40.000
  • Startseite
  • » Nachrichten
  • » Magazin
  • » RZ-Interview der Woche
  • » Michaela Schaffrath: Einmal gruseln, bitte!
  • Aus unserem Archiv

    Michaela Schaffrath: Einmal gruseln, bitte!

    Michaela Schaffrath steht derzeit in Hannover auf der Bühne – „Gänsehaut“ heißt die gruselige Krimikomödie. Wir treffen die Schauspielerin vor dem Auftritt zum Interview und nehmen in der Bühnendekoration Platz: ein einsames Landhaus irgendwo im Nichts. Etwas beklemmend.

    Von unserem Journalchef Michael Defrancesco

     

    Einsamkeit, kein Handyempfang, Geistergeschichten, knarzende Türen: Löst das bei Ihnen Gänsehaut aus?

    (lacht) Es ist schön, wenn allein schon unsere Bühnenkulisse bei Ihnen Gänsehaut auslöst. Ich kann Ihnen versprechen, dass sich Ihre Beklemmung und Ihr Unwohlsein gleich beim Anschauen des Stücks noch steigern wird. Bei mir persönlich entsteht Gänsehaut durch große Freude, aber auch durch Angst. Ich bekomme auch Gänsehaut, wenn ich ein tolles Lied höre! Oder bei einem romantischen Film und ich kurz vor dem Weinen bin. (lacht)

    Sind Sie schreckhaft?

    Total, ja. Wenn ich dieses Theaterstück anschauen würde, würde ich ständig vor Schreck schreien. Ich bin aber leider auch sehr schadenfroh. (grinst) Wenn sich jemand anderes erschreckt und so richtig zusammenzuckt, dann kann ich schallend lachen.

    Pfui.

    Nun ja, ich kann auch über mich selbst lachen. Wer austeilt, muss auch einstecken können. (schmunzelt) Und das wissen alle, die jemals mit mir zusammen einen Horrorfilm anschauen wollten. Für so etwas bin ich denkbar ungeeignet. Und oft kann ich hinterher auch wirklich nicht schlafen, weil mich die Bilder verfolgen. Ich hatte mal einen Lebensgefährten, der Horrorfilme geliebt hat – und da will man ja nicht kneifen, also habe ich sie mitgeschaut. Aber davon habe ich heute noch ein Trauma.

    Hatten Sie als Kind Monster unterm Bett.

    Ja. Ich habe jeden Abend vor dem Einschlafen unterm Bett nachgeschaut. Es war zum Glück nie ein Monster da, sodass ich schnell einschlafen konnte. Gut, wenn es ein Monster der „Monster AG“ gewesen wäre, das wäre cool gewesen. Aber diesen Film gab es ja leider in den 70ern noch nicht.

    Also sind Sie prädestiniert dafür, in einem Gruseltheaterstück zu spielen.

    (lacht schallend) Ja, man muss sich seinen Ängsten stellen! Diesmal habe ich den Vorteil, dass ich ganz genau weiß, was kommt. Ich spiele jetzt seit sieben Jahren Theater, und in der Regel waren es bis dato Boulevardkomödien, bei denen viel gelacht wurde. Jetzt war die Zeit für ein neues Genre. Früher habe ich die Menschen zum Lachen gebracht – das tue ich diesmal definitiv nicht.

    Sie spielen eine Frau, die gerade aus der Psychiatrie entlassen wurde, wo sie wegen Schizophrenie behandelt wurde. Ihr Mann holt sie ab und bringt sie in das einsame, abgelegene Landhaus, in dem wir gerade sitzen. Er sagt, dass es ihrer Genesung guttun würde. Aber Ihre Figur verfällt immer mehr in den Wahnsinn zurück und weiß nicht mehr, was Realität ist und was nicht – und der Zuschauer weiß es bald auch nicht mehr.

    Das ist die Geschichte, genau. Meine Figur wird zunehmend rückfälliger

    und fällt in alte Verhaltensmuster zurück – bis hin zum Durchdrehen.

    Ist das schwierig zu spielen?

