Archivierter Artikel vom 11.05.2018, 12:14 Uhr
Rheinland-Pfalz

Ein Hoch auf den Gin: Chin-chin!

In ganz Deutschland sprießen neue Ginsorten wie Pilze aus dem Boden. Wer sich umschaut, findet schnell ein üppiges Angebot – auch in unserer Region. Woher kommt das? Was steckt hinter dem Trend? Und vor allem: Wie schmeckt's?

Nicole MiedingLesezeit: 4 Minuten

Vorsicht, nicht ertrinken: Das Angebot an Gins aus der Region ist uferlos – wer sich Überblick verschaffen will, muss sich durchtrinken. Im stimmungsvollen Ambiente des Bahnhofs Rolandseck haben unsere Tester die Spirituosen pur verkostet. Als glanzvollen Abschluss mixt Barprofi Marian Krause seine Gin-Cocktail-Kreation „Ikarus“.
Vorsicht, nicht ertrinken: Das Angebot an Gins aus der Region ist uferlos – wer sich Überblick verschaffen will, muss sich durchtrinken. Im stimmungsvollen Ambiente des Bahnhofs Rolandseck haben unsere Tester die Spirituosen pur verkostet. Als glanzvollen Abschluss mixt Barprofi Marian Krause seine Gin-Cocktail-Kreation „Ikarus“.
Foto: Nicole Mieding

Das Image war recht angestaubt: eine Spirituose, die royale Rentner und bestenfalls die Toupetträger unter den Doppelagenten trinken. Womöglich hat Gin seine Durststrecke bloß dank Queen Mum überwunden – bekanntlich blieb deren Treue zum Wacholderschnaps über die Jahrzehnte hinweg unerschütterlich. Nun aber ist Gin von den vermeintlich Toten auferstanden. Sein Revival verdankt er, genau wie zuvor seine Bestattung, den Trendjägern der Barszene. Die haben die friedlich ruhende Spirituose vor rund zehn Jahren scheinbar anlasslos zum Trend erhoben. Aus der Nische hat sich Gin inzwischen befreit: Der zunächst im Halbdunkel schummriger Tresen zugeraunte Geheimtipp unter Gutmeinenden ist zum Volkstrank geworden, der nach den Bars nun die Supermärkte erobert. Der Erfolg ruft Nachahmer auf den Plan: Neue Gins und Destillerien sprießen wie Pilze aus dem Boden – auch in unserer Region.

Ungern solo. Anders als Rum oder Whisky wird Gin in der Regel nicht pur getrunken. Die niederländische Erfindung (Genever) galt ursprünglich als Getränk für die Unterschicht, mit dem die sich auf billige Art die Sinne vernebelte. Ab dem 18. Jahrhundert setzte die britische Marine Gin zur Malariaprophylaxe ihrer Truppen in den Tropen ein. Den Soldaten wurde Chinin mit Gin verabreicht, der zusammen mit kohlensäurehaltigem Wasser (Tonic) den Bittergeschmack mildern sollte. Gegen Skorbut wurde zudem ein Schnitz Limone verabreicht: Fertig ist der Gin Tonic!

„Regionale Sorten sind schwer im Kommen“, bestätigt Marian Krause, Barbetreiber aus Köln („The Grid“, „Shakekings“), der mit Cocktailevents durch ganz Deutschland tourt und Hersteller von Hochprozentigem mit seinem Wissen berät. Gin ist vergleichsweise einfach und billig zu produzieren – das macht ihn auch bei Brennern, Winzern und anderen Obstbauern beliebt, die mit dem Thema bislang kaum Berührung hatten. Neben der Betonung der regionalen Herkunft und der handwerklichen Herstellung, auf die die wachsende Craft-Bewegung auch in diesem Segment setzt, entstehen Erfolge vor allem durch gute Geschichten: „Die neuen Gins sind meist Auftragsarbeiten, ausgeführt von Lohnbrennereien, die von gutem Marketing profitieren“, sagt Krause.

Wie vielfältig das Angebot an Gins mittlerweile ist, zeigt schon der Blick auf die Produktpalette der Region: eine bunte Truppe von Individualisten, denen man die Verschiedenheit schon von außen ansieht. Das Design von Etikett und Flasche erlaubt Hinweise auf den Charakter oder die Kategorie, der man sie zuordnen soll. Da stehen die eher klassischen Typen mit puristisch-reduziertem Auftreten (aufs Innere kommt's an) neben jenen, die als „Junge von nebenan“ auftreten und ihre Herkunft betonen: Sie tragen selbstbewusst den Rhein im Namen wie „Siegfried“ (Rheinland Dry Gin aus Bonn), der, vielfach ausgezeichnet, unter den deutschen Vertretern längst zu den Promis von internationalem Rang gehört. „Gin de Cologne“ setzt mit dem Kölner Dom auf dem Label auf regionale Identität. Einigen hängen Medaillen wie Orden an Hals und Brust, die die Anerkennung von Profitrinkern beweisen. Einem besonders gewitzten hängt gar ein rotes Mäntelchen um. Nicht als Rumpelstilzchen, sondern um sich als passende Spirituose für männliche Superhelden zu inszenieren: „Hero Gin“ aus Minheim im Kreis Bernkastel-Wittlich.

Die Basis für Gin kann aus so gut wie jedem Agrarprodukt bestehen. Getreide oder Melasse sind häufige Grundstoffe, aber auch hier setzen die Hersteller gern auf Region und handwerkliche Tradition. So verwendet die Manufaktur Windspiel in Daun etwa einen Brand aus Kartoffeln, die in Vulkanerde auf Eifeläckern groß geworden sind. Und setzt beim Aromatisieren auf heimische Wiesenkräuter.

