Archivierter Artikel vom 11.05.2018, 12:32 Uhr

Regionales Gin-Tasting: Alles Wacholder, oder was?

Nach der Theorie fehlt jetzt bloß noch eins: die Praxis. Fürs Verstehen und Mitreden hilft nur, sich selbst ein Bild zu machen. Also auf zur Geschmacksprobe.

Nicole MiedingLesezeit: 5 Minuten

Das Testen von Spirituosen fordert ein Höchstmaß an Konzentration – nach 30 Riechproben sind die Sinne reichlich benebelt. Geschluckt wird deshalb nur in homöopathischen Dosen – die Eindrücke müssen noch erinnert, verglichen und wiedergegeben werden.

Uwe Sülflohn

Für ein möglichst objektives Urteil kosten die Tester die Gins unverdünnt und blind: Die Proben sind anonymisiert, dafür tragen die Gläser Nummern.

Uwe Sülflohn

Die Sieger des Gin-Tastings.

Uwe Sülflohn

Die Idee: Für einen Überblick über die regionale Ginszene hilft nur eins: Man muss sich durchtrinken. Die Recherche in der Region zwischen Düsseldorf, Mainz und Trier liefert binnen kurzer Zeit mehr als 20 Produzenten. Mit der Ankunft erster Probenflaschen in der Redaktion wächst die Neugier. Dann wird aus dem Tröpfeln erst ein lautes Plätschern, das anwächst zum Strom: Eine wahre Ginflut ergießt sich übers Büro. Unmöglich, dieser Masse an Spirituosen Herr zu werden – professionelle Verstärkung muss her.

Die Tester: Wer auf kulinarischem Terrain lustwandelt, begegnet über die Jahre einer Menge Menschen mit Ess- und Trinkerfahrung. Auf Fachmessen, Verkostungen, Festessen. Natürlich soll's bei der Verkostung qualifiziert zugehen, trotzdem nicht zu akademisch werden, damit die Konsumenten, unsere Leser, vom Ergebnis möglichst viel haben. Das zusammengetrommelte Testpanel bildet daher einen hoffentlich repräsentativen Schnitt möglicher Endanwender ab: Nic Herbst, Gastronom und Betreiber des Bar-Café-Bistro-Restaurants „Interieur No. 253“ im Bahnhof Rolandseck (Kreis Ahrweiler) und Gastgeber unseres Tastings; Sebastian Bordthäuser, Sommelier, Gastronomie- und Buchautor aus Köln („Wein und Gemüse“), Marian Krause, Spezialist für Bars und Trinkevents aus Köln (Shakekings, The Grid), berät zahlreiche Spirituosenhersteller, darunter auch einige regionale Ginhersteller; Matthias Stelzig, Fachjournalist aus Düsseldorf, Uwe Sülflohn, Fotograf und leidenschaftlicher Whiskytrinker; Petra Ochs, Journalistin mit Sinn für Genuss (beide aus der Eifel); Nicole Mieding, als Redakteurin der Rhein-Zeitung verantwortlich für alle Themen rund ums Essen und Trinken.

Rezept: Leichter Cocktail für Sommertage

„Ikarus“ nennt Barprofi Marian Krause seine Kreation, die den Cocktailklassiker Gin Fizz neu interpretiert. Anstelle der Standardzutaten Zuckersirup, Zitronensaft und Soda hat er dafür die Geschmackskomponenten süß, sauer und bitter modern variiert. Zum Einsatz kommen das gesalzene Joghurtgetränk Ayran sowie ein Sirup auf der Basis von Grünem Tee – in diesem Fall die Sorte Milky Olong, die nach der Ernte erst einmal in Milch-Wasserdampf badet.


Zutaten für eine Person:

  • 30 ml Gin (Tanqueray Ten)
  • 15 ml Himbeerbrand (hier: Birkenhofbrennerei)
  • 20 ml Grapefruitsaft, frisch gepresst
  • 15 ml Milky Oolong Tee-Sirup
  • 30 ml Ayran (türkischer Trinkjoghurt)
  • 60 ml Tonic Water


Teesirup vorbereiten:
Dazu Milky Oolong Grüntee (aus dem Teeladen) nach Anleitung zubereiten. Dann mit Zucker im Verhältnis 1:1 mischen.


