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    Interview mit Bettina Belitz: Lieber Licht als Schatten

    Wir treffen die Westerwälder Fantasyautorin Bettina Belitz zum Interview. Ein Gespräch über Spinnenangst, dramatische Liebesbeziehungen und darüber, warum die Flucht in fantastische Welten keine Lösung sein kann.

    Die Westerwälder Jugendbuchautorin Bettina Belitz erlangte mit ihrer „Splitterherz“-Trilogie bundesweit Bekanntheit. Seitdem hat sie zahlreiche Romane veröffentlicht; viele davon sind dem Fantasygenre zuzuordnen. Foto: Anja Wechsler
    Die Westerwälder Jugendbuchautorin Bettina Belitz erlangte mit ihrer „Splitterherz“-Trilogie bundesweit Bekanntheit. Seitdem hat sie zahlreiche Romane veröffentlicht; viele davon sind dem Fantasygenre zuzuordnen.
    Foto: Anja Wechsler

    Frau Belitz, die Medienwelt ist Ihnen ja bestens vertraut, denn Sie haben vor Ihrer Karriere als Fantasy-Autorin lange als Journalistin gearbeitet. Vor einigen Monaten haben Sie sich dazu entschieden, sich der Nachrichtenwelt zu verweigern. Wie konnte es denn so weit kommen?

    Naja, verweigern wäre übertrieben. Ich wollte mir mal eine nachrichtenfreie Phase gönnen, mal gucken, wie ist das. Lüftet sich dadurch was, entsteht da mehr Raum, wie geht’s mir damit? Mir fällt auf, dass in den Medien sehr viel mit Angst gearbeitet wird. Die Menschen springen ja auch drauf an. Es ist ein gesellschaftliches Phänomen, dass Eleos und Phobos, Furcht und Schrecken, wie schon im griechischen Drama, das Interesse stärker zu binden scheinen als die lichtvollen Geschichten. Ich glaube aber, dass wir die im Moment sehr nötig haben. Denn es sind doch recht anstrengende, dunkle Zeiten, und wenn man die Leute immer nur mit mehr Dunkelheit versorgt, dann wird es immer schwieriger, dahin zu schauen, wo es hell ist und wo man sich Kraft holen kann. Das vermisse ich in den Nachrichten allgemein. Ich würde mich über mehr positive Nachrichten freuen.

    Hand aufs Herz: Ist Ihnen die fantastische Welt lieber als die reale?

    (energisch) Nee. Ich bin auch überhaupt kein Freund von dieser Fluchtbewegung in der Jugendliteratur. Das gibt’s ja tatsächlich, diesen Eskapismus junger Mädchen, die sich in Bücher flüchten. Natürlich ist es ab und zu einfach so, dass man die Nase vom Alltag voll hat und sich mit einem Roman aufs Sofa verkrümelt und in eine andere Welt eintaucht. Aber es bedrückt mich zu sehen, dass manche Leserinnen nach dem Beenden des Buches gar nicht mehr in ihr eigenes Leben zurückwollen und sich nach dem Leben im Buch sehnen. Ich versuche die Leute immer mit meinen Büchern zu sich selbst zu holen. Das mögen manche nicht, denn ich ermögliche ihnen die Flucht in das Buchgeschehen nicht langfristig, sondern erinnere sie immer wieder an die Liebe zu sich selbst und an ihr eigenes Leben. Keiner hat etwas davon, wenn er sich suchtartig in einer Fantasywelt verliert und sich von Freunden oder Familie entfernt.

    Die Liebesbeziehungen in Ihren Romanen sind stets recht tragisch. Brauchen Sie auch in Ihren eigenen Beziehungen einen guten Schuss Drama?

