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    Idstein/Rhein-Lahn

    Idstein schreibt Glaubensgeschichte: Hoffnungszeichen für Konfessionen

    Am 11. August vor 200 Jahren hat Idstein im Taunus Kirchengeschichte geschrieben. Erstmals in einem deutschen Flächenland überwanden dort die beiden in der Reformation entstandenen evangelischen Konfessionen ihre theologischen Differenzen. Nach der Einigung von Idstein gingen lutherische und reformiert geprägte Christinnen und Christen gemeinsam zum Abendmahl. Das Ereignis, das auf Initiative des damaligen Herzogs Wilhelm I. von Nassau (1792-1839) zustande kam, ging als „Nassauische Union“ in die Historie ein.

    Tage im Zeichen des Jubiläums

    Am Freitagabend eröffneten die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), die Kirchengemeinde Idstein und das evangelische Dekanat Rheingau-Taunus sowie viele Kirchengemeinden im Umland mit einem Festakt die Feiern unter dem Motto „Unterschiede überwinden – gemeinsam feiern“. Sie wurden am Samstag mit einem großen Volksfest in der Stadt fortgesetzt und endeten am Sonntag mit einem Festgottesdienst in der Idsteiner Unionskirche, die heute als eines der bedeutendsten Baudenkmäler der Region gilt.

    Anlässlich des 200-jährigen Jubiläums würdigte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer die Nassauische Union als „besonderes historisches Ereignis, nicht nur weil es die erste Union zwischen zwei Konfessionen in einem deutschen Flächenland war, sondern auch weil beide Seiten in dem Unionskompromiss ihre Identität wahrten“. Die Kirchenunion zeige, dass eine starke Motivation, tief sitzende Gräben zu überwinden, und die Bereitschaft, einen tragfähigen Kompromiss zu finden, zu Lösungen auch bei schwierigen Fragen führen können. „Der Gedanke, dass Christen Unterschiede überwinden können, um gemeinsam den Glauben zu bekennen und in der Welt für die Menschen zu handeln und Frieden zu befördern, bildet die Verbindungslinie zwischen dem historischen Ereignis und der Gegenwart. Das schöne Motto des Jubiläumsfestes ‚Unterschiede überwinden – gemeinsam feiern‘ ist heute so wichtig wie damals, wenn wir etwa an das gemeinsame Abendmahl von Katholiken und Protestanten denken“, so die Ministerpräsidentin. Das Territorium des früheren Fürstentums Nassau reichte in weite Gebiete des heutigen Rheinland-Pfalz hinein.

    Nach Worten des hessischen Kultusministers Alexander Lorz ist „der Begriff der Union in unserer deutschen Sprache ein positiv besetzter Begriff“. Er stehe für Einigkeit, gemeinsames Handeln und „vielleicht auch im besten Sinne für gemeinsame Werte – auch wenn dies oft erst das Ziel und nicht bereits das Ergebnis zu ihrer Gründung ist“, sagte er in Idstein. Lorz: „Dass die Nassauische Union ein Erfolg war, können wir heute sehen, wenn sie ihr 200-jähriges Bestehen feiert. Einigkeit zu finden, Kompromisse auszuloten – das ist etwas, das Kirche wie auch den demokratisch verfassten Staat in vielen Handlungen prägt. Und es ist etwas, wovor auch jeder einzelne Mensch in vielen Fragen des Lebens gestellt wird. Ich hoffe, dass wir alle in unseren öffentlichen Aufgaben wie in unserem persönlichen Handeln, uns die Fähigkeit des Aufeinanderzugehens bewahren oder vielleicht auch wieder stärker lernen“, sagte der Minister.

