante Erfolgswahrscheinlichkeit aufbauen will, der kommt ohne Ballbesitzqualität nicht aus. Das gilt im übrigen auch für Hannover 96, das auch geringer Ballbesitzzeit sehr viel macht über Schnelligkeit, Konsequenz, Effektivität und Qualität in den Laufwegen und Pässen in die Tiefe.

    Hoher Ballbesitz hat auch seine Vorteile. Wenn der Gegner nicht an die Kugel kommt, hat er keine Chance, ein Tor zu schießen. Wenn der Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte Dominanz erzeugt, dann hat der Gegner weite Wege zum gegnerischen Tor. Wenn der Ballbesitz präzise und kreativ ist, dann entwickelt eine Mannschaft das gute, aufbauende Gefühl, Torchancen nicht erkämpfen zu müssen, sondern herausspielen zu können. Und sicherer Ballbesitz hat eine Bedeutung, wenn es darum geht, sich nach laufintensiven, damit kraftraubenden Pressingphasen auch mal erholen zu können. Dominanter Ballbesitz mit Raumgewinn, Tempo und Kreativität wird einen Gegner in vielen Fällen auch daran hindern, in dieser Partie Überzeugung, eine Erfolgsmentalität aufzubauen.

    Womit wir feststellen können: Auch das Thema Ballbesitz ist eine hochkomplexe Angelegenheit, die sich über eine Prozentzahl nur sehr bedingt abbilden lässt. Wenn Trainer diese Rubrikzahl ohne inhaltliche Erläuterungen bemühen, dann haben sie meistens das Spiel verloren.

    Reinhard Rehberg

    Bundesliga inside
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