40.000
  • Startseite
  • » Nachrichten
  • » Magazin
  • » RZ-Interview der Woche
  • » Keshav: Zwischen zwei Welten
  • Aus unserem Archiv

    Keshav: Zwischen zwei Welten

    Lässig wie in den 80ern gekleidet, kommt Keshav zum 
Interview. Wir fläzen uns mit dem Kölner Singer-Songwriter auf die Couch und sprechen mit ihm über große Fußstapfen und die Herausforderung des Abschließens.

    In der Multikultistadt Köln fällt Keshav kaum auf. Die Stadt am Rhein gibt dem Singer-Songwriter mit indischen Wurzeln die Freiheit, musikalisch kreativ zu sein. Nach erfolgreichen Jahren mit seiner Band Timid Tiger wagt Keshav jetzt den Sprung ins Solobusiness und taucht tief in indische Klangwelten ein.
    In der Multikultistadt Köln fällt Keshav kaum auf. Die Stadt am Rhein gibt dem Singer-Songwriter mit indischen Wurzeln die Freiheit, musikalisch kreativ zu sein. Nach erfolgreichen Jahren mit seiner Band Timid Tiger wagt Keshav jetzt den Sprung ins Solobusiness und taucht tief in indische Klangwelten ein.
    Foto: Christian Faustus

    Keshav, Sie haben indische Wurzeln und sind in Hagen geboren. Wie viel Inder steckt in Ihnen?

    Mein Vater ist Inder. Und als ich drei Jahre alt war, bin ich für vier nach Indien gezogen und hab dort die Schule angefangen.

    Haben Sie dann auch schon die Sprache gesprochen?

    Ein bisschen. Die Schule war auf Englisch. Meine Familie spricht drei indische Sprachen mit englischen Wörtern durcheinander. Und diesen Familienslang verstehe ich eigentlich ganz gut. Aber die Sprache meines Heimatortes spreche ich nicht so richtig.

    Was ist an Ihnen typisch indisch und was so typisch deutsch?

    Typisch indisch ist, dass ich sehr gern und sehr viel esse, und auch gern sehr geschmacksintensiv und scharf.

    Also wenn wir schwitzen, wird es für Sie erst spaßig?

    Genau, ja. Und typisch deutsch, ja, so richtig typisch deutsch fühle ich mich eigentlich gar nicht. Aber ich bin schon pünktlich. Das ist so ein deutscher Wert. Aber meine Cousinen in Indien sind immer total verärgert, wenn ich das aus Spaß sage, weil sie dann meinen: Das stimmt gar nicht, dass wir Inder unpünktlich sind.

    Sie sagen, Sie fühlen sich nichttypisch deutsch. Wo verorten Sie sich?

    Ich bin hier zur Schule gegangen, hier groß geworden, ich fühle mich schon hier zu Hause. Aber Köln, meine Stadt, in der ich lebe, ist ja auch sehr multikulturell. Und dadurch, dass ich fast jedes Jahr zur Familie nach Indien fliege, habe ich eher das Gefühl, dass ich aus verschiedenen Welten komme.

    Ihr Vater ist ein berühmter Musiker. Sie sind auch Musiker geworden. Wie groß sind die Fußstapfen?

    Dadurch, dass ich ganz andere Musik mache als mein Vater, sehe ich das nicht im direkten Vergleich. Wenn ich jetzt auch im Jazz wäre, wäre das wahrscheinlich was anderes.

    Gab es für Sie denn eine Alternative, als Musiker zu werden bei dem Elternhaus?

    Das war eigentlich immer schon klar. Ach ne, ich war erst Basketballer (grinst). Als ich so 13, 14 war, dachte ich schon, dass das mein Ding ist. Aber dann habe ich die Gitarre entdeckt. Dann war klar, dass ich das machen möchte. Hinterfragt habe ich das erst, als es mal nicht so gut lief.

    Haben Sie an Ihrer Musikerkarriere gezweifelt?

