Archivierter Artikel vom 26.06.2013, 06:33 Uhr

Ehrlich und attraktiv: Wie JFK Deutschland verzauberte

Rheinland-Pfalz/Berlin – Als USPräsident John F. Kennedy am 23. Juni 1963 auf dem Köln-Bonner Flughafen Wahn landet, steht der Ehemann von Alma Hoppe stramm. Walter Hoppe ist einer der ersten, den Kennedy sieht, als er um kurz vor 10 Uhr deutschen Boden betritt. Denn der Soldat steht vor dem Flugzeug Spalier. Wie so oft dürfen die Soldaten ihre Ehefrauen mit auf den Flughafen nehmen.

Von unserem Redakteur Christian Kunst

Alma Hoppe
Alma Hoppe
„ Die damals 20-jährige Alma Hoppe wartet einige Meter entfernt in der Sperrzone auf Kennedy, sein Gefolge und die deutsche Delegation, angeführt vom damals 87-jährigen Kanzler Konrad Adenauer. Es ist ein warmer Junisonntag, Alma Hoppe trägt ein weißes Kostüm mit einem kniehohen Rock, die Haare hat sie zu einem Bob frisiert – wie Jacqueline Kennedy, die Ehefrau von JFK, die nicht mit nach Deutschland gekommen ist, weil sie mit Sohn Patrick hochschwanger ist.

Vorher, erzählt Hoppe, die heute in Gevenich (Kreis Cochem- Zell) lebt, hatte sie die Haare wie die andere Stilikone der 60er-Jahre, Farah Diba, toupiert. Doch jetzt will sie Kennedy gefallen, ihm vielleicht ein Lächeln entlocken. Als der Wagen vorbeifährt, winkt der Amerikaner ihr sogar zu. Es ist nur ein Moment, doch Alma Hoppes Gesicht wird hochrot.

„Ich war ihm so nah, ich hätte ihm die Hand geben können. Doch dafür war ich zu schüchtern.“ In ihren Worten ist der Zauber Kennedys bis heute spürbar: „Er hatte eine verdammte Ausstrahlung. Dieses Lächeln, dieses Blitzen in den Augen. Der Adenauer war ja schon fast 90. Und dann saß neben ihm dieser junge Mann. Jede Frau hat sich damals gewünscht, solch einen Mann zu haben.“

Schon auf dem Flughafen spürt sie: „Bei dieser Reise passiert was. Kennedy war so dynamisch.“

Vor dem Kölner Dom

gewartet Wenige Stunden später verlässt Kennedy mit Adenauer und dem Kölner Kardinal Josef Frings den Dom, nachdem der Präsident den jubelnden Menschen vor dem Rathaus zuvor die Worte „Kölle alaaf“ zurief.

Vor dem Dom wartet Walter Tanger in der Menschenmenge auf den US-Präsidenten. Der damals 18-Jährige aus Waldbreitbach (Kreis Neuwied) ist zu Besuch bei seiner Cousine. Jetzt steht er drei bis vier Meter entfernt von Kennedys Auto. „Es war eine riesige Freude für mich, ihn und Konrad Adenauer zusammen zu sehen. Und hinter den beiden fuhr der bekannte USA-Korrespondent Thilo Koch. Das war ein Erlebnis.“ Noch näher als Tanger kommt Kennedy der damals 25-jährige Hans-Jürgen Gollub, der heute in Zell-Kaimt (Kreis Cochem-Zell) lebt. „Ich habe ihm dreimal die Hand gegeben, und einmal hat er mir auf die Schulter geklopft.“ Dabei läuft der Kennedy-Besuch nahezu an ihm vorbei. Denn er ist als Mitarbeiter der bundeseigenen Firma Mobilwerbung für das Marketing und die Organisation der Visite zuständig. Mit seinen Kollegen sorgt er mit 50 VW-Bullis dafür, dass die Zuschauer deutsche und US-Flaggen bekommen oder dass die zwischen Köln und Bonn stundenlang auf die Fahrzeugkolonne Wartenden mit Musik unterhalten werden.

Am Mittwoch ist Gollub auch in Westberlin. Kennedys Rede hört er in einem Technikfahrzeug. Und doch sind seine kurzen Begegnungen mit Kennedy für ihn bleibende Erinnerungen: „Ich habe nie wieder einen Menschen mit solch einer Ausstrahlung gesehen. Er war so nett und freundlich. Das war ergreifend für mich, auch wenn es nur ein Augenblick war.“

Renate Karikari
Renate Karikari
“ Vor dem Schöneberger Rathaus wartet an diesem Mittwoch die damals 19-jährige Renate Karikari auf den Hoffnungsträger. Heute lebt sie in Dernbach, damals mit ihren Eltern in der Bergstraße in Wedding. Aus ihrem Fenster blickt sie auf die Mauer. Die Familie wird nach 1961 zerrissen, ihre Tanten leben fortan im abgeschotteten Osten. Wenige Wochen nach dem Mauerbau sieht sie, wie ein 16-Jähriger vor der Mauer erschossen wird und dort eine Dreiviertelstunde liegen bleibt.

Am 26. Juni, erinnert sie sich, ist halb Berlin auf dem Weg zum Schöneberger Rathaus. Karikari, die damals als Kindergärtnerin in Moabit arbeitet, hat sich einen Tag freigenommen. Viele sind damals enttäuscht vom Regierenden Bürgermeister Willy Brandt, weil er den Mauerbau nicht verhindert hat.

Alle Hoffnungen ruhen auf Kennedy

Im Konfettiregen durch Westberlin (von links im Wagen): John F. Kennedy, Willy Brandt und Konrad Adenauer
Im Konfettiregen durch Westberlin (von links im Wagen): John F. Kennedy, Willy Brandt und Konrad Adenauer
Foto: DPA
Jetzt ruhen alle Hoffnungen auf Kennedy, sagt sie. „Er war den Menschen einfach zugewandt. Bei ihm hatte ich das Gefühl, dass er ehrlich ist. Deshalb war es gar nicht wichtig, was er sagte.“ Daher macht es auch nichts, dass Renate Karikari bis heute nicht ganz versteht, was Kennedy meinte, als er sagte: „Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger Berlins, und deshalb bin ich als freier Mann stolz darauf, sagen zu können: Ich bin ein Berliner.“

Sie jubelte wie Hunderttausende Berliner auf dem Platz. Es war mehr ein Gefühl, das sie bewegte: „Das war ein ganz besonderer Moment, ein sehr entspannter und glücklicher Tag. Es hatte etwas Vereinigendes, dort zusammen mit so vielen Menschen zu stehen und Kennedy zuzuhören.“ Hans-Jürgen Gollub drückt es so aus: „Kennedy verkörpert für mich den Glauben, dass Freiheit und De- Alma Hoppe mokratie etwas Schönes sind.“