    Es ist zumindest eine Herausforderung. Mein Wunsch ist es, dass die Zuschauer wirklich den Wahnsinn in meinen Augen sehen, die Angst, die meine Figur entwickelt und auch die Hilflosigkeit. Sie fühlt sich mit der Zeit immer mehr allein und von allen verfolgt. Ich erinnere mich tatsächlich an meine ganz persönlichen Ängste – die hole ich hervor, um in den passenden Zustand auf der Bühne zu kommen. Nach diesem Stück brauche ich circa eine halbe Stunde und ein gemütliches Gläschen Wein mit meinen Kollegen oder Freunden, um wieder runterzukommen.

    Sie graben wirklich an Ihren Ängsten auf der Bühne? Ist das nicht leichtsinnig?

    Inzwischen geht es nicht mehr jeden Abend so tief in meine Seele, da habe ich mittlerweile Routine. Aber während der Probenphase musste ich das Gefühlschaos erstmalig herstellen, und da bin ich mithilfe meines Regisseurs in meine Ängste eingetaucht. Zu Beginn war das wahnsinnig anstrengend für mich. Inzwischen habe ich einen Weg gefunden, meine Kräfte einzuteilen. An den Wochenenden, wenn wir Doppelvorstellungen haben, ist es aber nach wie vor sehr harter Tobak.

    Sie kennen sich in Ihrem Inneren sehr gut aus?

    (schmunzelt) Ja, das tue ich. Ich weiß, was Sie meinen: Viele haben ja Lebensbrüche und Schwierigkeiten erlebt, vielleicht Kränkungen oder Mobbing oder andere schmerzhafte Dinge. Also Erfahrungen, die man gern mal in einer Schublade verschließt und verdrängen und vergessen möchte. Das habe ich nicht. Ich kenne meine Brüche, ich kenne meine Schwächen, ich kenne meine Ängste. Da gibt es keine Schublade, die ich nicht öffnen darf. Ich habe mich mit allem auseinandergesetzt – diese Art Selbstreflexion habe ich gebraucht. Es ist alles aufgearbeitet. Ich kenne auch meine Talente und Stärken!

    Das ist schön, wenn ein Mensch so etwas von sich sagen kann.

    Ich habe das nicht zuletzt auch meinem Partner zu verdanken. Jeden Abend vor dem Einschlafen rufe ich meinen Carlos an, und wir telefonieren eine Stunde lang. Das ist unser Ritual: Das Erste am Morgen und das Letzte am Abend ist unser Telefonat. Dieser Mann ist meine Insel. Ich musste dies aber alles nach und nach lernen, dass man mit sich selbst im Reinen ist.

    Früher war das nicht so?

    Nein. Als junger Mensch habe ich auch das Prinzip „Deckel drauf und verdrängen“ gefahren. Aber mit den Jahren und der wachsenden Lebenserfahrung habe ich gemerkt, dass das nicht richtig ist. Es gibt Schicksalsschläge, und das Leben fordert ganz schön viel von dir. Es gibt so viele unangenehme Dinge! Damit muss man sich aber auseinandersetzen. Ich habe auch keine Probleme damit, professionelle Hilfe zu suchen, wenn es mir nicht gut geht und ich selbst nicht mehr klarkomme. Das habe ich auch schon getan, als ich eine Phase hatte, in der es mir schlecht ging und in der ich nicht mehr wusste, wie es weitergehen soll. Damals habe ich viel gelernt, wie man schlechte Erfahrungen verarbeiten und in sein Leben integrieren kann, sodass sie keine Fremdkörper mehr sind. Dass man keine Angst mehr davor haben muss, bestimmte Türen oder Schubladen zu öffnen. Das ist ein Prozess, der nicht einfach ist, wirklich nicht. Aber danach fühlt man sich besser!

    Das setzt voraus, dass man auch bereit ist, über seine Sorgen und Ängste zu sprechen.