    Immer wieder mal schon. Das lief ein paar Jahre nicht so gut, als ich mit meiner Band Timid Tiger Musik gemacht habe. Aber ich habe daran geglaubt und bin drangeblieben. Ich habe mir gedacht: Wenn ich was anderes studiere, dann mache ich beides nur halb, weil mir schon klar war, dass ich immer Musik machen möchte.

    Was hat Ihnen die Kraft gegeben durchzuhalten?

    Die Leidenschaft für die Musik. Aber auch ein bisschen die Unwissenheit.

    Die jugendliche Naivität?

    Ja, wirklich. Das verliert man mit den Jahren ja ein bisschen. Aber ich dachte früher als Teenager, ich kann so groß werden wie die Beatles.

    Welche Rolle spielte Ihr Vater in Ihrem musikalischen Werdegang?

    Ich habe sein musikalisches Schaffen immer mitbekommen, war als Kind mit auf Tour, und es war immer Thema und dadurch für mich klar, dass es wirklich ein Beruf sein kann und nicht nur ein Hobby.

    Wie sehr prägt dieser Kulturmix, den Sie in sich tragen, Ihre Musik?

    Ich habe die neue Platte eigentlich geschrieben, um genau das rauszufinden, wie mich das beeinflusst und wo meine Wurzeln sind. Ich habe es gar nicht richtig rausgefunden, aber ich bin auf dem Weg. Ich glaube, es sind eher unterbewusste Sachen, die sich in der Musik widerspiegeln.

    Was genau?

    Indische Rhythmen zum Beispiel. Die sind komplexer. Dadurch, dass mein Vater Percussion spielt, habe ich dafür ein gutes Verständnis. Das spiegelt sich auch wider in meiner Art zu singen, habe ich auch gemerkt.

    Haben Sie das Gefühl, dass der Schaffensprozess der Platte Sie verändert hat?

    Das große Thema für mich bei dieser Platte war, es zu Ende zu bringen. Innerhalb der Band hat es immer funktioniert, weil immer andere Druck gemacht haben. Und an diesem Projekt war ich schon lange dran, mindestens drei Jahre, und wusste zeitweise gar nicht, wie ich es zu Ende machen soll.

    Ist das eine Herausforderung, gerade wenn man solo unterwegs ist?

    Das war für mich wirklich eine Herausforderung. Zum einen immer die Frage: Ist dieses Projekt gerade wichtig genug? Ich habe eine Zeit lang immer andere Sachen vorgezogen und habe es so mit mir mitgeschleift. Gleichzeitig hatte ich immer das Bedürfnis, das fertig zu machen. Das war schwierig und hat mich verändert.

    Wie fühlte es sich an, als Sie die Platte abgeschlossen haben?

    Es war wie ein Abnabeln. Ich hatte dann eigentlich schon gar nicht mehr so viel mit der Platte zu tun. Bei meinem Soloalbum war das der Moment, als die Testpressung von der Schallplatte kam und ich sie aufgelegt habe, da wusste ich: Okay, da kann ich jetzt nichts mehr dran machen. In dem Moment habe ich keinen direkten Bezug mehr zu der Platte.

    Wie sehr ist so eine Soloplatte auch ein Seelenstriptease?

    Schon sehr. Besonders solo. Sonst schützte die Band sich gegenseitig. Jetzt ist man nackt. Ich schreibe gern einfach drauf los und weiß nicht, wohin das führen soll, und hinterher weiß ich sofort, wo es herkommt. Wie ein Selbstreinigungsprozess.

    Das klingt fast schon religiös.

    Ja, schon. Obwohl ich nicht religiös bin im klassischen Sinne. Aber ich beschäftige mich auch auf dem Album mit dem Thema, zum Beispiel mit Gurus in Indien und ob es wichtig ist, dass jemand echt ist als Guru oder ob es wichtiger ist, dass man charismatisch ist und gute Ideen hat.

