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    Guido Knopp: Der Geschichte-Erzähler

    Wir treffen den bekanntesten Fernsehhistoriker Deutschlands zum Interview. Guido Knopp begrüßt charmant, plaudert über alte Mainzer Zeiten. Was sofort auffällt: Knopp spricht auch beim Smalltalk druckreif und mit einem beeindruckenden Wortschatz. Natürlich geht es auch bei unserem Interview um alte Zeiten – und um Knopps neue Phoenix-Serie zum RAF-Terror.

    Guido Knopp hat mit seinem so unverwechselbaren wie umstrittenen Stil das Geschichtsfernsehen geprägt. Er blickt gern zurück – sei es in die Nazizeit oder bei seinem aktuellen Projekt auf den RAF-Terror.
Fotos: Phoenix/ARD
    Guido Knopp hat mit seinem so unverwechselbaren wie umstrittenen Stil das Geschichtsfernsehen geprägt. Er blickt gern zurück – sei es in die Nazizeit oder bei seinem aktuellen Projekt auf den RAF-Terror. Fotos: Phoenix/ARD

    Von unserem Journalchef Michael Defrancesco

    Man hört immer wieder, dass wir aus der Geschichte lernen sollen. Glauben Sie, dass wir das wirklich tun?

    Nehmen wir als Beispiel die Hitlerzeit, weil ich mich mit ihr sehr intensiv beschäftigt habe. Man kann daraus lernen, dass dies nie wieder geschehen darf. Wir rufen diese Zeit mit modernen Medien und dank Zeitzeugen den heutigen Menschen ins Gedächtnis. Es ist wichtig, auch emotionale Erinnerungen wachzurufen und nicht nur abstraktes Geschichtswissen zu vermitteln. Wir als Nachkriegsgeborene sind nicht verantwortlich für das, was zur Hitlerzeit geschehen ist. Aber wir sind verantwortlich dafür, dass dieses Grauen nicht vergessen wird. Und dass es sich nicht wiederholt - insofern kann man aus der Geschichte lernen.

    Kann man nur aus der eigenen Geschichte lernen?

    Das ist ein sehr interessanter Punkt. Ja, man lernt nur aus der eigenen Geschichte! Offenbar haben es die Völker nicht verstanden, aus der Geschichte anderer Völker zu lernen. Genozide gab es nach dem Zweiten Weltkrieg weiter - man hat nicht aus unserem Genozid gelernt. Aber immerhin haben wir Deutschen daraus gelernt, das ist auch schon einmal ein Fortschritt. Bei uns nie wieder!

    Was empfinden Sie, wenn Sie in die Vergangenheit blicken?

    Es ist bewegend, ins 20. Jahrhundert zurückzublicken. Ich teile es ein in zwei große Hälften: Die erste Hälfte von 1914 bis 1945 ist die Zeit des Krieges, des großen Weltenbrandes. Die zweite Hälfte ist die Zeit des Kalten Krieges, in dem sich die Sieger des Weltenbrandes feindlich einander gegenüberstehen. Dass wir diese Zeit der Kriege zum Ende des 20. Jahrhunderts überwunden hatten, das ist eine Gnade der Geschichte.

    Sie stützen sich in Ihren Filmen stets auf die Aussage von Zeitzeugen - das hat Ihnen auch immer wieder viel Kritik eingebracht.

    Für die Aufarbeitung der Geschichte sind Zeitzeugen unglaublich wichtig. Man darf sich nicht allein auf sie stützen; Akten, Dokumente, Quellen, Recherche sind die objektive Basis. Aber die subjektive Ergänzung durch persönliche Erinnerungen macht den Film erst spannend.

    Aber Zeitzeugen können sich irren.

    Man sagt: "Der größte Feind des Historikers ist der Zeitzeuge." (schmunzelt) Das ist in der angelsächsischen Welt ganz anders - dort spielt der Zeitzeuge in der Wissenschaft eine ganz große Rolle. Wenn man ihn wissenschaftlich betreut, gut befragt und auch die Inhalte damit vergleicht, was man aus Dokumenten und Quellen weiß, dann ist die Erinnerung unverzichtbar. Ob sie wahr ist, kann man ja wunderbar überprüfen. Die Geschichte ist kalt, die Erinnerung ist warm - das ist ein dialektisches Prinzip. Beides gehört zusammen. Wir haben vor einigen Jahren eine Zeitzeugen-Sammlung begonnen, 8000 Interviews vor der Kamera vom Ersten Weltkrieg bis zum Fall der Mauer und noch weiter. Da kommen Perlen zum Vorschein, an die man durch reines Aktenstudium nicht herankäme. Auch bei meiner aktuellen Reihe zum RAF-Terror haben wir dank Zeitzeugen Mosaiksteinchen bekommen, die wir zu einem sehr erkenntnisreichen und teils neuen Bild zusammensetzen können.

    Sie werben sehr publikumswirksam damit, dass es in Sachen RAF noch viele ungelöste Rätsel gibt.

    (schmunzelt) Das mag publikumswirksam sein, aber es ist dennoch ein Fakt. Was wussten die Geheimdienste über den RAF-Terror? Wie fundiert war die Stasi-Verbindung zur RAF? Was war die Rolle des Berliner Verfassungsschutzes, der mittels V-Leuten Waffen und Sprengstoff an die RAF lieferte? Warum sind die entsprechenden Akten heute verschwunden? Da gibt es offene Fragen mannigfacher Art.

