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Frauen halten Tradition hoch: Wenn in der Stube die Stricknadeln klappern

Zwei links, zwei rechts, eine fallen lassen: Auch ein klassisches Strickmuster hat Aufmerksamkeit verdient. Das finden zumindest eine Handvoll Ratzerterinnen, die regelmäßig im Dorfpavillon die Stricknadeln klappern lassen. Und nicht nur das: Mit ihrer „Spinnstube“ huldigen die Damen nicht nur diversen Handarbeitstechniken, sondern halten auch einen alten Westerwälder Brauch aufrecht – und das schon seit mehr als 40 Jahren.

Handarbeit und Dorfgespräch: In der Ratzerter Spinnstube frönen die Damen regelmäßig der wieder aufgelebten Tradition. Foto: Angela Göbler
Handarbeit und Dorfgespräch: In der Ratzerter Spinnstube frönen die Damen regelmäßig der wieder aufgelebten Tradition.
Foto: Angela Göbler

„In früheren Zeiten war das in den Dörfern ganz normal“, wissen Mathilde Schumacher und ihre Spinnstuben-Freundinnen. In den Wintermonaten trafen sich die Dorffrauen in geselliger Runde und sponnen Flachs, Leinen und Schafswolle, verarbeiten die Stoffe zu Wäsche und Kleidung und versorgten so die ganze Familie mit Stricksachen und Strümpfen. 1977 haben die Ratzerterinnen diese Sitte wieder aufgenommen: „Das war Entspannung für uns“, berichtet auch Irene Weber. Heute ist sie mit 83 Jahren die älteste in der Runde, und auch die übrigen Spinnstubenfrauen sind inzwischen im Seniorenalter angekommen.

Heute sind sieben bis neun Handarbeiterinnen regelmäßig in der Spinnstube vertreten, anfangs waren es auch mal 15. „Da haben wir uns noch immer wechselseitig abends zu Hause getroffen, aber seit 1993 gibt es ja den Dorfpavillon, den wir nutzen können“, berichten die Strickfans.

Im klassischen Sinn gesponnen wird in der geselligen Runde heute aber höchstens noch mit Worten: Spinnräder wie in den früheren Jahren werden schon lange nicht mehr aufgestellt. Aber Kaffee, Kuchen und ein Gläschen Sekt – „für den Kreislauf!“ – und ein bisschen Klatsch und Tratsch aus dem Dorfleben und der ganzen Welt gehören genauso selbstverständlich zu jedem Treffen dazu wie diverse Handarbeitsutensilien. Denn aufs Stricken alleine wollten sich die kreativen Damen nie beschränken.

Gleichwohl haben sie schon feine Tischläufer und Deko für jede Jahreszeit gehäkelt, aus Omas altem Betttuch feine Tischdecken gemacht, aufwendige Stickbilder und zahlreiche Kinderpullover nicht nur für die eigenen Enkel gefertigt. Auch Ungewöhnliches wie einen Fliegerschal für ein Püppchen im Modellflugzeug oder ein kunstvoll geflochtener Kranz aus Werbeprospekten und Kopierpapier sind schon in der geselligen Handarbeitsrunde entstanden. Bei diversen Anlässen haben die Damen ihre Arbeiten schon in kleinen Ausstellungen und auf Deko-Tischen gezeigt und damit viele anerkennende Blicke geerntet.

Andere Aktivitäten der Spinnstubendamen wie die eigene Gymnastikgruppe oder die Arbeit für die Gemeinde sind über die Jahre eingeschlafen. Aber zu feiern wissen die Ratzerterinnen immer noch, zuletzt beim Gänse-Essen zum 40. Geburtstag ihrer Gruppe. Ideen besprechen können sie ja genug, wenn in der Spinnstube wieder die Stricknadeln klappern.

Angela Göbler

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