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    MittelrheinWelterbe-Serie, Folge 6: Mit der "Goethe" rheinauf und rheinab: Toptour für Touristen - Zuhause für die Crew

    Die „Goethe“ schläft nie. Wie bei einem Organismus ist immer jemand aktiv, es wird gewerkelt und gepflegt, um die „alte Lady“ auch nach 104 Jahren weiter am Leben zu halten – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Und Morgen für Morgen wird sie vorbereitet für die große Fahrt, der Motor angeschmissen, der Strom eingeschaltet: Los geht es auf die Reise von Koblenz, 67 Kilometer stromaufwärts nach Rüdesheim, ein kleines Päuschen, und wieder retour nach Koblenz. Ein langer Tag – für das Schaufelradschiff und die Besatzung.


    Punkt 9 Uhr. Eine Traube Menschen steht vor dem Anleger in Koblenz. Schnell wird noch ein Wagen voller Getränkekisten im Schiff verstaut, der Staubsauger an Deck weggepackt. Die Gitter am Anleger werden zurückgeschoben, und einer nach dem anderen betritt das Deck, freundlich begrüßt von der Crew, suchen sie sich ein Plätzchen. „Tee? Kaffee?“

    Steuer fest im Griff

    Hoch oben im Steuerhaus hat Mirco Fichte das Steuer fest im Griff. Doch wer denkt, der Kapitän steht hier noch hinter einem großen Steuerrad, der täuscht sich. Fichte navigiert mittels eines kleinen Hebels zu seiner Rechten, mit seiner Linken schiebt er den Geschwindigkeitsregler nach vorn: volle Kraft voraus! Neben ihm sitzt Markus Koopmann, der zweite Schiffsführer. Genau genommen heißen Kapitäne in der Binnenschifffahrt nämlich Schiffsführer. Am Laptop checkt er die aktuellen Wasserstände: 1,35 Meter, alles entspannt. Bis zu einem Kauber Pegel von 80 Zentimetern ist die „Goethe“ im Mittelrheintal unterwegs, fällt er darunter, wird ihre Fahrt nach Köln verlegt.

    Küchenchef macht Mittagessen

    Tief unten im Bauch des Schiffes steht Küchenchef Tino Köhler in der Kombüse. Gemeinsam mit seinem Team laufen die Vorbereitungen fürs Mittagessen – für die Gäste und die Besatzung. Ein großer Topf Bolognese brodelt auf dem Herd: „Im Schnitt gehen hier täglich 200 Essen raus, es können aber auch mal 500 sein“, erzählt er. Wenige Stufen höher ist eine weitere Küche: „Für À-la-carte-Bestellungen“, erklärt Köhler.

    Während Köhler mit einem Spritzbeutel die Vanillecreme portioniert, wechselt Fichte den Arbeitsplatz. Mit dem Fernglas hatte er schon ausgekundschaftet, dass in Braubach die KD-Flagge gehisst ist: „Dann wollen Gäste zusteigen.“ Außerhalb des Führerhauses gibt es links und rechts noch mal ein Stehpult mit allen Navigationsgeräten. Von dort hat Fichte einen besseren Überblick über das gesamte Schiff, wenn er anlegt. In einem Bogen steuert er auf den Anleger zu – damit die Wellen, die er selbst produziert, ihn nicht wieder vom Ufer wegdrücken. Die Geschwindigkeit verringern, ein bisschen übers Ziel hinaus fahren und sich dann mit der Strömung butterzart an den Anleger schmiegen. Auch wenn kein Anlegemanöver dem anderen gleicht – Wind, Strömung und vorbeifahrende Schiffe nehmen immer Einfluss auf den Kurs –, ist es kein Problem, denn er kennt die „Goethe“ und die Kniffe genau. 1994 hat der 39-Jährige als Schiffsjunge, also als Auszubildender zum Matrosen, seine Karriere bei der Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschifffahrt begonnen, 2001 das Rheinpatent erlangt und war als Bootsmann und Schiffsführer auf allen Schiffen der KD unterwegs.

