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Rhein-Hunsrück

Immer mehr Gemeinden im Rhein-Hunsrück-Kreis setzen auf Nahwärme

Der Rhein-Hunsrück-Kreis mausert sich zu einer Hochburg für Nahwärmenetze: In zehn Gemeinden sind bereits Haushalte an einen solchen Verbund angeschlossen. Auch dafür wurde der Kreis im Wettbewerb Europäische Champions League für Erneuerbare Energien (RES) ausgezeichnet.

Gerd Schreiner und seine Vorstandskollegen der Ober Kostenzer Energiegenossenschaft freuen sich mit Landrat Bertram Fleck, der Landtagsabgeordneten Bettina Brück und VG-Bürgermeister Harald Rosenbaum über die geleistete Pionierarbeit.
Gerd Schreiner und seine Vorstandskollegen der Ober Kostenzer Energiegenossenschaft freuen sich mit Landrat Bertram Fleck, der Landtagsabgeordneten Bettina Brück und VG-Bürgermeister Harald Rosenbaum über die geleistete Pionierarbeit.
Foto: Energieagentur Rheinland-Pfalz

Folgende Netze sind bereits im Landkreis in Betrieb: Fronhofen (für sieben Häuser) seit 2006, Külz (zwölf Häuser) seit 2009, VG Kastellaun seit 2008 (kommunale und private Abnehmer), VG Rheinböllen (Hallenbad, zwei Kindergärten, Puricelli-Schule, Bürgerhaus) seit 2009, drei interkommunale Nahwärmeverbünde der Rhein-Hunsrück-Entsorgung in Simmern, Kirchberg und Emmelshausen, 2010 bis 2012 (für 33 öffentliche Gebäude), Niederweiler (privater Anschluss von neun Häusern an Wärme von Biogasanlage), Mannebach seit Dezember 2012 (für 20 Häuser). Mannebach bildete auch den ersten genossenschaftlich organisierten Verbund im Landkreis und bekam dafür nun den Umweltpreis von Ministerin Ulrike Höfken.

Erst jüngst hinzugekommen ist die Gemeinde Ober Kostenz. Es war ein Tag der Freude im Dorf: Nach jahrelanger Vorarbeit und unermüdlichem Willen wurde der Nahwärmeverbund offiziell in Betrieb genommen, der den Ort mittels lokaler Holzhackschnitzel regenerativ mit Wärme versorgen wird und einen Ausweg aus den ständig steigenden Heizölpreisen bietet.

Ober-Kostenz hat Vorbildfunktion für gesamte Region

Begonnen hatte der Weg 2009 mit der Besichtigung des Bioenergiedorfes Breuberg-Rai-Breitenbach im Odenwald. Im September 2012 wurde die Genossenschaft gegründet, ein Jahr später erfolgte der Spatenstich, und wiederum ein Jahr später waren die Bauarbeiten komplett abgeschlossen.

Das Projekt in Ober Kostenz hat Vorbildfunktion für die gesamte Region. 75 Prozent aller 137 Gemeinden im Rhein-Hunsrück-Kreis haben weniger als 500 Einwohner. In den meisten dieser Ortschaften ist kein Gasanschluss vorhanden und die Beheizung somit vom Heizöl abhängig.

Ölheizung kann sich bald keiner mehr leisten

Ein Durchschnittshaushalt mit 2500 Liter Heizölverbrauch musste 1992 noch 605 Euro für Heizöl bezahlen, 2012 waren es mit 2325 Euro bereits fast viermal so viel – Tendenz weiter steigend. Ortsbürgermeister Gerd Schreiner brachte es bei der offiziellen Einweihung auf den Punkt: "Von Euch heizt in 20 Jahren keiner mehr mit Öl, weil Ihr es Euch nicht mehr leisten könnt." Bei der im September 2012 gegründeten Energiegenossenschaft Ober Kostenz eG wurden mittlerweile 75 Anteile gezeichnet. An den Nahwärmeverbund sind 70 von 91 Häusern im Ort angeschlossen. Über 75 Prozent Anschlussquote ist ein außergewöhnlich hoher Wert, der nur dank des unermüdlichen persönlichen Einsatzes der Visionäre um Gerd Schreiner, Olaf Hoffmann, Jan Scherer, Volker Engelmann, Wolfgang Pauli, Reinhard Schäfer, Klaus Rodenbusch und Pfarrer Andreas Nehls möglich wurde.