    Und ist es wichtig?

    Also mir ist es egal, ob der Guru ein echter Guru ist, wenn er mich inspiriert, dann ist das für mich genug.

    Ein bisschen wie ein Musiker, hm?

    Klar, Musiker spielen oft auch nur eine Rolle, inspirieren, sind nicht sie selbst, um ein gewisses Gefühl rüberzubringen. Es ist eine Art Inszenierung. Da gehören auch Interviews genauso dazu wie das Bühnenoutfit und das Coverdesign. Das alles trägt dazu bei, wie man die Musik wahrnimmt.

    Verändert Musikersein den Charakter?

    Das kann ich gar nicht sagen. Ich war schon immer Musiker. Aber die Musikwelt prägt. Da lernt man schon als junger Musiker, wie ich auch mit der Band, die Schattenseiten schnell kennen. Plötzlich ist man zum Beispiel Teil der Insolvenzmasse einer Firma und steht als junger Musiker hilflos da. Das Geschäft mit der Musik ist immer schwierig, wenn die Musik für sich selbst spricht, ist es wunderschön.

    Was ist die schönste Seite des Musikerdaseins?

    Wenn ich Musik mache, ohne darüber nachzudenken. Wenn der Moment kommt, in dem es kreativ aus einem herausfließt. Auch wenn es nichts ist, das man bewusst aufnimmt. Wie ein Flow.

    Wenn es mit der Musik vorbei sein sollte, was würden Sie dann werden wollen? Banker?

    (lacht) Ja, genau. Nein, im Ernst: Wenn schon, dann wirklich was völlig anderes, genau das Gegenteil. Ich sehne mich manchmal danach, eine Arbeit zu machen, wo ich was mit meinen Händen schaffen kann, anstrengende Arbeit auf dem Feld zum Beispiel. Wo man dann abends wirklich fertig ist.

    Ist das für Sie dann "richtige" Arbeit?

    Nicht unbedingt. Musikmachen ist für mich auch richtige Arbeit. Das eine ist körperlich anstrengend, das andere lastet einen anders aus.

    Gibt es Momente, in denen Sie Musikmachen so richtig anstrengend finden? Keine Lust drauf haben?

    Auf jeden Fall. So etwas wie eine Platte zu beenden, ist sehr viel Arbeit. Weil man oft versetzt arbeitet, hat man die Begeisterung für das Projekt bereits lange durchlebt. Ich habe jetzt die Platte fertig gemacht, obwohl ich sie vor zwei Jahren geschrieben habe. Das ist sehr hart. Mein Problem ist auch, dass ich ständig schon an andere Projekte denke. Da musste ich jetzt bei der Platte fokussiert bleiben und es durchziehen. Das war absolut eine Herausforderung.

    Marta Fröhlich

    Biografie

    Keshav Purushotam kommt als Sohn eines indischen Percussionisten in Hagen zur Welt, geht als Dreijähriger mit seiner Familie nach Indien, um als Siebenjähriger wieder nach Deutschland zu ziehen und in Köln aufzuwachsen. 2002 gründet er seine Band Timid Tiger, die Pop mit Hip-Hop- und Indie-Einflüssen macht. Das letzte Album veröffentlichte Timid Tiger 2012 unter dem eigenen Label Papercup Records. 2014 verkündet die Band eine bis heute anhaltende Pause. Keshav Purushotham macht mit seinem Projekt Keshavara solo weiter, sein erstes Album „Keshavara“ ist aktuell im Handel erhältlich.

    RZ-Interview der Woche
    Meistgelesene Artikel
    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Onliner vom Dienst

    Jochen Magnus

    0261/892-330 | Mail


    Fragen zum Abo: 0261/98362000 | Mail

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Anzeige
    Das Wetter in der Region
    Dienstag

    13°C - 15°C
    Mittwoch

    11°C - 19°C
    Donnerstag

    12°C - 18°C
    Freitag

    8°C - 16°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!