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Bad Kreuznach

Yazgülü-Supermarkt: Ein Treffpunkt der Nationen

Als Berana Engins Großvater in den 1950er-Jahren das weite Ägäische Meer gegen die doch eher wasserarme Selz eintauscht, um in Nieder-Olm in einer Weinfabrik zu arbeiten, ereilt den türkischen Gastarbeiter ein Kulturschock. Dieser basiert mitnichten darauf, dass der gläubige Muslim seinen Lebensunterhalt damit verdient, alkoholische Getränke zu produzieren, sondern liegt vielmehr darin begründet, dass er mit den deutschen Lebensmitteln einfach nichts anzufangen weiß.

In den deutschen Metzgereien gibt es keine nach islamischem Recht geschlachteten Tiere, und um nicht als Vegetarier zu enden, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich eigene Hühner zuzulegen, die sein kleiner Sohn dann schlachten muss. „Mein Vater hat davon heute noch ein kleines Trauma“, sagt Berana Engin schmunzelnd.

Die 44-Jährige arbeitet als Kassiererin und Mädchen für alles im türkischen Supermarkt Yazgülü im Pariser Viertel, das in Bad Kreuznach für seine Vielzahl an südländischen Restaurants und Geschäften bekannt ist. Im Yazgülü, das sieben Mitarbeiter hat und seit seiner Eröffnung vor fünf Jahren von Nazim Yaz betrieben wird, gibt es all das, von dem Engins Großvater im Nachkriegsdeutschland nur träumen konnte: Oliven in Dosen, Gläsern und Plastikpackungen, Kichererbsen, Paprikapasten, eingelegtes Gemüse, exotische Gewürze, unzählige Sorten schwarzen Tees, Feigenkonfitüre, Honigwaben, Traubensirup und Gummibärchen, die mit Rindergelatine hergestellt sind.

Die Backtheke der Bäckerei Yilmaz Brot quillt vor Fladenbroten, mit Spinat, Käse und Hackfleisch gefüllten Börek-Teigtaschen und knusprigen Sesamringen förmlich über. Hier hält man nichts von Aufbackware: In einem Nebengebäude wird jeden Morgen alles frisch hergestellt.

Serie: In der Fremde zuhause
In Bad Kreuznach leben Menschen aus mehr als 140 Nationen. Sie haben ihre Heimatländer aus unterschiedlichen Gründen verlassen, sind vor schlechten Lebensbedingungen geflohen, einer großen Liebe nach Deutschland gefolgt, haben hier Arbeit gefunden oder sind einfach irgendwie hängen geblieben. Manche von ihnen haben Geschäfte eröffnet, in denen sie Produkte aus der alten Heimat anbieten und die gleichzeitig Häfen sind für ihre Landsleute, die in der Fremde ein Stück Heimat suchen.

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  • Verkäuferin Elham Ewschah, die ursprünglich aus Jordanien stammt, ist damit beschäftigt, die Kundschaft zu bedienen, zu der auch Walter Jung gehört. Der Bad Kreuznacher war soeben beim türkischen Herrenfriseur seines Vertrauens und gönnt sich nun eine Tasse Kaffee und ein paar klebrig-köstliche Baklava-Häppchen – in Sirup getränkte Blätterteiggebäckstücke. Ein Ritual, das Jung nach jedem Friseurbesuch zelebriert.

    Etwas herzhafter geht es indes an der Fleischtheke zu, an der die beiden Metzger Cihan und Suleyman Rinderfüße aufeinanderstapeln. Vor allem die afghanischen Kunden nutzen die Füße, um Suppen zu kochen, erzählen die beiden. Auch Rinder- und Lammkutteln finden von Zeit zu Zeit ihren Weg in die Kochtöpfe. Die türkischen Kunden und auch die Deutschen wiederum kaufen sehr gern Lamm- und Hühnchenfleisch. Auch der Koch Alfredo Prina vom benachbarten italienischen Restaurant kauft seine Waren gern hier ein: „Die Qualität ist sehr gut.“

    Die beiden Metzger schlachten nicht selbst – die Waren werden mehrmals in der Woche von einem Offenbacher Fleischgroßhändler geliefert, die frischen Fische kommen von einem Mannheimer Händler. Jeden Dienstag und Donnerstag fährt Filialleiter Nazim Yaz zudem zum Großmarkt nach Frankfurt, wo er sich mit Obst und Gemüse eindeckt.

    Übrigens: Die Verschmelzung der türkischen und der deutschen Kultur wird vor allem am Kühlregal ersichtlich. Dort stapeln sich packungsweise Wiener Würstchen, Fleischwurst, Salami und Aufschnitt, die alle aus Geflügelfleisch hergestellt wurden. „Das haben wir uns von den Deutschen abgeguckt“, lacht Berana Engins. „In der Türkei hatten wir eigentlich immer nur unsere Knoblauchwurst Sucuk.“ Die große Auswahl an Geflügelwurst ist ein Glücksfall für Kundin Ute Mouhssen, deren zwei Kinder kein Schweinefleisch vertragen. „Ich kaufe immer hier“, erzählt sie. „Die Leute sind sehr freundlich und hilfsbereit.“

    Die Kundschaft im Yazgülü ist multikulturell: An einem einzigen Vormittag trifft man einen afghanische Familienvater auf der Jagd nach frischem Obst, eine ältere Brasilianerin auf der Suche nach Okraschoten, ein kasachisches Ehepaar, das sich mit einer ganzen Palette Kakifrüchte eindeckt, mehrere deutsche Hobbyköchinnen, die die Gerichte nachkochen, die sie von ihren türkischen Freunden und Arbeitskollegen kennen, unzählige Afrikaner, Syrer, Ägypter und ein tunesisches Ehepaar, das gern scharfes Essen zu sich nimmt und im Yazgülü dafür die passenden Zutaten einkauft.

    Berana Engins Großvater hielt das Heimweh irgendwann nicht mehr aus, setzte sich früh zur Ruhe und ging nach mehreren Jahrzehnten in Deutschland wieder zurück in seine türkische Heimat. Weitere Jahrzehnte später folgten ihm seine Kinder ebenfalls. Heute leben nur noch Engin, ihre drei Kinder und die jüngste Schwester in Deutschland. Ambitionen in die Türkei zurückzugehen, hat Engin nicht. „Ich war mal für zwei Jahre dort, aber das hat irgendwie nicht gepasst. In der Türkei sind die Verkehrsprobleme wirklich extrem, jeder parkt, wo er will, und die soziale Versicherung ist nicht so gut wie in Deutschland. Ich fühle mich hier besser aufgehoben.“ Zweimal im Jahr macht die Deutschtürkin in der Heimat ihrer Eltern Urlaub und genießt die Wärme und das Meer. Eine nette Abwechslung zu Selz und Nahe, die zum Baden dann doch eher ungeeignet sind.

    Von unserer Redakteurin
    Silke Bauer

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    Filialleiter Nazim Yaz (rechts) mit einem seiner Metzger. Berana Engin (unten links) arbeitet im Yazgülü als Kassierin, Kunde Fardin Niazi sucht frisches Obst und Walter Jung genießt ein paar leckere Baklavas.

    Foto: Silke Bauer

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