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    "Jesus Christ Superstar": Die Auferstehung eines Klassikers

    In den 70ern war „Jesus Christ Superstar“ ein Aufreger. 
Ein Musical über das Leiden und Sterben Jesu Christi? 
Ist so etwas erlaubt? Dass das Stück von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice heute auch noch eine Botschaft hat, davon ist Bob Tomson überzeugt. Er hat den Klassiker neu und zeitgemäß inszeniert. Wir haben mit ihm gesprochen.

    Es ist eine der eindrücklichsten Szenen des Musicals „Jesus Christ Superstar“: die Kreuzigung. Bob Tomson hat das Stück neu inszeniert. Die Kreuzigungsszene ist so bewegend geworden, dass sie manch einem Zuschauer zu sehr an die Nieren geht.
    Es ist eine der eindrücklichsten Szenen des Musicals „Jesus Christ Superstar“: die Kreuzigung. Bob Tomson hat das Stück neu inszeniert. Die Kreuzigungsszene ist so bewegend geworden, dass sie manch einem Zuschauer zu sehr an die Nieren geht.

    Von unserem Journalchef Michael Defrancesco

    In einigen Tagen feiern wir die Kar- und Ostertage. Wie werden Sie diese Tage verbringen?

    Wir werden in die Kirche gehen, dann werden wir als Familie gemeinsam ein Festessen haben, und wir machen bei uns im Dorf eine große Ostereierjagd. Wir Erwachsenen verstecken Schokoeier für die Kinder, das ist immer ein großer Spaß und gute englische Tradition. Ich habe auch ein Haus in Griechenland, und vergangenes Jahr haben wir dort Ostern gefeiert. Sie hatten eine ganz andere Osterliturgie: Die Kirche war ganz dunkel, dann hat der Priester eine Kerze entzündet, und das Licht wurde dann in der Gemeinde weitergegeben, bis alle Kerzen brannten. Nach dem Gottesdienst ging die Gemeinde nach draußen, entzündete ein großes Osterfeuer - und verbrannte darin eine Strohpuppe, die Judas darstellen sollte.

    Hat Ihnen das besonders wehgetan? Im Musical "Jesus Christ Superstar", das Sie inszeniert haben, wird die Leidensgeschichte Jesu immerhin aus dem Blickwinkel des Judas erzählt.

    Ich verbinde das in der Regel nicht miteinander. An Ostern denke ich eher weniger an das Musical - das ist einfach meine Arbeit. Wenn diese Arbeit auch einen großen Teil meines Lebens in Anspruch nimmt. "Jesus Christ Superstar" wurde auf der ganzen Welt gespielt, verfilmt - und deshalb bin ich stolz, dass meine Inszenierung jetzt die offiziell von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice autorisierte Inszenierung ist. Mir war eine Sache von Anfang an besonders wichtig: Ich wollte "Superstar" ein neues Ende geben. Früher endete das Musical mit der Kreuzigung Jesu. Ich durfte noch einen ganz wesentlichen Aspekt hinzufügen: Das Musical endet nun mit der Auferstehung. Das war mir sehr wichtig. Unsere so schwierige Zeit braucht lebensbejahende und mutmachende Bühnenstücke.

    Ist "Superstar" für Sie ein religiöses Musical oder einfach Unterhaltung?

    Beides. Ich habe immer wieder junge Leute getroffen, die ganz und gar nicht religiös waren, aber die sich für diese Rockoper interessierten. Und die wussten nicht, wie die Geschichte ausgehen würde.

    Echt?

    Oja, oja! Es gibt tatsächlich Menschen, die überhaupt keine Ahnung von Jesus Christus haben. Gut, die sind die Minderheit, aber es gibt sie. Für mich als Regisseur stellte sich eigentlich eine ganz andere Herausforderung: Ich bin davon ausgegangen, dass die Zuschauer die Leidensgeschichte Jesu kennen. Wie sollte ich das Stück inszenieren, damit sie dennoch überrascht werden? Ich habe also epische Sequenzen geschaffen und die Bühne voll gestellt mit Menschen, und im Gegensatz dazu gibt es ganz intime Momente. Sehr intensiv. Und dann gibt es die Kreuzigungsszene: Sie hat keinen Text - aber sie gehört zu den beeindruckendsten Sequenzen. Sie dauert sehr lang, und mancher Zuschauer kann es kaum aushalten.

    Als "Superstar" geschrieben wurde, waren viele Christen entsetzt, dass man über Jesus ein Musical macht. Provoziert "Superstar" heute noch?

    Nein, heute reagieren die Menschen anders darauf. Sie sehen, wie unglaublich relevant diese Geschichte für uns heutige Menschen ist. Die christliche Botschaft ist wichtig und herausfordernd - und viele Menschen können und wollen sich dieser Herausforderung nicht mehr stellen und haben ihren Glauben verloren. Als Andrew Lloyd Webber und Tim Rice das Stück als junge Menschen schrieben, hatten sie ursprünglich vor, ein Musical über Judas zu schreiben. "Judas - das Musical". Ihr Produzent sagte damals, dass sie mit diesem Titel keine Tickets verkaufen würden, und so wählten sie "Jesus Christ Superstar". Was die Zuschauer heute auch noch begeistert: Die Autoren erzählen zutiefst menschliche Geschichten. Sie machen verständlich, wie Judas zum Verräter werden konnte, sie zeigen den Zwiespalt, in dem Pilatus steckt. Maria Magdalena auch - all diese Menschen stecken in tiefen Problemen, die sie nicht lösen können. "Superstar" beschäftigt sich auch viel mit Schuld. Sogar Jesus selbst zweifelt am Ölberg an allem. Die Bibel schildert diese Szene auch sehr intensiv, wenn Jesus mit sich, seiner Angst vor dem Tod, seinem Vater und seinem Schicksal ringt. "Gethsemane" gehört zu den eindrücklichsten Liedern des Musicals. Jesus ruft: "Willst du das wirklich? Bist du zufrieden, wenn ich sterbe? Ich habe Angst!" Man erlebt seine tiefe Verzweiflung in diesem Moment. Ich liebe dieses Stück wirklich.