    (lacht) Nein, nicht mehr. Ich muss gestehen, dass ich als Jugendliche gedacht habe, eine Beziehung muss ein bisschen melodramatisch sein, damit man überhaupt von Liebe sprechen kann. Aber den Zahn habe ich mir zum Glück gezogen. Es gibt ja diese Beziehungen, die sich nur dadurch am Leben erhalten, dass immer ein riesiger Spannungsbogen da ist, sodass man sich streitet und versöhnt, streitet und versöhnt … Heute suche ich Frieden, ich bin weg von dem Gedanken, dass Leid einen selbst oder eine Beziehung interessant macht. Es geht doch darum, gemeinsam eine schöne Zeit zu erleben und sich gegenseitig zu unterstützen.

    Im ersten Band der Splitterherz-Trilogie wird die Protagonistin Ellie von einer oftmals diffusen Angst, aber auch von einer konkreten Furcht - einer Spinnenphobie - geplagt. Ist Angst für Sie ein Thema? Wann hatten Sie zum letzten Mal Angst?

    Hatte ich heute schon mal Angst? (lacht) Ich glaube noch nicht. Aber angstfrei ist kein Mensch. Ich glaube, wir alle haben Ängste, und jeder von uns, der in eine Strömung im Meer gerät, dem Feuer zu nahe kommt oder mit einer tödlichen Krankheit konfrontiert wird, kriegt irgendwann in seinem Leben Angst. Kritisch wird es erst, wenn man sich davon so sehr beherrschen lässt, dass man im Alltag eingeschränkt ist. Ich hatte früher wahnsinnige Spinnenangst, das habe ich ja auch in "Splitterherz" einfließen lassen. Ich wusste bei denen einfach nie, wo vorn und hinten ist und ob sie mich angreifen. Gerade diese Kellerspinnen, die so schnell rennen, fand ich ganz schlimm. Und irgendwann musste ich mich meiner Angst stellen. Ich war mit meinem Sohn allein in der Wohnung und wollte nicht, dass sich die Angst auf mein Kind überträgt, und dann hab ich ein wenig geschauspielert und gesagt "Och guck mal die Spinne" und so getan, als sei das was Schönes. (lacht) Ich habe mir einen Spidercatcher besorgt, mit dem man die Spinnen bei lebendigem Leib raussetzen kann, und das immer wieder trainiert. Bei meiner Phobie hat mir der Humor sehr geholfen. Er ist ein genialer Angstlöser.

    Große Teile Ihrer "Splitterherz"-Trilogie spielen im Westerwald, wo Sie seit einigen Jahren wohnen. Die Westerwälder Figuren kommen ein wenig ländlich-schrullig, doch stets liebenswert daher. Bekommen Sie von den Westerwäldern Feedback zu Ihren Romanen?

    Ich habe das Gefühl, dass die Menschen, die so direkt um mich herum sind, meine Bücher gar nicht lesen oder nicht darüber sprechen. Ich bekomme viel Post von außen. Doch in meinem Dorf bin ich einfach eine Frau, die mit ihrem Kind da wohnt, und nicht die Autorin. Das finde ich schön. Kritik vonseiten der Westerwälder ist mir bisher noch nicht entgegengebrandet. Vielleicht behalten sie die aber auch für sich. (lacht)

    In Ihrem neuesten Roman "Diamantkrieger-Saga. Damirs Schwur" geht die Protagonistin Sara einen Deal mit der Unterwelt ein und trifft dort auf Kriminelle, Prostituierte und Drogensüchtige. Haben Sie in schmuddeligen Bahnhofsvierteln recherchiert?

    Ich habe im Internet recherchiert. Natürlich kriegt man aber auch einiges mit, wenn man zum Beispiel mit der Bahn fährt und unterwegs umsteigt. Der Frankfurter Hauptbahnhof ist ein sehr spezielles Erlebnis. Ich habe viel zur Frankfurter Drogenszene recherchiert. Im Buch ist ja auch von Crystal die Rede, einer Droge, die den Menschen sehr schnell entstellt, zerfrisst und süchtig macht. Die Drogensucht symbolisiert im Roman die dunklen Schatten im Menschen, diese emotionale Abhängigkeit, unter der viele leiden.

    Hat denn das Verbotene, Gefährliche in Ihrem Leben je einen Reiz auf Sie ausgeübt?