    Schicksalhafte Geschichte

    Die Winterpause von 2008 auf 2009 war ein schicksalhaftes Jahr für die „Goethe“, dem schon eine lebhafte Geschichte vorausging: Als Dampfschiff 1913 gebaut, war sie bis 1945 als Personen- und Gütertransportschiff auf dem Rhein unterwegs. Ein halbes Jahr vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie in Oberwinter von Bomben getroffen und sank. 1949 wurden das Vorder- und Mittelschiff samt Kessel- und Maschinenanlage wieder gehoben und in den folgenden Jahren komplettiert und repariert. Am 4. Mai 1953 hatte der Schaufelraddampfer seine „Jungfernfahrt“ und war bis zu seiner Außerdienststellung 1989 zwischen Köln und Mainz unterwegs. 1995 entschloss sich die Reederei, die „Goethe“ komplett zu sanieren. Bis 2008 fuhr sie dann als letzter auf dem Rhein fahrender Schaufelraddampfer. Nach Saisonende wurde die „Goethe“ technisch auf den neuesten Stand gebracht und unter großen öffentlichen Protesten auf dieselhydraulischen Antrieb umgebaut, der seit 2009 die Schaufelräder antreibt – eine wirtschaftliche Entscheidung. Somit kann heute der Dampfmaschine nicht mehr bei ihrer Arbeit zugeschaut werden, doch die hinter Glas sichtbaren Original-Schaufelräder ziehen nach wie vor die Blicke der „Goethe“-Fans auf sich. Dampf wird trotzdem noch extra erzeugt, für die Dampfpfeife, die noch heute mit ihrem markerschütternden Pfeifen und einer großen Dampfwolke die „Goethe“ vor den KD-Anlegern ankündigt.

    Stationen auf dem schönsten Rheinabschnitt

    Dann stehen am Eingang die Matrosen bereit. Ein großer Schritt auf den Anleger, flink das Schiff mit einem dicken Seil am Poller vertaut, ein Steg über die Kante des Anlegers ins Innere des Schiffs geschoben. Einige Mitfahrer verabschieden sich, neue kommen hinzu. Deutsche, Japaner, Holländer, Amerikaner, Reisegruppen oder Familienausflügler. International geht es auf dem schönsten Rheinabschnitt zu, wie die Schiffsführer Koopmann und Fichte unisono über das Mittelrheintal urteilen. Und mit durchschnittlich 12,5 km/h geht es vorbei an Burgen und Weinbergen Rüdesheim entgegen. Die Talfahrt geht beinahe doppelt so schnell: 24 km/h. Die Matrosen bekommen davon nur bedingt was mit. Helfen sie nicht beim Ein- und Aussteigen, gibt es genug zu tun: schleifen, lackieren, Bänke restaurieren – langweilig wird es an Deck der „Goethe“ nie, für niemanden.

    Crew lässt den Tag mit Blick auf die Festung ausklingen

    „Wir sind wie eine kleine Familie“, sagt Schiffsmanager Sergio Cadeddu, der sich mit seinem Team um das Wohlbefinden der Touristen an Bord kümmert. „Es ist einfach schön, hier zu arbeiten. Und wenn 200 Leute gleichzeitig kommen, dann werden die Hemdsärmel hochgekrempelt, und alle arbeiten Hand in Hand.“ Und am Abend, wenn die „Goethe“ in Koblenz fest macht, sitzen alle noch mit Blick auf die Festung Ehrenbreitstein auf dem Sonnendeck zusammen, lassen den Tag ausklingen. Maschinist Paul Fischer macht alles für die Nacht klar, macht seinen Rundgang, klettert durch die Schaufelräder und überprüft durch den Klang mit einem Hammerschlag auf alle Schrauben, ob sie noch festsitzen. Mal muss ein Filter gewechselt werden, alle acht bis zwölf Tage werden 30.000 Tonnen Diesel gebunkert, alle zwei Tage Frisch- und Abwasser ausgetauscht.

    Und wenn die Crew in ihren Kajüten unter Deck schlafen geht, dreht der Wachmann seine Runden, feudelt durch die Innenräume, bis es am nächsten Morgen wieder auf große Fahrt gen Rüdesheim geht.

    Von unserer Reporterin Mira Müller

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