    Durften Sie es deshalb neu inszenieren?

    Ich vermute es, ja. Als ich Andrew Lloyd Webber zum ersten Mal anrief und ihm vorschlug, das Stück neu zu inszenieren, war er zunächst zögerlich. "Superstar" war auf der ganzen Welt gespielt worden, hatte unzählige Preise bekommen, war beliebt. "Und Sie wollen es verändern?", fragte Webber mich. "Ja, ein klein wenig", sagte ich. Er musste lachen. Und ich sagte: "Ich möchte es auffrischen, ich möchte, dass die heutigen Zuschauer es mit ihrem persönlichen Lebenshintergrund verbinden können." Das gefiel Webber. Als Tim Rice, der die wunderbaren Texte geschrieben hat, unsere erste Testaufführung sah, kam er sofort hinter die Bühne. Ich wusste gar nicht, dass er da gewesen war. "Ich brauche was zum Schreiben", sagte er sofort. Wir hatten nur einen Briefumschlag, den wir ihm gaben. Er holte einen Stift und sagte: "Ich habe diese eine Textpassage immer schlecht gefunden!" - und dann textete er die Passage vor unseren Augen um. Also bauten wir seine neuen Texte sofort im zweiten Akt ein. Ich durfte auch an einigen Stellen die Musik verändern, ich habe zum Beispiel Musik gestrichen, die früher während Umbauzeiten gespielt wurde. Unser heutiges Publikum will keine langen Umbauten mehr im Theater. Wir sind durch Film und Fernsehen an schnelle Schnitte gewöhnt, und deshalb habe ich dafür gesorgt, dass "Superstar" schneller geschnitten wurde. Und die Reaktionen des Publikums zeigen mir, dass ich richtig lag.

    Wir können zusammenfassen: Die Zuschauer mögen Ihre Inszenierung ...

    Das tun sie.

    Andrew Lloyd Webber und Tim Rice, die beiden Autoren, mögen Ihre Version ...

    So ist es.

    Würde Jesus Ihr Musical lieben?

    (lacht auf) Das ist eine sehr gute Frage. (wird nachdenklich) Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht. Jesus, der Zimmermann, würde das Musical mögen. Jesus, der Lehrer, würde es mögen. Jesus, der Mystiker? Ich weiß es nicht. Die Unsicherheit, die Menschlichkeit Jesu ist ein starker Bestandteil des Musicals. Und wenn nur eine winzige Winzigkeit von Eitelkeit in Jesus steckt, dann müsste er mit dem Kopf schütteln und sagen: "Jungs, ich schaue nicht in jeder Szene optimal aus." Und so wie ich Andrew Lloyd Webber und Tim Rice kenne, würden sie dann sagen: "Ja, Jesus, wir lassen dich menschlich aussehen. Wir zeigen, wie nahe du bei den Menschen warst. Wie sehr du dich auf sie eingelassen hast." Und wissen Sie, was Jesus garantiert auch kritisieren würde? Dass das Musical zu wenig weibliche Figuren hat. Und da würde ich ihm zustimmen. Das ist ein Fehler des Neuen Testaments, dass es zu wenig Wert auf die Frauen gelegt hat.

    Das schreit doch eigentlich nach "Jesus Christ Superstar Teil 2", oder?

    Da sagen Sie was! "Erleben Sie jetzt, wie es mit Maria Magdalena nach Jesu Tod und Auferstehung weiterging!" Ich würde Geld für so ein Musical bezahlen.

    Ich auch.

    Dann würde Webber bereits zwei Tickets verkaufen. Ich denke, dass ich ihm das Projekt beim nächsten Treffen vorschlagen kann.

    Bob Tomson hat sich dafür eingesetzt, dass „Jesus Christ Superstar“ eine zeitgemäße Neuinszenierung bekommen hat.
    Bob Tomson hat sich dafür eingesetzt, dass „Jesus Christ Superstar“ eine zeitgemäße Neuinszenierung bekommen hat.

     

    Weitere Infos:

    Biografie: Bob Tomson kann auf eine vielseitige Karriere zurückblicken, in der er neben seinen Regiearbeiten auch als Schauspieler, als Autor für Bühne und Fernsehen sowie als Dozent im Fach Schauspiel aktiv war. Er inszenierte unter anderem „James and the Giant Peach“, „Jesus Christ Superstar“, „Evita“ sowie „Oliver!“. Seine Produktion „Blood Brothers“ gewann sämtliche britische Auszeichnungen als bestes Musical und wurde dreifach für die Olivier Awards nominiert.
    Live zu sehen ist „Jesus Christ Superstar“ vom 22. bis 27. März in der Alten Oper Frankfurt. Infos unter www.jesus-christ-superstar-musical.de. Tickets gibt es im Internet unter www.rhein-zeitung.de/tickets. Das Musical erzählt die letzten Tage des Lebens Jesu aus dem Blickwinkel des Judas.

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