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Koblenz

Wie überlastet ist das Koblenzer Jugendamt? Das steckt hinter einer Studie

Katharina Demleitner

Die Jugendämter in Deutschland brauchen deutlich mehr Fachkräfte. Das fordert Kathinka Beckmann, Professorin an der Hochschule Koblenz. In einer gemeinsam mit dem Jugendamt Berlin-Mitte durchgeführten, repräsentativen Studie kommt die Sozialwissenschaftlerin zu dem Schluss, dass Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) innerhalb der Jugendämter für zu viele Fälle zuständig sind, durch zu hohen Dokumentationsaufwand und schlechte Ausstattung belastet sind (wir berichteten). Die RZ hat beim Jugendamt nachgefragt, wie die Situation in Koblenz aussieht.

Symbolbild.
Symbolbild.
Foto: dpa

Kinder vor Gewalt, Verwahrlosung und Missbrauch zu schützen, Eltern zu beraten und zu unterstützen ist die vorrangige Aufgabe des ASD. „Grundsätzlich handelt es sich bei den Aufgaben des ASD um einen Bereich, der von den Mitarbeitern ein hohes Maß an Verantwortung fordert, der sich diese auch jederzeit bewusst sind“, betont der Leiter des Koblenzer Jugendamtes, Peer Pabst. Deshalb habe das Amt auf verschiedenen Ebenen in den vergangenen Jahren Mechanismen eingeführt, die die Fachkräfte unterstützen sollen, „damit gut umgehen zu können“.

Um eine Überforderung zu vermeiden, hat das Jugendamt ein Schutzkonzept für Fachkräfte erstellt und eine Organisationsanalyse durchgeführt, um Stellen bemessen zu können. „Aber es gibt weder eine gesetzliche Vorgabe einer maximalen Fallzahl pro Mitarbeiter noch einheitliche Standards, wie ein Fall definiert wird oder welche Personalbemessung sich hieraus ableitet“, erklärt Pabst. Die Behörde wertet daher die Fallzahlen im ASD jährlich im Rahmen eines eigens entwickelten Personalbemessungsmodells aus und passt die Stellen – falls nötig – an die Entwicklung der Hilfedaten an. Einen Stichtag zu betrachten, eigne sich nicht, weil „Fluktuation und die unterschiedlichen Arbeitsprozesse nicht erfasst werden“, erläutert Peer Pabst.

Unter diesem Vorbehalt teilt der Jugendamtsleiter mit, dass Ende 2017 im Durchschnitt auf jede Vollzeitstelle im ASD des Jugendamtes Koblenz 66 Hilfen entfielen, darunter 22 Beratungen, 27 Hilfen zur Erziehung, 1 Maßnahme zur Sicherung des Kindeswohls, 7 Gerichtshilfen und 9 sonstige Hilfen. Auf jede Familie beziehungsweise Person oder Fall können dabei zeitgleich eine oder auch mehrere Hilfen entfallen. Das zugrunde liegende Modell geht davon aus, dass durchschnittlich 75 Prozent der Hilfen „aktiv“ sind, das heißt, dass Kinder und/oder Familien gegenwärtig betreut werden. Dies entspricht rund 50 aktiven Hilfen zum 31. Dezember 2017 je Vollzeitstelle. 35 laufende Fälle pro Vollzeit-Mitarbeiter hält die Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst/Kommunaler Sozialer Dienst für angemessen, darauf bezieht sich Beckmann in ihrer Studie. Das Koblenzer Jugendamt hat indes auf die Ergebnisse seines Berechnungsmodells reagiert: Die Stellen für die Bezirkssozialarbeit im Allgemeinen Sozialdienst stiegen von 15,5 Stellen im Jahr 2008 auf inzwischen 18,75 Vollzeit-Äquivalente. Pabst bestätigt, dass der Dokumentationsaufwand tatsächlich zugenommen hat. Er hält einen genauen Nachweis der Arbeitsabläufe aber für zwingend erforderlich, um den Schutz der Kinder als auch der Mitarbeiter zu gewährleisten.

Die räumliche Ausstattung im ASD ist laut Jugendamtsleiter wegen der begrenzten Flächen im Verwaltungsgebäude nicht optimal: „Viele Mitarbeiter teilen sich Büros, was bei Telefonaten und Klientengesprächen mit Störungen verbunden ist.“ Die Fachkräfte reagieren aber flexibel und weichen bei Bedarf für wichtige Gespräche auch mal auf ein gerade nicht besetztes Büro aus, erläutert Pabst.

Insgesamt hat sich die Fallbelastung und Ausstattung der rheinland-pfälzischen Jugendämter deutlich verbessert. Lag die Fallbelastung in den Sozialen Diensten 2009 noch bei fast 46, ist sie bis 2016 auf etwas mehr als 38 gesunken, wie das Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz (ISM) auf RZ-Anfrage mitteilt. Gleichzeitig sind die Personalstellen von 2002 bis 2016 um 63 Prozent gestiegen. „Die durchschnittliche Fallbelastung entspricht fast genau der Forderung von Frau Beckmann, allerdings ist diese Maßzahl nur mit großer Vorsicht zu verwenden“, betont ISM-Geschäftsführer Heinz Müller. In Deutschland seien alle 600 Jugendämter sehr unterschiedlich organisiert, die Aufgaben des ASD variierten. „Ein einfacher Fallzahlen-Vergleich wäre in dieser verkürzten Form ohne entsprechende Erläuterungen vollkommen falsch“, sagt Müller. Ohne Zustimmung der Jugendämter und ohne differenzierte Erläuterungen würden Personaldaten der Jugendämter deshalb nicht weitergegeben. Aber: „Dass den Jugendämtern deutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, dass diese hoch anspruchsvolle Tätigkeit der Fachkräfte besser gewürdigt wird und dass wir kontinuierlich die Ausstattung und Qualifizierung den wachsenden Anforderungen anpassen müssen, unterstützen wir sehr.“

Von unserer Mitarbeiterin Katharina Demleitner

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