    Ganz genau. Keiner von uns hat ja Lust auf unangenehme Gespräche, weder beruflich noch im Privaten. Aber ich lebe nach dem Motto: „Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden.“ Egal in welcher Lebenssituation, man muss miteinander reden! Wenn man das auf eine respektvolle Art und Weise tut, kann das nur gut sein, auch wenn es um ein unangenehmes Thema geht. Mir persönlich hilft es, wenn ich mich aussprechen kann. Und ich bin auch gern für meine engsten Freunde da, wenn diese ein Problem haben und sich bei mir aussprechen möchten. Das ist alles auch eine Frage des richtigen Timings – nicht in jeder Situation und nicht zu jeder Zeit ist man empfänglich für die Sorgen des anderen oder auch für den Rat des anderen. Wenn das zum falschen Zeitpunkt geschieht, dann kann auch mal eine Bemerkung in den falschen Hals geraten und man verletzt den anderen vielleicht sogar oder fühlt sich selbst falsch oder gar nicht verstanden.

    Diese Zeit nehmen Sie sich?

    Unbedingt! Für mich selbst und für die anderen. Aber das musste ich lernen. Und wenn ich mit mir selbst im Reinen bin, dann kann ich diese Kraft, die in mir steckt, auch für die Bühne nutzen, um die Gefühle meiner Figur möglichst authentisch darzustellen. Eine liebe Freundin – sie ist auch Schauspielerin – sagte nach der Premiere zu mir: „Pass auf, dass du jeden Abend aus dieser Rolle wieder herauskommst. Das ist ein Spiel mit dem Feuer, was du machst.“ Das beherzige ich sehr, und ich passe sehr gut auf mich auf.

    Andere Schauspieler spielen ja einfach den Ausdruck von Trauer, Freude oder Wut und empfinden all dies nicht wirklich in diesem Moment.

    Ja, da hat jeder seine eigene Methode. Aber ich fahre bislang ganz gut so, wie ich das tue. Wenn ich auf der Bühne oder beim Film weinen muss, dann weiß ich ganz genau, an welche Musik ich denken muss – und dann fange ich sofort an zu weinen. Jeder hat so seine eigene Herangehensweise, um sich in einen Gemütszustand zu versetzen. Musik wirkt sehr auf mein Gemüt und versetzt mich in verschiedene Stimmungen – auch das hilft mir beim Schauspiel. Musik kann Freude und Spaß bei mir erzeugen, aber eben auch spontane Trauer. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch. Da kann ich mit Freunden beim Konzert sein – und wenn das passende Lied kommt, laufen bei mir die Tränen.

    Wissenswertes:

    Michaela Schaffrath wurde 1970 in Eschweiler (NRW) geboren. Nach dem Realschulabschluss absolvierte sie eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester. In diesem Beruf arbeitete sie vier Jahre in Stolberg und drei Jahre in Frankfurt auf der neuropädiatrischen Station im dortigen Kinderhospital. 2001 startete sie ihre Schauspielkarriere an der Seite von Dieter Pfaff und Uwe Ochsenknecht in der Kino-Krimikomödie „Der tote Taucher im Wald“. Sie spielte Theaterstücke, zahlreiche Kino- und Fernsehrollen und ist am 8. und 15. Oktober auch in der „Lindenstraße“ zu sehen.

    „Gänsehaut“ ist bis zum 11. November im Neuen Theater Hannover zu sehen. Nach ihrer Entlassung aus einer psychiatrischen Klinik wird Jane (Michaela Schaffrath) von ihrem fürsorglichen Ehemann Greg zur Erholung in ein entlegenes Bauernhaus gebracht. Doch bereits bei der Ankunft fühlt sich Jane unwohl. Als dann noch schauerliche Dinge geschehen, startet die wilde Gruselfahrt für die Zuschauer. Infos: www.neuestheater-hannover.de

    RZ-Interview der Woche
    Meistgelesene Artikel
    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Anzeige
    Das Wetter in der Region
    Donnerstag

    3°C - 8°C
    Freitag

    2°C - 6°C
    Samstag

    1°C - 5°C
    Sonntag

    1°C - 4°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    UMFRAGE
    Winter, oh Winter!

    Mit voller Kraft brach am Wochenende der Winter herein – allerdings ging ihm schnell die Puste aus. Wie finden Sie das Winterwetter?

    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!