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Mengerskirchen

Mengerskirchen schafft die Energiewende

In vielen Orten der Region wollen Kommunen Windkraftanlagen entstehen lassen. Doch vielerorts holpert die Umsetzung mächtig. Im Interview erklärt Bürgermeister Thomas Scholz (CDU), warum es in Mengerskirchen geklappt hat.

Am Knoten drehen sich die Windräder im vielbesungenen Westerwälder Wind. Der Windpark Mengerskirchen besteht aus drei Anlagen, die ihren Stromn direkt ins regionale Netz einspeisen. Foto: Windpark Mengerskirchen
Am Knoten drehen sich die Windräder im vielbesungenen Westerwälder Wind. Der Windpark Mengerskirchen besteht aus drei Anlagen, die ihren Stromn direkt ins regionale Netz einspeisen.
Foto: Windpark Mengerskirchen

Herr Scholz, der Wind weht jetzt, aber trotzdem drehen sich gerade nicht alle Windräder am Knoten. Kann der Aufsichtsratsvorsitzende der Windpark Mengerskirchen GmbH erklären, warum das so ist?

Natürlich lässt sich das erklären: Die drei Windkraftanlagen auf Mengerskirchener Gebiet sind mit Getrieben ausgestattet. Weht der Wind – wie jetzt – nur sehr schwach, dann wird das Getriebe ausgekoppelt, und das Windrad steht still. Die vier Anlagen auf Greifensteiner und Driedorfer Gebiet haben kein Getriebe. Sie werden durch ein Magnetfeld in der Schwebe gehalten. Weil im abgeschalteten Zustand die Naben dieser Räder Schaden nehmen könnten wird bei Schwachwind Energie zugeführt, um das Magnetfeld zu erhalten. Die Räder drehen sich dann langsam.

Also liegt es nicht daran, dass Sie nicht immer so viel Energie einspeisen dürfen, wie Sie maximal erzeugen könnten? Diese These wird zumindest bei Diskussionen in der Region von Windkraftgegnern immer wieder angeführt.

Nein. Das ist nur eine unwahre Behauptung. Die erste Anlage wurde bei uns am 8. Dezember 2014 in Betrieb genommen, die zweite folgte am 16. Dezember und die dritte am 13. Januar. Seitdem der Windpark Mengerskirchen in Betrieb gegangen ist, konnte immer alle erzeugte Energie ins Netz eingespeist werden. Aber wir haben hier ja auch eine besondere Situation.

Inwiefern?

Mengerskirchen ist der erste Windpark in weiter Umgebung, der den Strom nicht in das deutschlandweite Hochspannungsnetz einspeist. Wir speisen in das regionale und lokale Mittelspannungsnetz ein.

Der in Mengerskirchen erzeugte Strom wird also größtenteils dort verbraucht?

Ja. Damit erreichen wir die kürzeste Verbindung zwischen Erzeuger und Verbraucher, was volkswirtschaftlich sinnvoll ist. Es war im Energiekonzept von Mengerskirchen immer vorgesehen, eine dezentrale Erzeugung und eine lokale Wertschöpfung zu schaffen.

Das bedeutet?

Es bedeutet zuerst einmal, dass unser Energiekonzept auf zwei Hauptsäulen fußt. Erstens ist das die Energieeinsparung, wobei wir beispielsweise den Kauf von „A+++“-Geräten mit einem Zuschuss von 5 Prozent fördern oder den Einbau von Energiesparfenstern unterstützen. Da gibt es eine rege Nachfrage, besonders bei der Weißen Ware. Die zweite Säule ist die Energieerzeugung. In Mengerskirchen ist da Aufdach-Fotovoltaik, beispielsweise auf Einfamilienhäusern, Firmen oder gemeindlichen Gebäuden beliebt. So werden in der Gemeinde insgesamt 1,7 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr erzeugt. Zum Vergleich: Ein normaler Haushalt verbraucht etwa 3500 bis 4000 Kilowattstunden jährlich.

Und wie sind Sie das Thema Windpark angegangen?

