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RZ-Reportage: Wenn der Winter-Stau leuchtet – Leid eines Autofahrers

Schlussleuchten, Warnblinker: Oh, oh, nichts geht mehr. Das düstere Gefühl, das mich im Schneegestöber beim Verlassen der Landeshauptstadt Mainz beschlich, weicht bitterer Gewissheit. „Überall im Land massive Behinderungen des Verkehrs infolge von Schnee- und Eisglätte“, heißt es just in diesem Moment im Verkehrsfunk. Danke, das kommt für mich genau eine Viertelstunde zu spät.

Ein Anblick, den man dem ärgsten Feind nicht wünscht: Wenn im Winter nichts mehr geht, ist das noch weit nerviger als der obligatorische Stau in den Sommerferien. Genug Benzin im Tank, vielleicht etwas zum Essen dabei: Das kann helfen, aber die Stehzeit in der Kälte zerrt an den Nerven. Foto: dpa
Ein Anblick, den man dem ärgsten Feind nicht wünscht: Wenn im Winter nichts mehr geht, ist das noch weit nerviger als der obligatorische Stau in den Sommerferien. Genug Benzin im Tank, vielleicht etwas zum Essen dabei: Das kann helfen, aber die Stehzeit in der Kälte zerrt an den Nerven.
Foto: dpa

Schlussleuchten, Warnblinker: Oh, oh, nichts geht mehr. Das düstere Gefühl, das mich im Schneegestöber beim Verlassen der Landeshauptstadt Mainz beschlich, weicht bitterer Gewissheit.

„Überall im Land massive Behinderungen des Verkehrs infolge von Schnee- und Eisglätte“, heißt es just in diesem Moment im Verkehrsfunk. Danke, das kommt für mich genau eine Viertelstunde zu spät. Und die Moderatorin bittet im Mitleidston, ja schön langsam zu fahren. Aber für alle im Stau hat sie jetzt, juchu, ein paar Stunden Rockmusik dabei.

Die Musik kann sie behalten, und Langsamfahren wäre schon einmal ein Fortschritt: Auf der A 61 in Richtung Koblenz staut es sich 10 Kilometer vor der Abfahrt Stromberg. Im ersten Augenblick noch die Hoffnung: Vielleicht war ja „da vorn“ ein Unfall und es geht gleich weiter. Pustekuchen. Links und rechts der Autobahn wird ein zauberhafter Winterwald zugezuckert, ich könnte schon nach einer Minute schreien: Wie lange soll das denn noch dauern?

Kurze Checkliste: Der Tank ist voll, zur Not erfriere ich also schon mal nicht. Umweltschutz? Egal. Naja, es ist schon eine Sauerei: Sollte es länger dauern, könnten sich ja mit anderen Zwangsruhiggestellten ganz interessante Heizgemeinschaften ergeben. Die Lkw-Fahrer gehen als Vollprofis in Sachen Unwägbarkeiten der Straße die Sache gelassen an und machen schon mal Brotzeit. Tatsächlich wäre jetzt Abendessen nicht verkehrt. Schade, dass ich keine Notration dabeihabe und mich vom nächsten Schnellimbiss eineinhalb Kilometer trennen – und die Ungewissheit, ob es nicht doch alsbald weitergeht und mein Wagen dann der nächste Blockierer wäre.

Menschen agieren in gewissen Extremsituationen manchmal erstaunlich ähnlich, denke ich mir in der nächsten halben Stunde. Da ist zum Beispiel der Rhythmus, in dem die Autos an- und wieder ausgeschaltet werden, die lange Lichterschlange des Staus pulsiert bis zum Horizont wie eine gigantische Weihnachtsbeleuchtung.

Oder der Moment, dem ich den Titel „Jetzt stehen wir sicher für mindestens fünf Minuten fest“ geben möchte. Er ist daran zu erkennen, dass sich Dutzende Männer fast zeitgleich in die Büsche schlagen. Zur nächsten Toilettenrast könnte es nun immerhin dauern.

50 Meter und eine Stunde später: Schon zum x-ten Mal hat die nun deutlich genervte Wetter-Moderatorin dazu aufgerufen, Gassen für Streufahrzeuge und Abschleppwagen frei zu machen. Seltsam, auf der A 61 wollen weder die einen noch die anderen vorbei. Tatsächlich, so erfahre ich später, haben die anderswo dringender zu tun. Auf den Landstraßen im Hunsrück, wo sie selbst stecken bleiben. Oder im Westerwald, wo das Schneechaos eine Autofahrerin das Leben kostet.

Langsam kommt zum Frust auch ein Gefühl von Panik: Während in Richtung Koblenz der Stau steht und steht, zieht der Verkehr in der Gegenrichtung unerbittlich vorbei. Verkehrte Welt: Die meisten Pkw dürften ungefähr Tempo 20 draufhaben, tasten sich mehr auf der rechten Gegenspur vorwärts, als dass sie fahren. Die Lkw haben die Überholspur erobert, brettern trotz Schnee und anziehender Glätte teils in Wahnsinnstempo vorbei. Damit ist der Punkt erreicht, an dem der Winterstau richtig ungemütlich wird und ich mich über die Fahrer ärgere: Wenn ein solcher Brummi mal ins Rutschen gerät und die 20 Zentimeter Plastik zwischen seiner und meiner Seite der A 61 knackt wie eine Salzstange, ist es vorbei. Mit allem.

Als es dann doch endlich mal 10, mal 100 Meter weitergeht, wähle ich die Nummer sicher: nächste Ausfahrt raus, vorbei an quer liegenden Lkw zurückrutschen nach Mainz. Sonst wünscht man sich ja immer, die Straßen einmal für sich allein zu haben – jetzt wäre mir ein Begleitkorso deutlich lieber als die gespenstisch leere Autobahn.

Koblenz bleibt für mich an diesem Abend ein Ziel in unerreichbarer Ferne: Auf der Alternativroute A 3 staut es sich zu diesem Zeitpunkt schon auf 25 Kilometern. Dort werden schon Decken und Getränke verteilt. Ich habe immerhin die Wahl, die Nacht auf der Autobahn oder im Gasthaus zu verbringen: Der Zuschlag geht an das Hotel. Womöglich macht der Nachtportier an diesem Tag das Geschäft der Woche mit vielen Hängengebliebenen, die sich über ein warmes Bett freuen und nicht um Zimmerpreise feilschen. Wenigstens einer, der sich über das Wetter freut.

Von unserem Redakteur Claus Ambrosius

Panorama
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