Zubereitung:
Alle Zutaten in einen Shaker geben (außer Tonic Water) und kräftig auf Eis shaken. Jetzt in ein vorgekühltes Longdrinkglas mit frischem Eis geben und den Drink doppelt abseihen. Anschließend mit Tonic Water auffüllen.

Das Setting: Kaum jemand trinkt Gin pur. Doch schon am weit verbreiteten Klassiker Gin Tonic scheiden sich die Geister: Gurke, Limette, Orange als Garnitur? Mit Eis oder ohne? Womöglich mit einer Prise Pfeffer den Kräuteraromen einen Kick versetzen? Und dann, herrje, welches Tonic? Eins zu eins lässt sich die Trinkanwendung auf der heimischen Terrasse in unserem Test also nicht abbilden. Um den Geschmack nicht zu verfälschen und feine Aromenunterschiede wahrnehmen zu können, entscheiden wir uns für die hoffentlich objektivste Variante: Gin mit nix weiter drin. Weil das ganz schön anstrengend werden kann, rufen wir Nic Herbst um Hilfe an: Der Gastronom, routinierter Gastgeber mit Trinkerfahrung, betreibt das „Interieur No. 253“ im Bahnhof Rolandseck – ein Restaurant mit Gleisanschluss.

Das Vorgehen: Wir wollen uns nicht von schönen Flaschen oder coolen Etiketten beeindrucken lassen, deshalb verkosten wir blind: Ein netter Helfer schenkt hinter den Kulissen ein, Flaschen und Gläser werden nummeriert, damit später die Zuordnung stimmt. Bewertet wird nach Schulnoten. Um die persönlichen Maßeinheiten anzugleichen, stimmen wir uns mit einem „Kalibriergin“ ein: Ein Gin aus der Hausbar, der nicht am Test teilnimmt, wird gekostet und besprochen. Er landet bei befriedigend bis ausreichend, also der Note 3,5. 30 Gins stehen zur Probe an – selbst für Profis eine Menge. In Runde eins beschäftigen wir uns also erst einmal dem mit Riechen. Schließlich wollen wir unsere Sinne möglichst lang beieinander und bei der Sache haben. Nach der Riechprobe tauschen wir uns über unsere Eindrücke aus, werfen in die Runde, was wir an Aromen wahrgenommen haben. Auch, was wir lieber nicht gerochen hätten. Erst dann wird genippt.

Die Kostprobe: Von wegen Gin ist Gin. Alle sind überrascht, wie unterschiedlich diese Gins doch sind. Da stehen nüchtern-geradlinige Typen, die auf klassische Ginaromen wie Wacholder, Anis, Koriander und Zitrusnoten setzen neben schillernden Exoten, die schon beim Riechtest aus der Reihe tanzen. Unerwartet notieren die Tester: Kohl, Curry, Gummibärchen und Badewasser. Lauwarm.

Das Fazit: Auf einen Geschmacksnenner lassen sich die heimischen Gins nicht bringen. Die Auswahl zeigt alle Spielarten, die bei der Herstellung erlaubt sind. So lässt sich für jeden Geschmack ein passender Gin aus der Region finden. Dafür muss man sich aber erst durchtrinken.

Unsere Sieger

Quelle: YouTube (erweiteter Datenschutzmodus)

  • Naked Gin, Micro Batch, Swedish inspired, Batch No. 08-2017, Bottle No. 268/290, 42 % vol: Der Erste in der langen Reihe hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Mit prägnantem Wacholderaroma, Kräutern und floralen Noten. „Schöne Frucht, mollig, zum Reinlegen“, war zu hören. Auch Kakao und Schokolade, wenn vereinzelt auch die leichte Süße störte (59 Euro/0,5 l).

  • Ginsanity CGN Dry Gin, Batch No. L0392018, 42,5 % vol: Jasmin, Lotus, Zitronengras – im Glas ein exotischer Garten. Lavendel, Zitrusfrüchte, mediterrane Kräuter bringen eine schöne mediterrane Frische. Einzig durch die leicht medizinale Note, hervorgerufen durch scharfen Alkohol, wird das Urlaubsgefühl leicht ausgebremst
    (44,90 Euro/0,7 l).

