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Kreis Ahrweiler

Wo Nahversorgung noch nah ist: Ein Brot, ein Liter Milch und ein Schwätzchen

Beate Au

In immer mehr Dörfern im Kreis gibt es keinen Lebensmittelladen mehr. Oft halten wie in Brohl Idealisten die Stellung. Ein Besuch.

Horst Ruge (Mitte) hat sich zu Kaffee und Kuchen im Lädchen von Annemie Durben in Brohl verabredet. Das Café mit angeschlossenem Lebensmittelladen und Bäckereitheke ist der letzte Nahversorger in Brohl.  Foto: Beate Au
Horst Ruge (Mitte) hat sich zu Kaffee und Kuchen im Lädchen von Annemie Durben in Brohl verabredet. Das Café mit angeschlossenem Lebensmittelladen und Bäckereitheke ist der letzte Nahversorger in Brohl.
Foto: Beate Au

Es duftet nach leckeren Backwaren, Kuchen und frischem Kaffee im Eckhaus an der Josef-Leusch-Straße 2 in Brohl. „Hallo Annemie, zwei Bauernbrötchen bitte“, wünscht Stammkunde Hans-Peter Zapf. „Und sonst? Wie ist das Rentendasein?“, will Annemie Durben, die Frau hinter der Theke, wissen. Man kennt sich im letzten Lebensmittelladen des Hafenorts am Rhein, wo noch Zeit ist für einen netten Plausch. Ansonsten ist es still geworden im Ortskern, obwohl wenige Meter weiter der Verkehr auf der B 9 vorbeirauscht. Selbst entlang der pulsierenden Lebensader Rheintal ist eine Entwicklung zu beobachten, die aus abgelegen Eifeldörfern bekannt ist. Es gibt kaum oder gar keine Einkaufsgeschäfte mehr.

An die Metzger, die Bäcker, die Apotheken und die 17 Wirtschaften im Ort erinnern sich nur noch die Alteingesessenen mit nostalgischem Schwärmen. „Sogar einen Juwelier gab es mal hier“, sagt Annemie Durben. Früher, da konnte man noch einen Einkaufsbummel im Dorf machen. Davon erzählen heute die leer stehenden Geschäftsräume mit heruntergelassenen Jalousien entlang der Josef-Leusch-Straße. Die Nahversorgung ist nicht nur in Brohl geschrumpft auf letzte Bastionen, gehalten von Idealisten wie Annemie Durben. Eine Aufgabe, die einem Ehrenamt gleichkommt, denn verdienen lässt sich damit nicht viel.

Geöffnet für die Frühschicht

„Es ist manchmal nicht einfach, aber es funktioniert irgendwie“, sagt die 60-Jährige, die bereits morgens um 4.30 Uhr öffnet, obwohl sie aus dem 20 Kilometer entfernten Spessart anreist. Dann kommen die Arbeiter mit der Frühschicht beim Brohler Mineralbrunnen oder Handwerker, um sich hier mit Kaffee und Brötchen zu versorgen. „Das haben wir Aldi und Lidl voraus“, meint Annemie Durben, die seit zwölf Jahren das Lädchen als eine Mischung aus Lebensmittelminimarkt, Café und Backwarentheke führt. Auf Google Maps ist ihr Geschäft übrigens als „Supermarkt“ verzeichnet.

Die Discounter mit den großen Parkplätzen auf den grünen Wiesen, wie sie sich auch in Bad Breisig angesiedelt haben, haben wie überall die Infrastruktur für das Einkaufen verändert. „Dort gibt es ja alles, und die Menschen haben kaum Zeit, verschiedene Geschäfte aufzusuchen“, schildert Durben das veränderte Verbraucherverhalten.

Wer die Tür zu ihrer Welt aufstößt, erlebt Entschleunigung statt Scanner-Kassen, an denen es schnell gehen muss. Und er findet ein sorgsam mit viel Aufwand zusammengetragenes Sortiment, das abgestimmt ist auf diejenigen, die kein Auto haben, keine Kinder oder Nachbarn, die sie zum Supermarkt kutschieren. Die Fleischwaren bezieht sie von einer Metzgerei in Andernach, die Backerzeugnisse kommen ebenfalls aus Andernach, die Äpfel aus Mülheim-Kärlich, die Kartoffeln vom heimischen Bauern. Alles organisiert sie selbst.