Die Arbeiten wurden ausschließlich von Firmen aus der Region ausgeführt. Die veranschlagte Investitionssumme in Höhe von ca. 1,67 Millionen Euro netto wurde exakt eingehalten, auch dank ca. 3200 Stunden Eigenleistung. So wurden zwischen 2500 und 3000 Quadratmeter Pflaster von den Bürgern selbst verlegt. Auch sonst sind die Zahlen beeindruckend: 3500 Meter Nahwärmeleitungen wurden in Gräben im Ort verlegt und dabei manch knifflige Situation im engen Ortskern gelöst.

Steiniger Weg bis zur Einweihung

Bis zur Einweihung war es ein steiniger Weg. Die lokalen Macher haben in mühsamer, ehrenamtlicher, quasi autodidaktischer Arbeit ihr Nahwärmenetz geplant und realisiert. Der Vorstand hat sich über zwei Jahre fast jeden Donnerstag getroffen und die nächsten Schritte besprochen, wie Gerd Schreiner bei der Eröffnung berichtete. Technische und wirtschaftliche Fragen, wie Genossenschaftsgründung und Zuschussproblematik, mussten praxisorientiert gelöst werden.

In Ober Kostenz entstand so der bislang mit Abstand größte Wärmeverbund in einer Ortsgemeinde im Rhein-Hunsrück-Kreis. Abgerundet wird das Konzept durch eine eigene Fotovoltaikanlage mit 54 Kilowattpeak Leistung auf dem Heizhaus, die unter anderem auch den Großteil des benötigten Pumpenstroms selbst erzeugt.

Gemeinde zahlt Zuschuss für jeden Neubürger

Um das Dorf für die Zukunft fit zu machen, hat die Ortsgemeinde neben dem Nahwärmenetz einen weiteren, neuen Baustein geschaffen. Für den eigengenutzten Neubau, den Kauf oder die Übernahme eines Wohnhauses in Ober Kostenz erhält jeder, der die entsprechenden Kriterien des Förderprogramms erfüllt, ein zinsloses Darlehen von 10.000 Euro und einen Zuschuss von 5000 Euro, sowie für jedes Kind unter 18 Jahren noch einmal 2000 Euro Zuschuss.

Landrat Bertram Fleck, die Landtagsabgeordnete Bettina Brück und der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Kirchberg, Harald Rosenbaum, sparten am Eröffnungstag nicht mit Lob für die unermüdliche Pionierleistung. Herausgestellt wurde dabei, dass die Aktiven sich auch von den vielen Rückschlägen nicht entmutigen ließen.

Arbeitsplätze in der Region schaffen

Nach Auffassung von Landrat Fleck bestätigt der Nahwärmeverbund in Ober Kostenz den Bericht über den Rhein-Hunsrück-Kreis in der renommierten Fachzeitschrift "Energie & Management", wonach der Kreis die "Heimat der Vormacher" ist: "Wir wollen einen großen Teil der insgesamt 290 Millionen Euro jährlich anfallenden Energieimportkosten im Kreis binden und in regionale Wertschöpfung und Arbeitsplätze umwandeln", so Landrat Bertram Fleck.

Ortsbürgermeister Gerd Schreiner gab den Dank der Offiziellen weiter an seine Mitstreiter aus dem Vorstand und "die wichtigsten Personen, allen Genossenschaftsmitgliedern, die bereit waren, Neues zu machen, die nicht mehr abhängig von irgendwelchen Konzernen, Ölscheichs oder sonst jemandem sein wollten".

Nach dem Willen von Landrat Fleck und den Fraktionen im Kreistag soll das Wissen aus Ober Kostenz und anderen Nahwärmeverbünden als Blaupause transferiert und auf diese Weise Synergien genutzt werden. Im Rhein-Hunsrück-Kreis entstehen weitere Nahwärmeverbünde: Im Bau ist Kappel (70 Genossenschaftsmitglieder), Fronhofen (35 weitere Anschlussnehmer, Bauherr ist der Energiebetrieb der VG Simmern). Derzeit in Planung sind Nahwärmeverbünde für die Simmerner Innenstadt, ein gemeinsames Netz für Külz und Neuerkirch, Ellern, Masterhausen und Bickenbach. tor

Boppard Simmern
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