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    Klare Gedanken mit Piet Klocke

    Wir möchten heute Piet Klocke interviewen. Am Telefon. Das stellt sich als komplizierter heraus, als wir dachten. Denn auch ein Telefonat mit Herrn Klocke ist Comedy pur.

    Piet Klockes Geist verläuft sich gern mal – wie der Komiker im Interview mit unserer Zeitung zugibt. Da springt er fröhlich vom Hölzchen aufs Stöckchen. Auch in seinem neuen Buch nimmt Klocke den Leser mit auf eine köstlich-abstruse Reise durch seine Gedankenwelt. Foto: Bettina Dewald
    Piet Klockes Geist verläuft sich gern mal – wie der Komiker im Interview mit unserer Zeitung zugibt. Da springt er fröhlich vom Hölzchen aufs Stöckchen. Auch in seinem neuen Buch nimmt Klocke den Leser mit auf eine köstlich-abstruse Reise durch seine Gedankenwelt.
    Foto: Bettina Dewald

    Von unserem Journalchef Michael Defrancesco

     

    Hallo, Herr Klocke, schön Sie zu 
hören.
    Ich grüße Sie. Habe mir einen frischen Kaffee zur Seite gestellt ...

    Die Pantoffeln an?
    Selbstverständlich, bin ja daheim. Ganz gemütlich ist es aber noch nicht, ich suche das Sitzkissen für meinen Stuhl. Die Töchter verknoten mir gern die Kissen, die Lausmädel.

    Oh, dann müssen Sie den Stuhl wechseln und sich dahin setzen, wo es zwei Sitzkissen hat!
    Ah, da sagen Sie etwas, danke. Moment. (Rauschen, rascheln). Jetzt.

    Haben Sie es gemütlich?
    Sehr.

    Prima! Ihr aktuelles Buch ist voller Weisheiten – wann können Sie am besten philosophieren?
    Da habe ich gar keine Präferenzen, das kommt oder kommt nicht. Es gibt Tage für die Steuererklärung und solche fürs Arbeiten, da kann auch schon mal das Philosophieren oder der Humor dazukommen.

    Verläuft sich Ihr Geist des Öfteren?
    (typisches Klocke-Lachen) Ach, Sie, das ist ... Wissen Sie, bei meinem Geist ... Der ist mehr oder weniger ganztags assoziativ unterwegs, da verläuft er sich schon gern mal. Mit einer Autofahrt verglichen: Eigentlich will ich von München nach Hamburg, fahre aber kurz noch schnell über Moskau oder Arnheim.

    Wie unterscheiden Sie zwischen Weisheit und Wahnsinn?
    Ja. Da von Unterscheidung zu sprechen, ist ja auch schon wieder ... nicht ... Das wäre ja gewagt. Zum Leben sage ich wenigstens zweimal am Tag: „Wir rufen Sie zurück!“ Überall hockt die kleinste Normalität doch mit dem psychopathischsten Irrsinn zusammen und spielt Karten.

    Und wenn Ihr Kopf wie leer ist?
    ...darf ich mich nicht verkrampfen, und schon läuft es meist von allein. Inzwischen weiß ich: In den frühen Morgenstunden bin ich am hellsten, ganz früh spreche ich meist schnell ins Handy, sonst wird's vergessen. Habe ich nämlich erst einmal mittaggegessen, neige ich dazu, immer mehr in eine südländische Na-ja-Stimmung abzutauchen und die ernsthaften Dinge sich selbst zu überlassen. Nicht gut, aber wahr.

    Dann können Sie alles Kluge abtippen, was Sie am Morgen eingesprochen haben.
    Genau! Ich tippe ein oder werfe weg. Im Wegwerfen bin ich übrigens Weltmeister. Vor allem, wenn ich mich selbst nicht mehr verstehe! Im Buch findet man ja neben Aphorismen, Betrachtungen über Zeit und Musik und natürlich sehr viel Humor auch persönliche, oftmals sogar melancholische Gedichte. Bei Letzteren befindet sich der Geist während des Schreibens oft in einer von der Umwelt völlig losgelösten Blase, aus der man es nicht so leicht herausschafft. Es sei denn, die Kissen sind wieder zusammengeknotet!

    Man sagt, Sie hätten Mutterwitz. Ist das eine Kränkung, weil Humor ja auch harte Arbeit ist?
    Nein, nein, ganz und gar nicht. Mutterwitz zu besitzen, ist mir, nicht nur wegen der „Mutter“ im Wort, eine Ehre! Der Mutterwitz bescheinigt einem ja durchaus bodenständige Art, nichts völlig Abgehobenes. Und Liebe natürlich! Wissen Sie, ich tue ja niemandem etwas. Ich war immer und bin weiterhin ein Komödiant, der sich nicht über andere lustig macht. Ich nutze das Clowneske, den Humor, um mich nicht an der Unbill des Lebens aufzureiben, Mutterwitz schützt! Ein gutes, empfehlenswertes Rezept.

    War Humor in Ihrem Elternhaus wichtig?
    Durchaus, aber am wichtigsten war der Schutzmantel aus Liebe, Geborgenheit und Vertrauen, den man „für später“ mit auf den Weg bekam. Wer als Kind kaum Liebe erfahren hat, bei dem kippt leider meist früh der Humor kopfüber in ein Fass voller Zynismus hinein, und den mag ich gar nicht. Mein Humor spart mich selbst nie aus! Ich kenne viele meiner Macken, und meine Taten sind auch oft „nicht von dieser Welt“, da habe ich ein wunderbares Arbeitspensum zur Verarbeitung. Beispiel: Ich bin ja auch Musiker und benutze regelmäßig Musiksoftware. In den vergangenen Jahren habe ich schon für x Firmen den unfreiwilligen Betatester gespielt, weil ich Softwarefehler fand, die man nur findet, wenn man so unbedarft und kindlich wie ich an diese doch ziemlich komplex daherkommenden, technischen Dinge herangeht. Ich drücke da an manchen Tagen Tastenkombinationen, die hat vorher noch niemand gedrückt. In einem Fall wurde sogar weltweit die Musikersoftware umgeschrieben. Da war ich natürlich stolz wie Steve Jobs ...

