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Baumholder

Streetworking in Baumholder: Eine Cola brachte den Durchbruch

Wenn Banksy angetrottet kommt, wird auch der taffste Cliquenanführer plötzlich ganz milde. Die zweijährige Dogge ist heiß begehrt bei den Jugendlichen, die am Baumholderer Weiher abhängen. Viele möchten mit ihm toben und seinen riesigen Kopf kraulen.

Streetworkerin Jeanette Geßner wird auf ihren Rundgängen am Baumholderer Weiher stets von ihrer Dogge Banksy begleitet. Die Jugendlichen lieben das Tier. Foto: Silke Bauer
Streetworkerin Jeanette Geßner wird auf ihren Rundgängen am Baumholderer Weiher stets von ihrer Dogge Banksy begleitet. Die Jugendlichen lieben das Tier.
Foto: Silke Bauer

Selbstverständlich geht Banksy nicht allein spazieren. Die Frau an seiner Seite ist Streetworkerin Jeanette Geßner, die seit August vergangenen Jahres für die Verbandsgemeinden Birkenfeld und Baumholder arbeitet. Ein Drittel ihrer Arbeitszeit verbringt sie in der Westrichstadt, wo sie sich hauptsächlich der Jugendcliquen annimmt, die spätabends und an den Wochenenden vor allem bei milden Temperaturen am Weiher zu finden sind, was bei den Baumholderern nicht unbedingt für Begeisterungsstürme sorgt, zumal zuweilen auch Alkohol, Drogen und Pöbeleien im Spiel sind. Geßners Aufgabe ist es, Vertrauen zu den Jugendlichen aufzubauen und ihnen beim Lösen ihrer Probleme zu helfen.

Anders als in Birkenfeld, wo es viele kleine Cliquen gibt, handelt es sich in Baumholder um eine große Gruppe – in der man nur bei genauerem Hinsehen zwei bis drei Kerngruppen ausmachen kann. Viele Jugendliche wechseln öfter auch mal zwischen diesen Kerngruppen hin und her, sagt Jeanette Geßner. Auch Mädchen gehören dazu: „Die wissen sich durchaus zu behaupten.“
Inzwischen kennt man die Frau mit den bunten Haaren am Weiher bereits. Für ihren ersten Besuch, der bereits einige Monate zurückliegt, hat sie sich keinen Schlachtplan überlegt, sondern hat einfach gehandelt: „An dem Tag waren nur Jungs da. Ich bin zu denen hingegangen und habe mich vorgestellt.“ Erst mal sind die Jugendlichen zurückhaltend, einige machen ihre Scherze. „Anfangs habe ich da immer nur ganz kurz Präsenz gezeigt“, sagt Geßner. Doch im Herbst gelingt ihr ein erster Durchbruch – sie wird eingeladen, länger zu bleiben und mit den jungen Leuten eine Cola zu trinken. Dabei erfährt sie einiges aus deren Leben. „Die Jugendlichen sagen immer, dass sie sich am Weiher treffen, weil es keine Alternativen gebe“, berichtet Gessner. Nur wenige seien in Vereinen aktiv, die Langeweile sei sehr ausgeprägt. Ins Jugendzentrum (JUZ) kommen viele nicht, weil sie dort keinen Alkohol trinken dürfen.

Während manche der Jugendlichen noch zur Schule gehen oder eine Ausbildung machen, gibt es auch welche, die Arbeit suchen oder gar keine Lust darauf haben. „Für viele ist das im Moment alles gut, so wie es ist. Da ist wenig Interesse. Wenn man sie fragt, was sie später einmal machen wollen, kommen relativ wenige Ideen.“

Jetzt in den Wintermonaten verringert sich Geßners Kontakt zu den Jugendlichen ein wenig, denn diese treffen sich lieber in Privatwohnungen als am Weiher. Geßner ist in Baumholder kein Jugendlicher bekannt, der kein Dach über dem Kopf hat. „Das ist in Großstädten anders“, sagt Geßner, die erst kürzlich auf einer Streetworkertagung war und in regelmäßigem Kontakt mit den Saarbrücker Streetworkern steht. „Dort gibt es viele wohnungslose Jugendlichen und auch offenen Drogenkonsum auf der Straße.“

Drogen – vor allem THC und Amphetamine wie Ecstasy – sind am Weiher allerdings auch ein Thema. Geßner hat in Baumholder bereits einige Einzelfallhilfen begonnen, berät Jugendliche, die abhängig oder verschuldet sind und vermittelt sie zu speziellen Beratungsstellen. Einige Erfolge hat Geßner bereits zu verzeichnen, der ein oder andere hat ihre Ratschläge befolgt und sich Hilfe gesucht. „Das sind schöne Erlebnisse“, sagt die 40-Jährige. Konkret werden kann sie allerdings nicht – sie unterliegt der Schweigepflicht.
Während die russlanddeutschen und die deutschen Heranwachsenden mittlerweile bestens miteinander auskommen, findet mit den jugendlichen Flüchtlingen der Region gar kein Austausch statt. „Das ist schade, da gibt es noch Berührungsängste“, sagt die Sozialpädagogin. Stammtischparolen seien am Weiher keine Seltenheit: „Wer perspektivlos ist, sucht die Schuld bei Schwächeren.“ Immerhin: „Man kann sehr gut mit den Jugendlichen darüber diskutieren.“

Die Gruppen zusammenzubringen ist eines von Geßners Zielen, auch wenn für dieses schwierige Vorhaben viele kleine Schritte notwendig sind. Vorstellen kann sie sich beispielsweise ein niedrigschwelliges Angebot wie einen syrischen Kochabend im JUZ. Geßners weiteres Ziel: Es soll ruhiger werden am Weiher. „Aber das ist ja ein laufender Prozess, eine Daueraufgabe. Die einen gehen, die nächste Generation folgt“, sagt Geßner. Sie will bei den Jugendlichen Verständnis dafür wecken, dass sich Anwohner gestört fühlen. Immerhin räumen sie ihren Müll nun weg, wenn die Streetworkerin in der Nähe ist. „Das alles neu zu ordnen, dauert noch ein bisschen.“ Die Zeit ist Geßners bester Freund.

Idar-Oberstein Birkenfeld
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