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Betzdorf/Kreis Altenkirchen

Reichspogromnacht im Kreis Altenkirchen: Wer Opfer vergisst, der tötet sie erneut

Gestern Abend wurde im Betzdorfer Rathaus und auch an der Gedenktafel am Übergang zwischen Bahnhofstraße und Viktoriastraße mit Kranzniederlegungen der Pogromnacht vom 9. November 1938 und deren Folgen gedacht. Gedenkveranstaltungen gibt es auch in Hamm und in Altenkirchen.

An der Gedenktafel am Übergang zwischen Bahnhofstraße und Viktoriastraße wurde in Betzdorf der Opfer der Pogromnacht gedacht. Die Stadt, Bündnisgrüne gemeinsam mit den Jusos und Linke legten Gestecke oder einen Kranz nieder.  Foto: Andreas Neuser
An der Gedenktafel am Übergang zwischen Bahnhofstraße und Viktoriastraße wurde in Betzdorf der Opfer der Pogromnacht gedacht. Die Stadt, Bündnisgrüne gemeinsam mit den Jusos und Linke legten Gestecke oder einen Kranz nieder.
Foto: Andreas Neuser

Martin Haßler von den Bündnisgrünen und Religionslehrer erinnerte bei der Gedenkstunde im Rathaus an die Judenfeindschaft von Martin Luther. Gerd Bäumer, Geschäftsführer des Vereins Betzdorfer Geschichte, hielt eine beeindruckende Geschichtsstunde zu den Juden in Betzdorf, deren Verfolgung und spätere Ermordung. Ebenso stellte er eher rhetorisch die Frage, ob man noch immer über das Thema reden müsse oder es nicht besser sei, wie man oftmals höre, das schlimme Kapitel Holocaust endlich ruhen zu lassen.

Bürgermeister Bernd Brato begrüßte zu Beginn die zahlreichen Gäste der Gedenkstunde. Er erinnerte an die Zeiten, die einen fassungslos machten. „Es bleiben Trauer, Entsetzen und Scham.“ Umso mehr gelte es, die Erinnerung an diese Zeit wach zu halten und auch der heutigen Jugend zu vermitteln. „Wer die Opfer vergisst und wer die Erinnerung an die Opfer auslöscht, tötet sie ein zweites mal. Die Geschichte dieser Zeit müsse weiter aufgearbeitet werden. Es dürfe dabei nichts beschönigt werden. Einzutreten gelte es heute für ein gutes und tolerantes Miteinander. Ausgrenzungen und Intoleranz müsse man entgegentreten. Aber leider sei die Ausgrenzung heute schon bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen. „Aus geistigen Brandstiftern werden schnell reale Brandstifter“, mahnte Brato zur Wachsamkeit.

Haßler widmete sich dem Thema Judenfeindschaft des Reformators Martin Luther, ordnete dies historisch ein, zeigte auf, dass es bereits in spätantiker Zeit Christen gab, die allen Juden die Schuld am Tod Jesu vorwarfen. Heute, so der Religionslehrer, habe sich die evangelische Kirche intensiv mit ihrem Erbe, dem Judenhass Luthers, auseinandergesetzt und diesen gründlich verurteilt.

Haßler erinnerte daran, dass in unserem Land alle die leben können, die sich daran halten, was das Grundgesetz garantiert. Denn dort heißt es „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Nirgends stehe die Würde der Christen, des Reichen oder des deutschen Staatsbürgers. „Es gilt, weiter für eine menschliche Welt friedlich zu arbeiten.“

Geschichtsvereins-Geschäftsführer Bäumer beleuchtete umfasend die Geschichte der Juden in Betzdorf, das Auftreten der Nationalsozialisten vor Ort und deren Propaganda sowie was am 9. November 1938 in Betzdorf passierte. So sei die Reichspogromnacht in Betzdorf offenbar ohne Vorfälle verlaufen. Zu der Zeit hätten aber immer SA-Leute vor den Eingängen jüdischer Geschäfte gestanden. Schaufenster seien mit dem Wort Juden beschmiert gewesen. Allerdings, auch daran erinnert Bäumer, waren die meisten Juden aus Betzdorf bereits verzogen. Anfang der 1930er Jahre gab es in Betzdorf noch rund 40 Juden. Viele waren unter Druck bereits vorher gegangen. So wurde aus Betzdorf kein jüdischer Bürger deportiert. Da sie verzogen waren, wurden sie aus anderen Orten deportiert. Nur die nach Übersee oder Palästina ausgewanderten Betzdorfer Juden überlebten den Holocaust. 21 Betzdorfer Juden sind nachweislich in Konzentrationslagern ermordet worden.

Bäumer ging auch noch auf seine gestellte Frage ein, ob man noch über den Holocaust reden solle. Ja, ist die eindeutige Antwort. „Wir wollen die Geschichte, die unsere Geschichte ist, aufarbeiten und sie besonders den jungen Generationen ans Herz legen. Wir möchten erreichen, dass solch schreckliche und unfassbaren Ereignisse sich nicht wiederholen.“

Von unserem Redakteur Andreas Neuser

Altenkirchen Betzdorf
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