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Nachspielzeit: Der Fusselpulli des Hamburger SV heißt Christian Titz

Während sich FCK-Anhänger im Kreis Birkenfeld an meinen fusselnden Kapuzenpulli klammern, dürfen Fans des nicht minder gebeutelten Bundesliga-Dinos Hamburger SV auf einen menschlichen Rettungsanker mit Idar-Obersteiner Vergangenheit hoffen. Der neue Cheftrainer des Bundesligisten war mal Spieler beim SC Idar-Oberstein....

Nachspielzeit von Sascha Nicolay.
Nachspielzeit von Sascha Nicolay.

Nachspielzeit von Sascha Nicolay

Jetzt hat der 1. FC Kaiserslautern also das so wichtige Spiel bei Greuther Fürth verloren – und ich rechne täglich mit schweren Vorwürfen aus Kaiserslautern. Ich gestehe: Obwohl das Spiel so wichtig, ja scheinbar entscheidend war, habe ich es nicht live gesehen, und ich habe auch meinen fusselnden Kapuzenpulli mit FCK-Logo nicht getragen. Zumindest nicht während der kompletten 90 Minuten. Warum nicht? Nun, schuld daran waren Konsumrausch, Eitelkeit und die Frauen.

Eigentlich hatte ich am Samstag im Hinterkopf, das Spiel auf der Couch meines Kumpels Thorsten „Butcher“ Schäfer in Schauren zu schauen. Selbstverständlich hätte ich den mittlerweile legendären Fusselpulli getragen. Thorsten hat mich dann per Whattsapp-Nachricht sogar daran erinnert, den Pulli nur ja auchanzuziehen. Mahnend, fast drohend schrieb er: „Denk an Deinen Pulli!“ Mit der selben Nachricht zerstörte er aber eine wichtige Voraussetzung für das erfolgreiche Wirken des Kapuzenpullovers: „Ich fahre in den Saarpark-Center nach Neunkirchen zum Shoppen, der FCK muss das diesmal ohne mich geregelt bekommen.“ Kein Fußball also bei Schäfers auf der Couch – und fünf Minuten später auch kein Fusselpulli. Meine Frau war für ein gemütliches Kaffeetrinken in Idar, bevor ich mir dienstlich den SC anschauen wollte. Nun, Kaffe trinken wollte ich nicht mit dem FCK-Kapuzenpulli, der an mir – wie schon erwähnt – aussieht wie ein Sack mit FCK-Logo. Aber so ganz ohne den „Hoodie“ habe ich mich nicht getraut, aus dem Haus zu gehen. Die Sorge um den FCK ist schließlich allgegenwärtig. Also habe ich das Teil im Kofferraum verfrachtet. Dort – abgeschirmt von einem vollverzinkten Kofferraumdeckel – scheint er seine volle Zauberkraft aber nicht entwickeln zu können. Nur deshalb – ich bin sicher – ist der FCK in Fürth 0:1 in Rückstand geraten. Erfahren habe ich das von meinem Freund Florian Meigen, ebenfalls per Whattsapp-Nachricht. „Ganz schwach heute, da nutzt auch kein fusselnder Kapuzenpulli was“, schrieb er. Das hat natürlich dazu geführt, dass ich intensiv über den Pulli nachgedacht und mir Vorwürfe gemacht habe – und, was soll ich sagen – der FCK hat in diesem Moment ausgeglichen. „Jetzt reicht wohl schon Telepathie“, meinte Flo Meigen, als ich ihm davon bei meiner Antwort erzählte.

Diesmal ohne Wirkung. Mein fusselnder Kapuzenpulli des 1. FC Kaiserslautern.
Diesmal ohne Wirkung. Mein fusselnder Kapuzenpulli des 1. FC Kaiserslautern.
Foto: Sascha Nicolay

Die FCK-Fans unter den Lesern – alle anderen bitte ich um Verzeihung, dass es schon wieder um die Roten Teufel geht – können verstehen, dass Kaffeetrinken fortan für meine Frau kein Spaß mehr war. Ich habe nämlich drüber nachgedacht, ob Telepathie alleine dem FCK hilft, oder ob ich nicht doch lieber den Fusselpulli anziehen sollte. Kurz erzählt: Ich habe es getan. Ich habe auf dem Parkplatz vor dem Café in Idar meinen Pullover gewechselt und bin mit dem FCK-Fusselpullisack in den „Haag“ gefahren. Dort habe ich dann alle 25 Sekunden auf mein Handydisplay gestarrt, um den Liveticker zu hypnotisieren. Ich vermute stark, dass das die FCK-Jungs in Fürth zu sehr unter Druck gesetzt hat – weil leider ist Fürth 2:1 in Führung gegangen. Fortan habe ich im Minutentakt panische Nachrichten bekommen. „Hast du Deinen Fusselpulli an?“ Oder: „Zieh den fusselnden FCK-Sack an!“ Allen habe ich geantwortet, dass ich das Ding trage und mein blaues T-Shirt darunter längst in einem schönen Fussel-Grau gehalten ist – und ich habe ihnen ein Beweisfoto geschickt. Die Reaktionen waren erschütternd. Meine FCK-Fan-Freunde hatten resigniert. Sie waren in diesen Minuten sicher, dass der FCK absteigen wird –, wenn schon der Fusselpulli nicht hilft.