    Werden Sie diese Fragen klären?

    Zumindest werden wir diese Fragen benennen. Dazu gehört auch die Frage, warum die Täter der dritten Generation der RAF, die Anfang der 80er aktiv war, nicht namentlich bekannt sind. Warum weiß man über diese Täter nichts? Über die erste Generation rund um Baader-Meinhof dreht man sogar schon Spielfilme.

    Ist das noch Aufgabe des Historikers oder sind Sie da eher Kriminologe?

    (lacht) Manchmal fühle ich mich schon eher als Kriminologe. Ich fühle mich an der Schnittstelle zwischen Historiker und Journalist auch sehr wohl. Das ist der ideale Platz für mich. Ich kann mit den Methoden beider Fakultäten arbeiten!

    Was bei den Historikern ja gern für hochgezogene Augenbrauen sorgt, wenn sie den Namen Guido Knopp hören.

    (schmunzelt) Manche Historiker übersehen den Sachverhalt, dass vieles auch von der Präsentation der korrekten Fakten abhängt, wenn man die Menschen erreichen will. Mancher mag ein 800 Seiten starkes Buch als ideale Präsentationsform ansehen. Ich wähle lieber ein 45-Minuten-Stück im Fernsehen. Natürlich zeige ich in diesen 45 Minuten nur die Spitze des Eisbergs, ich kann nur das präsentieren, was man auch im Fernsehen sichtbar machen kann. Aber wir übersehen deshalb die 90 Prozent des Eisbergs nicht, die unter der Wasseroberfläche sind: Sie sind die Basis unserer Recherchen.

    Jetzt könnte es passieren, dass Ihre RAF-Recherchen zu Ergebnissen kommen, die zu einer Verhaftung führen. Was wäre das für ein Erfolg für einen Historiker!

    Wenn uns das gelänge, dann - dann ... dann machen wir sofort eine Pressekonferenz!

    Damit wäre Ihr Ruf endgültig bei der Wissenschaft ruiniert.

    (lacht) Das mag sein.

    Ahnten Sie, als Sie damals als ZDF-Historienmann begannen, dass Sie mit Ihrem Konzept zum Star werden würden?

    Ich wurde damals gefragt, wer denn meine Zielgruppe wäre. Und ich sagte: Golo Mann und Lieschen Müller. Das ist uns grosso modo gelungen. Mitte der 90er begannen wir, eine neue Stilistik zu kreieren. Im Quotenrausch von mehr als acht Millionen Zuschauern riefen einige in unserem Team: "Who is Spielberg?" (lacht) Bis dahin hatten wir unsere Spielszenen einfach mit Bordmitteln gemacht. Das haben wir nach und nach professionalisiert. Denn Spielszenen in Dokufilmen werden mit der Realität verglichen und sind daher sehr anspruchsvoll. Heute machen das im Übrigen alle, damals waren Spielszenen der Sündenfall schlechthin. Heute ist es völlig normal, dass man mithilfe von Spielszenen das rekonstruiert, wo Originalmaterial fehlt.

    Was können wir daraus lernen, wenn wir uns mit dem RAF-Terror beschäftigen?

    Wir können fragen, aus welchen Gründen die RAF überhaupt aufkam, was ihre Ideologie war. Das war zum Beispiel der Kampf gegen den Kapitalismus. Wenn wir uns das heutige Europa anschauen: Es ist nicht gesagt, dass der Kampf gegen den Kapitalismus wirklich beendet ist.

    Wenn man aus der Geschichte lernen will, muss man sich auch für sie interessieren. Wird es Ihnen da angesichts der jungen Leute nicht angst und bang? Sie sind so mit ihren Smartphones und Snapchat beschäftigt, dass ein politisches Engagement wohl ausgeschlossen ist.

    Ich bin notorischer Optimist und möchte da nicht verzweifeln. Wir haben beispielsweise eine gute Zusammenarbeit mit dem Verband der Geschichtslehrer Deutschlands. Denen haben wir unsere Materialien zur Verfügung gestellt - und ich höre, dass das Feedback sehr gut ist. Ich denke nicht, dass man sich wirkliche Sorgen machen muss. Sie kommen mit der Geschichte durchaus in Kontakt - was auch immer sie dann mit ihrem Wissen anstellen werden.

     

    Populär mit Dokuserien

    Biografie Guido Knopp wurde 1948 im hessischen Treysa geboren. Er studierte Geschichte, Politik und Publizistik. Nach seiner Promotion über die Geschichte von SPD und USPD war er Redakteur bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und Auslandschef bei der „Welt am Sonntag“. 1978 ging Guido Knopp zum ZDF. 1984 gründete er die ZDF-Redaktion „Zeitgeschichte“. Populär wurde er mit Doku-Serien wie „Hitlers Helfer“.
    TV-Hinweis Der Fernsehsender Phoenix setzt dieses Jahr einen Schwerpunkt auf den RAF-Terror. Sendetermine: 24. Juni (40 Jahre Anti-Terror-Gesetze), 4. Juli (40 Jahre Operation Entebbe), 9. Juli (30 Jahre Ermordung Beckurts), 10. Oktober (30 Jahre Ermordung von Braunmühls), 30. November (40 Jahre Haag-Mayer-Papiere).

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