40.000
  • Startseite
  • » Nachrichten
  • » Magazin
  • » RZ-Interview der Woche
  • » Starpianist Joja Wendt: Glück in Schwarz-Weiß
  • Aus unserem Archiv

    Starpianist Joja Wendt: Glück in Schwarz-Weiß

    Klavier spielen kann jeder. Das behauptet Joja Wendt. 
Er muss es wissen, denn er gehört zu den besten Pianisten der Welt und erklärt Nichtkönnern, wie es geht. Dabei geht es vor allem um eines: Spaß am Spiel.

    Joja Wendt hält nichts von festen Genres. Der Pianist hat mit seinem Mix aus Jazz, Boogie Woogie und Blues Erfolg auf der ganzen Welt. Was ihn treibt? Ein unbändiger Spaß am Üben. Seltsam, oder?
    Joja Wendt hält nichts von festen Genres. Der Pianist hat mit seinem Mix aus Jazz, Boogie Woogie und Blues Erfolg auf der ganzen Welt. Was ihn treibt? Ein unbändiger Spaß am Üben. Seltsam, oder?
    Foto: C. Barz/Universal Music

    Herr Wendt, Sie behaupten, dass jeder musikalisch ist. Mich würden Sie sicher nicht hinbekommen.
    Doch. Ich kriege Sie auch dazu. Musikalisch ist jeder. Davon können Sie ausgehen. Jeder, der als Kind sprechen lernt, durchläuft im Grunde die ganzen Entwicklungsstufen, die man auch durchläuft, wenn man ein Instrument lernt. Die Fachleute teilen das in drei Teile: Imitation, Assimilation, Innovation. Man ahmt erst mal nach, was die Eltern sagen, dann verinnerlicht man das, anschließend bildet man eigene Sätze. Das ist dann der kreative Part.

    Gibt es in der Musik auch unterschiedliche Sprachen?
    Es gibt natürlich musikalische Sprachen. Da sind wir schon in verschiedenen Musikrichtungen. Man kann die Musik als Sprache sehen. Das kann virtuos vorgetragen werden oder emotional. Überhaupt bildet die Musik all das ab, was uns bewegt. Das ist das Schöne an Musik, dass es eine Sprache ist. Es gibt kein Naturvolk, das jemals ohne Musik ausgekommen wäre.

    Hat der Mensch einen natürlichen Drang dazu?
    Ja, nicht umsonst ist die Musik so wichtig in unserem Leben. Es gibt kaum Leute, die keine Musik hören. Jeder hat einen klaren musikalischen Geschmack.
    Es gibt aber auch Leute, die sagen: Ich höre alles.
    Ich bin auch selbst einer, der allen Musikrichtungen etwas abgewinnen kann. Klar, man muss auch einen eigenen Geschmack entwickeln. Das ist eine Entwicklungsphase in der Pubertät, in der man sich abnabelt und ein klares Profil entwickelt und rumprobiert.

    Sie lieben den Jazz, in dem es viel ums Rumprobieren, Improvisieren und Sichfallenlassen geht. Das ist schon sehr intim, oder?
    Ehrlich gesagt bin ich von Haus aus ein eher kontrollierter Typ. Das empfinde ich manchmal als Handicap. Wenn ich auf die Bühne gehe, dann möchte ich zumindest grob wissen, was mich da erwartet. Dass da noch wahnsinnig emotionale Sachen passieren, das finde ich schon richtig. Aber ich muss ein Gerüst haben. Trotzdem ist es wichtig, dass man auch den Moment nutzt. Und dieses Wirgefühl, das zusammen mit dem Publikum entsteht, ist ja auch nicht zu schlagen.

    Beim Improvisieren sind Sie auch Ihren Mitmusikern ganz nah. Warum ist das so wichtig?
    Improvisieren ist für mich ein ganz wichtiges Element, weil die Authentizität, das Profil des Künstlers dann besonders klar wird. Man sieht an der Entwicklung in meinem Genre, dem Klavierkonzert, dass die Pianisten eher Interpretatoren geworden sind als Komponisten und Künstler. Der Jazz hat eigentlich dafür gesorgt, dass die Künstler wieder mehr selbst komponieren. Ich bin mittendrin. Ich habe eine schöne Idee für ein Stück, ein Konzept, aber ich habe trotzdem freie Phasen zum Improvisieren. Das ist ein bisschen verloren gegangen, dass man die Kompositionskunst zeigt, aber auch Phasen zum Improvisieren hat.

    Sie mixen dabei auch viele Stile.
    Das stimmt. Ich gehöre nirgendwo so richtig rein. Ehrlich gesagt, gehört ein Stück Selbstbewusstsein dazu, den Weg so zu gehen, wie ich es mache, weil ich zu keinem Lager dazugehöre. Auf der anderen Seite bin ich konkurrenzlos, was das angeht. Das ist wieder mein Glück. Das Einzige, was die Kollegen mir vorwerfen können, ist, dass ich erfolgreicher bin als sie (lacht).

    Hatten Sie je Existenzängste?
    Hmmm, am Ende bin ich eher anspruchslos. Ich kann meine Familie ernähren und dafür sorgen, dass meine Kinder eine gute Ausbildung haben. Das Schöne ist, ich mache eine Dienstleistung, die ich mitnehmen kann. Das kann ich in Neuseeland genauso machen wie hier oder in China.

    Auch an einem schlechten Klavier?
    Nun habe ich das Privileg, dass ich meinen Flügel auch mitnehmen kann. Das ist eine wahre Erleichterung.
    Waren Sie schon mal da, aber Ihr Flügel nicht?
    Ähm, nee. Ich habe einen sehr guten Logistiker, und es ist noch nie passiert, dass er nicht da war.