    Selten. Es war mir immer bewusst, dass Drogenerlebnisse etwas Künstliches sind. Ich wusste, dass das nichts ist, das aus mir selbst kommt, und da ich schon so eine rege Fantasie hatte, wollte ich nicht noch mehr davon. Meine Eltern hatten zwar ab und zu Befürchtungen, wenn ich beim Schreiben in meine Bücher abgetaucht bin, und haben sich manchmal gefragt, ob ich Drogen nehme, aber das hatte für mich nie eine Anziehungskraft.

    Gerade erschien der zweite Band der "Diamantkrieger"-Saga, "La Lobas Versprechen". Sind Sie an Erscheinungstagen aufgeregt?

    Auf jeden Fall. Schon ein paar Tage vorher schlafe ich nachts nicht mehr tief, wache manchmal auf, sehe das Buch vor mir, und dann kommt so eine freudige Anspannung in mir auf. Es ist immer wieder aufregend. Man weiß ja nie, wie das Buch da draußen ankommt. Das ist eine besondere Zeit.

    Haben Sie ein bestimmtes Ritual?

    Ja, und zwar dekoriere ich das Buch auf der Kommode in meinem Flur. Wenn ein neues Buch rauskommt, bin ich immer so glücklich, wenn ich es in den Händen halten kann, dann stelle ich das immer dahin und arrangiere noch was farblich Passendes drumrum, und die ersten paar Wochen darf es dann da stehen.

    Schleichen Sie sich in Buchhandlungen und stellen Ihre Bücher heimlich in den vorderen Teil des Regals?

    Nee, das traue ich mich nicht. Ich fasse die meistens gar nicht an. Aber ich sehe nach, ob sie überhaupt da stehen, denn es ist ja nicht so, dass sie in jeder Buchhandlung vertreten sind. Es gibt inzwischen Ketten, die wirklich nur noch die Bestseller kaufen, und da kann man froh sein, wenn man dort überhaupt ein Buch von sich findet. Ich freue mich immer, wenn ich eines entdecke, und finde es auch interessant, welche meiner Bücher die Händler kaufen und wo sie platziert werden.

    Zum Abschluss noch eine philosophische Frage: Im "Zeitmagazin" gab es kürzlich ein Essay zum Thema: "Muss man Bücher zu Ende lesen, auch wenn sie einen langweilen?" Wie stehen Sie dazu?

    Auf keinen Fall muss man Bücher zu Ende lesen. Ich habe damals "Die Brechtrommel" (korrigiert sich lachend) "Blechtrommel" in die Ecke geschmissen, weil mich das Buch so abgestoßen hat, und ich finde, das darf man auch tun. (überlegt kurz) Nee, man muss kein Buch zu Ende lesen. Man muss auch meine Bücher nicht zu Ende lesen, man darf meine Bücher auch nicht leiden können. Bücher sind ein Hobby und sollen Spaß machen. Und wenn sie das nicht tun, dann weg damit.

    SILKE BAUER

    Die Autorin

    Biografie: Bettina Belitz, an einem sehr sonnigen Spätsommertag 1973 beinahe in einer Heidelberger Bäckerei zur Welt gekommen, wuchs zwischen unzähligen Büchern auf und verliebte sich schon früh in die Magie der Buchstaben. Lesen alleine genügte ihr dabei nicht – nein, es mussten auch eigene Geschichten aufs Papier fließen. Nach dem Studium der Geschichte, Literaturwissenschaft und Medienwissenschaft arbeitete Bettina Belitz als Redakteurin und Freie Journalistin, bis sie ihre Leidenschaft aus Jugendtagen zum Beruf machte. Heute lebt sie zusammen mit ihrem achtjährigen Sohn, umgeben von Pferden, Schafen, Katzen und Hühnern als freie Autorin in einem 400-Seelen-Dorf im Westerwald und tankt auf dem Pferd oder beim Meditieren neue Energien. Mehr Infos gibt es unter www.bettinabelitz.de oder bei Facebook unter www.facebook.com/bettinabelitz.

    Videointerview mit der Autorin:

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