    Wegweisend für die EKHN

    Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung hob hervor, dass die Nassauische Union im damaligen Deutschen Bund große Beachtung gefunden habe und von vielen als wegweisend angesehen wurde. Von heute aus betrachtet, sei die Idsteiner Entscheidung „auch wegweisend für das Selbstverständnis der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau“, die aus dem Zusammenschluss der ehemals selbstständigen Landeskirchen Nassau, Hessen-Darmstadt und Frankfurt hervorgegangen ist. Die EKHN sei eine unierte Kirche, die den unterschiedlichen konfessionellen Prägungen Raum gegeben habe. Jung: „Gelebte Einheit des Glaubens bedeutet nicht Vereinheitlichung, sondern ein Ja zu unterschiedlichen Formen des Glaubens.“ Die Einheit des Glaubens gründe im festen Vertrauen auf die durch die Taufe bestehende Verbindung zu Jesus, so der Kirchenpräsident.

    In seinem Grußwort betonte der pfälzische Kirchenpräsident Christian Schad, der auch Vorsitzender der Union Evangelischer Kirchen in Deutschland (UEK) ist, dass die Union von Idstein auch Impulse für die heutigen Herausforderungen im Dialog der Religionen setzen könne. So sei der Gedanke, Unterschiede zu akzeptieren, aber eigene Traditionen zu pflegen, wegweisend. „Im Blick auf die gegenwärtige Herausforderung, die zunehmend multiethnische und multireligiöse Situation konstruktiv zu gestalten, kann das Modell von Einheit, von Gemeinschaft in versöhnter Verschiedenheit Orientierung geben“, sagte Schad. Ziel müsse es sein, „Unterschiede konstruktiv aufeinander zu beziehen“, dann sei es auch möglich, sogar miteinander zu feiern.

    Der frühere sächsische evangelische Bischof Axel Noack erklärte in seinem theologischen Hauptvortrag zum Festakt, dass die Gedanken der Union zu „mehr als einer richtig verstandenen Toleranz“ führen müssten, die das andere nur aushalte. Ziel müsse es sein, „Unterschiede ertragbar zu machen, ohne auf die Frage nach der tragenden Wahrheit zu verzichten“. Nach Noack sei die Union der Versuch gewesen, zur Einigung in „Liebe und Wahrheit“ zu kommen. Sie habe einerseits eine „unwahrhaftige, scheinheilige Liebe“ und andererseits den „lieblosen harten Dogmatismus“ vermieden. Noack hatte seinen Beitrag unter die Überschrift „Wie viel Kompromiss verträgt die Wahrheit?“ gestellt und danach gefragt, inwieweit die Union von 1817 auch als aktuelles Modell für den Umgang mit Unterschieden dienen kann.

    „Ein Stückchen stolz dürfen wir Nassauer sein, dass in Idstein im Nassauer Land als Erstes der Weg zur Union beschritten worden ist.“ Das sagte Landrat Frank Puchtler im Anschluss an den Festakt während eines Empfangs, den auch viele Evangelische aus Nastätten besuchten. „Schließlich kam einer der Synodalen, die damals die Union schlossen, aus Nastätten“, sagte dessen Gemeindepfarrer Kristian Körver, der seine Examensarbeit zur Union geschrieben hat.

    Konfessionsfriede zwischen Lutheranern und Reformierten

    Im August 1817 wurde in der Idsteiner Unionskirche ein Konfessionsfriede zwischen Lutheranern und Reformierten geschlossen. Für die letzten Meinungsverschiedenheiten in Glaubensfragen konnte nach langem Ringen und durch politischen Druck des Nassauer Herzogs Wilhelm I. (1792–1839) endlich ein Konsens gefunden werden.

    Dadurch war es beiden evangelischen Glaubensrichtungen 300 Jahre nach der Reformation möglich, unter anderem gemeinsam im Gottesdienst das Abendmahl zu feiern. Die sogenannte Nassauische Union stellt somit ein besonderes historisches Ereignis in der Weiterentwicklung des Protestantismus dar, weil sie die erste Union zwischen zwei Konfessionen in einem deutschen Flächenland war.

    Diez
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