    Toi toi toi!
    Ja, aber wirklich. (lacht)

    Wie wichtig ist es, immer dasselbe Instrument zu spielen? Brauche ich als Anfänger ein eigenes Klavier?
    Man muss heutzutage nicht groß investieren. Man kann heute mit einem Keyboard für 500 Euro mit gewichteter Tastatur schon mal anfangen, diese Tastenwelt zu entdecken, und das sollte man unbedingt tun. Es gibt die Erkenntnis, dass jemand, der noch nie Klavier gespielt hat, nach nur 20 Minuten mit dem Instrument schon ganz deutliche positive neuronale Auswirkungen aufweist.

    Was macht dabei so glücklich?
    Zunächst einmal sieht man jede Taste, wenn man davorsitzt. Jeder Ton, den man bedienen kann, liegt vor einem. Das Ganze hört man dann auch, ein visuell-auditives Erlebnis, das man mit beiden Vorderpfoten auch unabhängig voneinander erlebt. Man hat das Maximum an Benutzbarkeit. Das erzeugt ein Synapsengewitter im Gehirn. Das merkt man in dem Moment vielleicht nicht, aber auf lange Sicht hat das positive Effekte.

    Jetzt kriegen Sie mich doch dazu, es mal auszuprobieren.
    Investieren Sie nur 20 Minuten. Es verlängert das Leben, es macht glücklich. Und Ihr Leben wird eine neue Wendung nehmen. So. (lacht)

    Kann man etwa beim Klavierspielen fürs Leben lernen?
    Natürlich. Auch das Scheitern. Das gehört alles zum Leben dazu.

    Scheitern Sie auch noch?
    Manchmal denke ich schon: Das ist jetzt ein Riesenberg, den ich schaffen muss. Aber dann fummelt man sich rein, Etappe für Etappe versucht man, das Stück zu beherrschen, zu lernen, ein Stück zu spielen, ist wie ein Gedicht zu lernen.

    Das klingt nach Arbeit. Bisher klang es noch nach kreativem Müßiggang.
    Nein, für mich ist Üben Spaß. Wenn die Leute mich fragen: Wie viel musst du denn üben? Das ist das falsche Wort. Wie viel darf ich üben?

    Gibt es Tage, an denen Ihre Familie das nicht mehr hören kann?
    Deswegen habe ich ein eigenes Studio, in das ich mich zurückziehen kann. Übrigens ist Üben für andere auch nicht schön zu hören. Das dauert, das ist ein Prozess.

    Wobei das Piano noch ein dankbares Übungsinstrument ist im Gegensatz zum Beispiel zur Geige.
    Aaaah, Geige und Trompete. Das ist schlimm. Aber da sind wir wieder bei dem Punkt, bei diesen Instrumenten muss man sich auch erst intensiv mit der Tonerzeugung beschäftigen. Während das beim Klavier gleich losgeht. Deswegen ist das Klavier auch das beste Einsteigerinstrument. Ein Tag am Klavier ist ein gewonnener Tag. Aber es ist auch wichtig, dass man nicht dauernd in seinem eigenen Orbit kreist. Wenn ich nach Hause komme, dann bin ich genauso ein Teil der Familie, muss Müll rausbringen.

    Ein Spagat zwischen zwei Welten, oder?Wissen Sie, dieser ganze Musikzirkus ist nicht das wirkliche Leben. Das ist ein Teil meines Lebens, aber wenn das Konzert vorbei ist, ist es vorbei. Es gehört eine Menge für so eine Karriere dazu, auch Kritik. Wenn ich in meinen Sportverein komme, sagt keiner: Oh, da kommt der große Pianist. Regulative sind wichtig. Meine Ehefrau ist da auch ganz klar. Da kann ich auch nicht sagen: Du sprichst hier gerade mit dem großen Joja Wendt.

    Das ist ihr egal, wenn der Müll runter muss ...
    Genau. Die sagt dann nicht: So, kann jetzt bitte der große Joja Wendt einmal den Müll runterbringen? Nee, so läuft das nicht. Und das ist gut so.

    Zur Person:

    Biografie: Joja Wendt kam als Johan Wendt 1964 in Hamburg zur Welt und entschied sich bereits mit vier Jahren fürs Klavier. Nach dem Abitur spielte er am liebsten in Hamburger Kneipen, wo er von Joe Cocker entdeckt wurde. Bekannt wurde er in dessen Vorprogramm. Heute spielt Joja Wendt als Pianist und Komponist Konzerte auf der ganzen Welt. Kleinen und großen Nichtkönnern bringt er das Klavierspielen in Onlinekursen bei. Besonderen Wert legt er auf musikalische Früherziehung bei Kindern. Wendt lebt mit Frau und zwei Kindern in Hamburg.
    Live zu sehen ist Joja Wendt mit seiner Tour „Die Kunst des Unmöglichen“ am 2. April im Kurhaus Wiesbaden und am 6. Mai in der Alten Oper Frankfurt. Tickets gibt es im Internet unter www.rhein-zeitung.de/tickets

    Marta Fröhlich

    RZ-Interview der Woche
    Meistgelesene Artikel
    Anzeige
    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Onliner vom Dienst

    Marius Reichert

    Mail | 0261/892 267

    Abo: 0261/98362000

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Anzeige
    Das Wetter in der Region
    Sonntag

    8°C - 14°C
    Montag

    10°C - 14°C
    Dienstag

    10°C - 15°C
    Mittwoch

    10°C - 17°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!