Ein Gefühl wie im Beichtstuhl

Auf Wunsch fährt sie bestellte Waren auch aus. Ein Service, für den vor allem die älteren Bewohner dankbar sind. „Die Leutchen sind so froh darüber“, sagt sie und weiß, dass eine Institution verschwinden würde, wenn sie aufgibt. Und wenn sich kein Nachfolger findet? „Das würde mir weh tun“, sagt sie. Die Menschen sind ihr ans Herz gewachsen. „Manchmal fühle ich mich wie ein Pastor im Beichtstuhl.“

Denn was die Kunden in Annemie’s Lädchen gratis bekommen, ist Ansprache und Unterhaltung. Vorbeikommen, an einem der weihnachtlich gedeckten Tische Platz nehmen, Zeitung lesen, Kaffee trinken, Menschen treffen. Dafür schaut auch Herbert Hartmann gerne vorbei, je nach Schicht morgens oder nachmittags. Horst Ruge, der seit 46 Jahren in Brohl lebt, verabredet sich hier mit seinem Kumpel zu Kuchen und Kaffee. Er ist froh, dass es Annemie’s Lädchen noch gibt und kauft auch regelmäßig hier ein. Als zweiter Vorsitzender des VdK-Ortsverbandes bestellt er für die Weihnachtsfeier selbstverständlich hier auch die Brötchen und Getränke. Damit die Nahversorgung in Brohl nah bleibt.

Von unserer Redakteurin Beate Au

Einzelhandel in den Dörfern: So ist die aktuelle Situation im Kreis Ahrweiler - und so könnte sie sich entwickeln

In weniger als der Hälfte der im Rahmen einer aktuellen IHK- und HwK-Studie untersuchten Orte im Kreis Ahrweiler gibt es noch Einzelhandelsgeschäfte der Nahversorgung. Dabei stellt das Lebensmittelhandwerk (Bäckereien und Metzgereien) eine beachtliche Versorgungsfunktion dar, heißt es in der Untersuchung. Kleinere und größere Supermärkte sowie Discounter gibt es lediglich in zehn der 48 untersuchten Ortsgemeinden. IHK und HwK haben insgesamt mehr als 1000 Ortsbürgermeister im Norden von Rheinland-Pfalz gefragt, welche Läden es noch bei ihnen gibt und wie sie die Situation in der Zukunft einschätzen. Städte und Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern haben die Kammern dabei ausgelassen – dort sei davon auszugehen, dass es eine angemessene Versorgungsstruktur gibt. Im Kreis Ahrweiler trifft dies auf die Stadt Adenau, die Grafschaft, Bad Neuenahr-Ahrweiler, Remagen, Sinzig und die Stadt Bad Breisig zu. Die Ergebnisse in den Verbandsgemeinden (VG) im Detail:

  • VG Adenau: Nur 27 Prozent der Ortsbürgermeister, die sich an der Studie beteiligten, gaben an, dass es mindestens ein Einzelhandelsgeschäft in ihrer Ortsgemeinde gibt (6 von 36; 14 machten allerdings keine Angaben). Dabei hat sich die Situation seit dem Jahr 2000 auch in mindestens elf Ortsgemeinden verschlechtert. Nur ein Ortsbürgermeister hat eine positive Veränderung wahrgenommen. Und für die Zukunft erwarten zehn Ortsbürgermeister eine weitere Verschlechterung. Nur einer kann sich vorstellen, dass es noch einmal besser wird.
  • VG Altenahr: In fünf Orten gibt es noch Geschäfte, in sieben nicht mehr. Immerhin ein Ortschef konnte von einer Verbesserung seit 2000 berichten, in allen anderen Orten blieb die Situation gleich oder hat sich (teilweise stark) verschlechtert. Immerhin ist beim Ausblick Pessimismus nicht vorherrschend: Die meisten Ortsbürgermeister rechnen mit gleichbleibender Versorgung, zwei sogar mit Verbesserungen.
  • VG Bad Breisig: In einem Ort der Verbandsgemeinde gibt es keine Versorgungsmöglichkeit für die Bürger, in zweien aber schon – gleichwohl wird in allen drei Orten eine Verschlechterung wahrgenommen. Für die Zukunft erwartet einer der befragten Ortsbürgermeister eine weitere Verschlechterung.
  • VG Brohltal: Hier ist die Versorgungssituation laut den Ortsbürgermeistern mit mehr als 80 Prozent Nahversorgung am besten. Vier Ortsgemeinden haben in der Vergangenheit sogar Verbesserungen wahrgenommen, fünf hingegen Verschlechterungen. Auch beim Blick nach vorn herrscht im Brohltal eher Optimismus vor: Nur zwei Ortschef erwarten weitere Verschlechterungen. tim
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