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Tür nach London ist noch nicht geschlossen

Marion Wagner verschiebt ihr Karriereende um mindestens zwei Wochen. Am Tag nach den Deutschen Meisterschaften von Wattenscheid, bei denen sie erstmals in ihrer Karriere ein 100-Meter-Finale verpasst hatte, erfuhr die Leichtathletin des USC Mainz zwar, dass sie nicht zum Staffelteam für die EM in Helsinki gehört. Die Nichtberücksichtigung ist allerdings nicht gleichbedeutend mit dem Ende des Traums von einer vierten Olympiateilnahme.

Flüchtet sich Marion Wagner noch unter den Rettungsschirm? In knapp zwei Wochen hat die USC-Sprinterin eine letzte Chance, sich für Olympia zu qualifizieren. 
Foto: Eva Willwacher
Flüchtet sich Marion Wagner noch unter den Rettungsschirm? In knapp zwei Wochen hat die USC-Sprinterin eine letzte Chance, sich für Olympia zu qualifizieren.
Foto: Eva Willwacher

"Die Nominierungsrichtlinien für London sehen vor, dass alle Leistungen, die bis zum 2. Juli erzielt werden, für die Nominierung herangezogen werden", erläuterte Staffel-Bundestrainer Thomas Kremer gestern im Gespräch mit der MRZ. Die Tür nach London sei mit der DM nicht endgültig geschlossen worden, "sondern wir bemühen uns, sie wieder aufgehen zu lassen".

Letzte Chance in Dormagen

Im konkreten Fall bedeutet dies, dass potenzielle Staffelkandidatinnen, die in Wattenscheid bereits im Vorlauf gescheitert waren oder verletzungsbedingt gar nicht antreten konnten, am übernächsten Wochenende in Dormagen noch eine Chance erhalten, ins Team zu rennen. Dafür infrage kommen beispielsweise Cathleen Tschirch (Bayer Leverkusen), Christina Haack (TV Wattenscheid) und eben Marion Wagner.

Die USC-Athletin hat sich nach kurzer Überlegung entschlossen, dieses Angebot anzunehmen. "Ich habe in den letzten Wochen zu hart gearbeitet, um jetzt aufzugeben", begründet die 34-Jährige ihren Entschluss. Wegen anhaltender Rückenprobleme war Wagner erst spät in die echte Saisonvorbereitung eingestiegen, hatte am vorvergangenen Wochenende in Mannheim allerdings bewiesen, dass ihr der Anschluss an die nationale Spitze wieder gelungen war.

Am Samstag in Wattenscheid jedoch lief die Mainzerin kein gutes Rennen (ein Schicksal, das sie mit fast allen Konkurrentinnen teilte) und hatte zudem Pech mit den deutlich schlechteren Windbedingungen in ihrem Vorlauf. Diesen Umstand ließ der Bundestrainer aber offenbar bei der Zusammenstellung der Staffel für Helsinki nicht oder zumindest nicht stark in seine Überlegungen einfließen. Kremer nominierte, abgesehen von der Viertplatzierten Inna Weit (LC Paderborn, wird in Helsinki über 200 Meter starten) die schnellsten DM-Finalistinnen: Verena Sailer (MTG Mannheim), Tatjana Pinto (LG Ratio Münster), Anne Cibis (Mannheim), Yasmin Kwadwo (TV Wattenscheid) und Leena Günther (LT DSHS Köln). Letztlich wird es wohl nur noch auf eine Entscheidung zwischen Kwadwo und Günther um den vierten Platz hinauslaufen.

"Über diese Entscheidung muss man nicht diskutieren", sagt Marion Wagner. "Thomas hat die EM-Mannschaft nach einem klaren Kriterium nominiert." Und da es für die Zusammensetzung der Staffel keine vorab festgelegten Richtwerte gibt wie beispielsweise beim Stabhochsprung, wo neben der Norm ein Platz unter den ersten Drei bei den Deutschen Meisterschaften erforderlich ist, hat Kremer den größtmöglichen Handlungsspielraum, ohne sich für seine Entscheidung rechtfertigen zu müssen.

Keine konkreten Vorgaben

Viel konkreter scheint das Ganze allerdings auch mit Blick auf die Olympianominierung nicht zu werden. Die in Dormagen startenden Sprinterinnen werden kaum eine bestimmte Richtzeit vorgegeben bekommen, die sie für ein Ticket nach London erfüllen müssen. Sondern dieses Ergebnis soll im Kontext der gesamten Saison betrachtet werden. Eine nicht ganz unwichtige Rolle dürfte sicherlich das Abschneiden des 4x100-Meter-Quartetts in Helsinki spielen. Bislang steht für die DLV-Sprintstaffel eine Jahresbestzeit von 43,19 Sekunden, gelaufen Ende Mai in Weinheim, mit Marion Wagner.

"Ich habe momentan keine Ahnung, was ich in Dormagen bringen muss, um mich zu qualifizieren", sagt die USC-Athletin. "Aber am Dienstag geht das Training wieder los, und ich werde mich auf diesen Wettkampf so gut wie möglich vorbereiten." Wagner will sich hinterher nicht vorwerfen müssen, leichtfertig eine Olympiachance nicht genutzt zu haben. "Und wenn es doch nicht reichen sollte, will ich wenigstens zum Abschluss meiner Karriere noch einen ordentlichen Lauf hinlegen."

Peter H. Eisenhuth

Regionalsport Mainz
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