Denn der Clou beim Gin sind sogenannte Botanicals: pflanzliche Zutaten, bei deren Auswahl der Fantasie kaum Grenzen gesetzt sind. Die einzige verbindliche Voraussetzung für Gin ist das Kraut, von dem sein Name stammt – Wacholder (botanisch: „juniperus“, englisch: „juniper“, niederländisch „genever“). Allein 2300 Wacholdersorten gibt es. „Die Preise für Topqualitäten sind aufgrund des Ginbooms in den vergangenen Jahren regelrecht durch die Decke gegangen“, berichtet Krause. Daneben eröffnen weit mehr als 100 Aromenzusätze bei Geschmack und Herstellung einen enormen Spielraum. So setzt etwa Andreas Vallendar die Familientradition als Obstbrenner im Kreis Trier-Saarburg höchst erfolgreich mit seinem „Ferdinand's Saar Dry Gin“ fort. Der erhält seine individuelle Note durch handgeerntete Weinbergskräuter und Rieslingtrauben des Weinguts Zilliken aus den Schieferstteillagen der großen Lage Saarburger Rausch. Der „Muscatel Dry Gin“ aus Mainz wurde mit einer Infusion aus Muskatellerwein versetzt.

Die Klassiker. Mit Erblühen der Barszene seit dem 19. Jahrhundert entstanden zahlreiche Gin-Cocktails. Berühmte Klassiker sind neben dem Gin Tonic (Queen Mums Lieblingsdrink) etwa Gin Fizz, Tom Collins, Singapore Sling und natürlich der Dry Martini Cocktail, den James Bond gegen jede Regel stets geschüttelt statt gerührt bestellt.

Ob Salbei, Minztee, Muskat oder Orangenschalen – die Destillateure verfügen über ein riesiges Arsenal an selbst gemachten Fruchtauszügen und Kräutertinkturen, erklärt der Spirituosenspezialist und Fachautor Matthias Stelzig. „Das immer weiter aufgefächerte Angebot bedient immer kleinere Nischen bis hin zu sozialen Milieus. Ökofreaks, Urbanisten, Esoteriker, Erdverbundene, Smoothiefans, Weltbürger: Praktisch lässt sich jede gewünschte Zusammenstellung von Attributen durch die Zugabe von Trockenpflanzen und einem bestimmten Design deklinieren“, analysiert Stelzig in seinem Beitrag zur weltgrößten Messe für Wein und Spirituosen in Düsseldorf die Gin-Erfolgsgeschichte. Angesichts des uferlosen Angebots gilt es nun, neue Nischen zu finden.

Wer angesichts der Ginflut, die das Land ertränkt, auf sich aufmerksam machen will, muss sich von der Menge absetzen. Ausgefallen ist angesagt. So reift etwa der „Gentle 66“, ein Gin für Gentlemen aus der Westerwälder Birkenhofbrennerei, im Grand-Marnier-Fass. Ausgebaut und abgefüllt wird er in kleinsten Chargen („micro batches“), abzulesen als individuelle Nummer auf handsignierten Flaschen. Unterschiede im Geschmack sind gewollt und gelten als Qualitätsmerkmal. Wer sie identifiziert, beweist wahre Kennerschaft. Wer will schon trinken, was in aller Munde ist.

Gin ist nicht gleich Gin – Kleines Einmaleins

Gin ist nicht gleich Gin. Warum das so ist, erklären wir in einem kleinen Einmaleins des Gins.

1 Die Basis kann bei Gin jeder beliebige Alkohol bilden, der aus einem Agrarprodukt gewonnen wird. Laut Definition muss er mindestens 37,5 Volumenprozent Alkohol haben. Allerdings variiert auch der Alkoholgehalt stark. Als klassisch gelten Gins mit 47 Volumenprozent. Moderne Gins liegen heute meist zwischen 40 und 47 Prozent. Hartgesottene schwören gar auf Gins mit 54,5 Volumenprozent. Diese Alkoholstärke wird als „Navy Strenght“ bezeichnet und geht auf den medizinischen Einsatz von Gin bei der britischen Handelsmarine zurück. Pflichtzutat ist zudem Wacholder – schließlich ist der Gin nach ihm benannt.

Letztes Salut für Queen Mum: Blumen und eine Flasche ihres Lieblingsgins.
Letztes Salut für Queen Mum: Blumen und eine Flasche ihres Lieblingsgins.
Foto: Hugo Philpott/picture-alliance / dpa/dpaweb

2 Die individuelle Note liefern beim Gin sogenannte Botanicals: Kräuter und Gewürze, deren Einsatzreichtum nahezu grenzenlos ist. Für Hersteller ist er eine wahre Spielwiese, für Konsumenten maximal variantenreich. Das macht ihn für beide Seiten der Handelskette höchst attraktiv.


3 Die verschiedenen Sorten lassen sich nach ihrer Zusammensetzung, Herstellungsart oder auch Herkunft einteilen. So ist beim Dry Gin die Zugabe nicht pflanzlicher Aromen, nicht aber von Zucker erlaubt – andersrum hieße er London Dry Gin. Der muss aber nicht aus London stammen. Destilled Gin darf sich nur so nennen, wenn er mindestens zweifach destilliert ist. Und Sloe Gin heißt zwar so, ist genau genommen aber kein Gin, sondern ein Schlehenlikör. Klingt kompliziert? Ist es! Wer sich einlesen will: Den Einstieg ins Thema samt Gin-Buch zum kostenlosen Download gibt es unter www.ginobility.de/blog/gin-buch