  • Heußler Gin Los No. 0315, 43 % vol: Ein Vertreter des klassischen Stils, klar, pointiert und frisch wie eine Meeresbrise. Viel Zitrus verstärkt den Hauch vom Süden. Ein geradliniger Typ ohne Schnörkel, Firlefanz und falsche Versprechen, bei dem jeder weiß, woran er ist 
(33 Euro/0,7 l).

  • Harry's Waldgin, London Dry Gin with forest botanicals and herbs, Hubertus Vallendar Edition Harald Rüssel, L2312, 47 % vol: Er punktet mit prägnanten Gewürznoten. Nelke, Pfeffer, Curry. Dazu kommen Kräuter, Zimtrinde, ätherische Öle von Hölzern, Zeder. Dieser Gin ersetzt vielleicht keinen Waldspaziergang, aber er beflügelt definitiv die Fantasie (39,99 Euro/0,5 l ).

  • Hirschberg Gin, NO 13/150, 2-18, 
47 % vol: Noch ein Klassiker, im Auftreten dezent. Frucht, Kräuter, Würze, Alkohol – alles da im besten Maß und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk aufeinander abgestimmt (38,50 Euro/0,5 l).

  • Trenz Soil & Soul, handcrafted Rheingau Dry Gin plus Riesling infusion, L 180206, 44 % vol: Der Exzentriker bringt ein ganzes Potpourri an Früchten mit. Zuerst sind da Orangenschale, Kumquats, Mandarine, Bitterorange, dann Zimt und eine wunderbare Karamellnote. Die Riesling Spätlese vom Johannisberger Vogelsang kommt eher als klassischer Chardonnay daher – das Fass, in dem der Gin sechs Monate lagert, gibt ihm eine satte Portion Röstaromen, dazu Butter und Honig mit. Zum Reinbeißen (34,90 Euro/0,5 l).

nim

Interview: Vom Szenetipp zum Trendgetränk

Drinktrends entstehen rund um die Welt. Marian Krause 
leitet eine Barschule in Köln. Er erzählt, wie aus einem 
zugeraunten Tipp hinterm Tresen ein Massenhype wird.

Marian Krause 
leitet eine Barschule in Köln.
Marian Krause 
leitet eine Barschule in Köln.
Foto: Nicole Mieding

Wie konnte der gute alte Gin plötzlich wieder in Mode kommen?

Losgetreten wurde der Trend in spanischen Bars. Dort waren die Longdrinkgläser knapp. Barkeeper haben Gin Tonic kurzerhand in Weingläser gefüllt und so den klassischen Drink neu in Szene gesetzt. Das kam an.

Was macht Gin massenkompatibel?

Die klassischen Drinks mit Gin sind einfach in der Zubereitung. Dazu kommen unglaublich viele Varianten. Jeder kann darüber reden, seine Meinung sagen, seinen persönlichen Geschmack irgendwo wiederfinden. Das macht Gin für den Gast attraktiv.

Welchen Tipp raunen sich die Profis hinter den Tresen denn aktuell zu?

In der Barszene ist der Ginhype längst abgeflaut. Die Szene lechzt stets nach Neuem, hier werden Trends gesetzt. Die nächste Welle vorherzusagen, ist nicht ganz leicht, weil es zurzeit mehrere vielversprechende Themen gibt. Dazu zählen ganz sicher aufgespritete, also verstärkte Weine wie Portwein, Sherry oder auch Wermut. Die Ziemlich große Chancen, wieder in Mode zu kommen, sehe ich zurzeit für Rum und auch Cognac. Anders ist es beim Whisky, der war aus den Bars nie weg. Entgegen dem Trend zu gereiften Sorten sind hier aber junge Sorten aus Irland zunehmend gefragt. Die haben großes Potenzial für breiten Erfolg, weil sie nicht so unnahbar sind wie die schweren, torfigen Schotten. Trinken wird generell leichter und unkomplizierter – das kommt gut an, besonders bei den Frauen.

Die Fragen stellte unsere Redakteurin Nicole Mieding