Seit 2011 haben wir die aus Mitgliedern der Fraktionen im Gemeindeparlament bestehende Energiekommission. Wir haben ein Energiekonzept für Mengerskirchen erarbeitet, das auch die Grundlage für einen Windpark bot. Zunächst hatten wir einen Standort bei Waldernbach im Blick, der aber durch ein Schwarzstorchvorkommen ausfiel. Ende 2012 kam dann die Genehmigung für die vier Anlagen der Gemeinden Greifenstein und Driedorf am Knoten. Wir konnten auf unserem Gemeindegebiet drei weitere Anlagen bauen und dabei zum Teil auf deren schon bestehende Infrastruktur zurückgreifen.

Außerdem hatten Sie Ihr eigenes Konzept?

Ja. Aufgrund der Vielzahl von Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Windkraftprojekten, die ich unter anderem als Mitglied der Regionalversammlung Mittelhessen sowie aus vielen Gesprächen gewonnen hatte, stellte sich uns die Frage, wie wir den Verbraucher dicht an den Erzeuger bringen können. Außerdem gab es von Anfang an den Wunsch, nicht nur die Belastungen, sondern auch die Erträge zu sozialisieren, weshalb die Bürger sich in einer Genossenschaft am Windpark beteiligen können.

Bei Ihnen hat es geklappt: Der Windpark ist gebaut und liefert Strom. Andere haben da deutlich mehr Probleme. Wie lautet das Erfolgsrezept?

Das ist eine oft gestellte Frage. Hier kommen meines Erachtens nach mehrere Faktoren zusammen: Ein windreicher Standort, der mit den heute verfügbaren Technologien wirtschaftlich arbeiten kann. Punkt zwei sind die Anstrengungen bei der Stromeinspeisung, die ich ja schon genannt habe. Und Punkt drei ist die Infrastruktur. Wir konnten hier praktischerweise auf das schon vorhandene Wegenetz des Windparks in Greifenstein/Driedorf zurückgreifen. Das sind die sachlichen Grundlagen, auf denen der Erfolg basiert. Der weitaus wichtigere Teil bei einem solchen Projekt ist aber die Öffentlichkeitsarbeit. Die Rückschau zeigt, dass die vielen Informationen, Gespräche und Informationsveranstaltungen von enormer Bedeutung für die Bürger sind. Unsere Arbeitsgruppe „Öffentlichkeitsarbeit“ und die Gemeindevertretung sind diese Arbeit angegangen unter der Maßgabe: keine ideologischen Diskussionen und keine parteipolitische Auseinandersetzung. Das Ergebnis war, dass wir eine jederzeit offene und nachvollziehbare Kommunikation mit den Bürgern hatten.

Gab es keine Gegner?

Doch, es gab von Anfang an auch Widerstände, insbesondere wegen des Naherholungsgebiets am Knoten, das die Menschen heute natürlich in einer veränderten Form wahrnehmen: der Bau der Anlagen, das veränderte Landschaftsbild mit der weiten Sichtbarkeit der Anlagen, aber auch mit den Schneisen im Wald für die Standorte und mit der Geräuschentwicklung der Anlagen, besonders bei hohen Windgeschwindigkeiten.

Wie sind Sie mit geäußerter Kritik umgegangen?

Schon zu Beginn des Projekts im Jahr 2011 haben wir eine repräsentative Umfrage durchgeführt, bei der 67 Prozent der Befragten dafür waren. Durch die offene Kommunikation mit allen Bürgern haben wir danach alle Fragen, Bedenken und insbesondere Ängste aufgenommen, entsprechend aufgearbeitet und beantwortet. Damit haben wir viel aufklären können. Das war mir und uns als Gemeinde ganz besonders wichtig: Immer im Dialog stehen, auch mit Menschen, die dem Projekt Windpark kritisch gegenüberstehen.

Sind Sie zufrieden mit dem bisherigen Ertrag?

Ja, der Ertrag im Windpark Mengerskirchen liegt deutlich über der Prognose. Das kann man jetzt nach acht bis neun Monaten Betrieb klar feststellen. Wir haben bisher in 2015 aber auch ein gutes Windjahr. Interessant ist vielleicht auch, dass wir den gesamten Strom in Direktvermarktung verkaufen, dass heißt, wir nutzen im Moment nicht die garantierte EEG-Vergütung, weil wir einen noch besseren Preis erzielen können. Wir sind im Markt unterwegs. Jürgen Vetter

Diez
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