Ich habe alle beruhigt und erklärt, dass der Pulli nichts dafür kann, weil ich ihn ja nicht richtig und konsequent eingesetzt hatte. Und dann habe ich allen noch erklärt, dass der FCK drin bleibt, weil er ja von acht Spielen nur fünf gewinnen muss. Mit meinem Fusselpulli ist das kein Problem – vor allem, weil ich hoch und heilig verspreche, dass ich ihn zukünftig korrekt und über volle 90 Minuten zum Einsatz bringen und auch nicht mehr im Kofferraum einsperren werde.

HSV-Fan? Horror!

Wir FCK-Fans sind ja schon zu bemitleiden, aber es könnte alles noch viel schlimmer sein. Stellt euch vor, wir wären HSV-Anhänger. Horror! Lauterer können sich wenigstens noch an einen Kapuzenpulli klammern. HSV-Fans nicht. Deren Kapuzenpulli heißt jetzt Christian Titz.

Man kann den Schlachtenbummlern des Dinos mit der Raute nur wünschen, dass Christian Titz erfolgreicher ist als damals beim SC Idar-Oberstein. Ja, der neue Trainer des Hamburger SV hat auch mal beim SC und in Idar-Oberstein gewirkt – als Spieler beziehungsweise als Leiter einer Fußballschule in Tiefenstein.

In der Regionalliga beim SC Idar-Oberstein lief Christian Titz 1999 nur sechsmal auf – als Trainer in der Bundesliga beim Hamburger SV bekommt er zumindest acht Spiele.  Foto: Imago
In der Regionalliga beim SC Idar-Oberstein lief Christian Titz 1999 nur sechsmal auf – als Trainer in der Bundesliga beim Hamburger SV bekommt er zumindest acht Spiele.
Foto: Imago

Er kam von Waldhof Mannheim und hat am 11. August 1999 sein erstes Spiel für den SC bestritten – in der Regionalliga gegen Preußen Münster (mit Christoph Metzelder) im Haag. Zwölf Minuten vor Schluss wurde er für Tomasz Kakala eingewechselt. Der heutige Trainer der zweiten SC-Mannschaft und der A-Jugend erinnert sich und fragt voller Selbstironie lachend: „Für wen auch sonst?“ Und dann beschreibt ihn Kakala als „intelligenten, korrekten“ Menschen, der sich allerdings nicht als erhoffte Verstärkung erwiesen habe. Ins gleiche Horn bläst Christian Schwinn, der damalige SC-Angreifer: „Ich habe ihn als anständigen Kerl in Erinnerung, aber sportlich klafften Anspruch und Wirklichkeit auseinander.“

Martin Dawitschek, damals SC-Verteidiger und heute Trainer des TuS Mörschied hat sogar noch Kontakt zu Christian Titz. „Wir schreiben uns ab und zu“, erzählt er und verrät: „Ich traue ihm zu, dass er den HSV auf Kurs bringen kann und bin gespannt, ob er vielleicht eine längerfristige Chance bekommen wird.“

Über Titz' Karriere nach seiner Spielerlaufbahn als sportlicher Leiter und Trainer (unter anderem beim FC Homburg und jetzt als Tabellenführer der Regionalliga Nord beim HSV II) äußert sich auch Christian Schwinn voller Anerkennung: „Davor habe ich wirklich Respekt.“ Als Spieler beim SC klappte es vor 19 Jahren freilich nicht so recht. Christian Titz fand keine Anerkennung, war auch nicht fit und lief insgesamt nur sechsmal auf, bevor der Verein ihn zum Ende des Jahres 1999 nach nur vier Monaten sogar kündigte. „Ich bin natürlich enttäuscht . Die Umstände halte ich für dubios“, sagte Christian Titz damals zu NZ-Sportredakteur Olaf Paare in einem Interview. Auch seine Fußballschule in Tiefenstein lief nicht so recht. Aber immerhin 15 Kinder trainierten damals unter der Anleitung des heutigen HSV-Coaches regelmäßig im Staden. In dieser Beziehung war Titz seiner Zeit wohl voraus, denn Fußballcamps und -schulen werden heutzutage in großer Zahl und in allen Variationen angeboten und erfreuen sich mächtigen Zulaufs.

Doch davon kann sich Christian Titz heute nichts kaufen – jetzt muss er den HSV auf Kurs bringen oder sogar retten. Christian Titz ist also die letzte Hoffnung, der letzte Anker – so etwas wie ein FCK-Fusselpulli für HSV-Fans.

E-Mail: sascha.nicolay@rhein-zeitung.net

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