    Im Buch schreiben Sie dazu passend den wunderbaren Satz: „Was ich nicht habe, kann ich nicht updaten.“
    Ja, genau, den hatte ich schon wieder vergessen.

    Gleichzeitig wagen Sie sich auch an die großen Fragen des Lebens heran und bezeichnen Gott als Dirigenten.
    Das ist er aber doch auch, oder? Oft scheint mir allerdings das Orchester zu undiszipliniert! Wenn sich gehirngewaschene, verlorene Seelen heutzutage im Namen einer Religion selbst in die Luft sprengen, da muss man sich doch fragen, ob das Orchester nicht die völlig falschen Noten in der Hand hält! Diese Leute müssten von Anfang an eine Obhut und vor allem Bildung erfahren, Bildung, Bildung, Bildung, eine Chance und Aufgehobensein. Da muss endlich langfristig gedacht werden von den sogenannten Mächtigen und nicht nur an die Wiederwahl im Wahlkreis. Gott dirigiert überall, in allen Religionen gleich, aber vor allem tief drinnen in jedem von uns.

    Sie waren immer sehr bemüht, den Menschen die Welt zu erklären. Verstehen die sie endlich?
    Ich wäre froh, wenn ich unsere Welt selbst verstehen würde. Zum Clownsprinzip aber gehört ja das Scheitern an allem! Im Buch möchte ich allerdings hauptsächlich zeigen, dass Humor keineswegs oberflächlich sein muss, selbst wenn er Alltagssituationen zum Thema hat. Humor windet sich ja oft genug mühsam aus Traurigkeit, Einsamkeit oder Scheitern hervor, er ist Katalysator und Kommunikator. Ein guter Begleiter gegen die Unbill des Lebens. Ein Rezept ohne Krankenkasse sozusagen.

    Sie wollten als Meister der halben Sätze also nicht nur unterhalten.
    Doch, schon. Aber ich möchte auch zeigen, dass ich, wie wohl die meisten, mit dieser Welt oft genug überfordert bin. Offenlegen, dass man sie letztlich nur im Ansatz und mit unseren wahrlich bescheidenen Menschenmöglichkeiten „erklären“ kann. Und auch nicht immer die Zeit dazu bleibt. Als ich mit meinem ersten Buch „Kann ich hier mal eine Sache zu Ende...?!“ damals zu Lesungen gegangen bin, kamen viele Fans, die mich nur aus dem Fernsehen kannten und keinen einzigen vollständigen Satz erwarteten. Meist wurde ihnen aber dann schnell klar, dass die zweifellos komisch daherkommende, sprachliche Unzulänglichkeit dem Scheitern durch Assoziationen geschuldet ist, dass es da in uns oft eine Überfülle an gedanklichen Möglichkeiten, die Dinge innerhalb eines Gedankenganges weiterzuspinnen, gibt und dass man in vielen Fällen dann erschöpft abbricht oder geistig ins All startet und keiner fliegt mit ... Ich glaube, so etwas kennt jeder.

    Wobei Sie mit Verlaub bei mir schon einen der heftigsten Lachanfälle meines Lebens ausgelöst haben. Das hat wirklich weh getan im Bauch und überall.
    Ich entschuldige mich.

    Das müssen Sie auch. Es verkrampfte sich alles, man weinte vor Lachen, bekam keine Luft mehr, und Sie haben einfach nicht aufgehört.
    Das habe ich nicht gewollt. Ich werde in Zukunft Pausen zum Atmen einplanen, damit nichts Ernstes passiert. „Lassen Sie mich durch, ich bin Zahnarzt!“ Buchzitat.

    Es schwirren jetzt noch eine Menge halb angefangener Sätze von Ihnen herum, hm?
    Da haben Sie recht! Im vorigen Buch hieß der letzte Satz: „Wenn ich mal nicht mehr bin, wer denkt das eigentlich alles zu Ende?“ Aber keine Sorge, so wichtig bin ich nicht! Uns Menschenkindern werden außerdem wohl niemals die Gedanken ausgehen. Und wenn, dann wirft man sich halt in Schale und geht mit!


    Weitere Informationen:

    Piet Klocke wurde 1957 in Bremen geboren. Er zog nach dem Abitur nach Amsterdam, wo er zwei Jahre in diversen Funk- und Soulbands als Gitarrist spielte. Die Rückkehr nach Essen ging einher mit der Veröffentlichung seines ersten Bandes mit Gedichten und Aphorismen. Es folgte die Gründung des avantgardistischen Musiktheaters Kamikaze Orkester. Die Künstler mischten expressiv-absurd Theater, Schauspiel und jegliche Art von Musik. Zu dieser Zeit entwickelte Klocke die Figur des zerstreuten Professors, der keinen seiner Sätze zu Ende bringt, sich durch abs-truse Geschichten assoziiert und bei Applaus sein Publikum ermahnt: „Das geht alles von Ihrer Zeit ab!“ Zahlreiche Fernsehauftritte brachten ihm den Durchbruch in der Comedyszene.

    Das Buch „Kühe grasen nicht, sie sprechen mit der Erde“ ist im Heyne Verlag erschienen, 288 Seiten, 
19,99 Euro

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