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    Der Retter von Lucky Luke

    Als Morris im Jahr 2001 starb, waren die Fans entsetzt: Würde Lucky Luke nun auch sterben? Nein, er lebt weiter: Der neue Zeichner Achdé hat sein Erbe angetreten. Wir haben mit ihm gesprochen.

    Früher war er Fan, heute darf er seinen Lieblingscartoon selbst zeichnen: Achdé. Der französische Künstler hat das Erbe von Lucky 
Lukes Vater Morris angetreten – zunächst mit Respekt, wie er erzählt, und inzwischen mit großer Begeisterung. Im Interview gewährt er Einblicke in das Leben mit gezeichneten Figuren.<br />Foto: Egmont Comic Collection
    Früher war er Fan, heute darf er seinen Lieblingscartoon selbst zeichnen: Achdé. Der französische Künstler hat das Erbe von Lucky 
Lukes Vater Morris angetreten – zunächst mit Respekt, wie er erzählt, und inzwischen mit großer Begeisterung. Im Interview gewährt er Einblicke in das Leben mit gezeichneten Figuren.

    Foto: Egmont Comic Collection

    Von unserem Journalchef Michael Defrancesco

    Erst einmal ein herzliches Danke, dass Lucky Luke dank Ihnen weiterlebt. Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie den Staffelstab übernehmen durften?

    Es war wirklich ein Kindheitstraum, der wahr wurde. Als ich ein kleiner Junge war, liebte ich Comics und ganz besonders Lucky Luke. Für meine Generation waren Comicstrips das beliebteste Medium! Deshalb liebe ich diese Kunst, deshalb wurde ich selbst ein Comiczeichner. Ich las einfach unzählige Comics, Asterix liebte ich auch.

    Mussten Sie ein Casting durchlaufen?

    Nein. Ich kam Schritt für Schritt dazu. 1998 rief mich ein Freund an, er war Art Director bei dem Verlag, der Lucky Luke in Frankreich herausgibt. Er sagte, dass sie verschiedene Künstler suchen, die Morris, den Vater von Lucky Luke, mit einer Kurzgeschichte ehren. Ich sagte gern zu und zeichnete eine Geschichte von Morris im Wilden Westen, wie er auf seine Figuren trifft. Morris persönlich sah diese Geschichte und mochte sie sehr. Nach einigen Monaten rief er selbst an und bat mich, ein paar Kurzgeschichten über Rantanplan, den Hund, zu machen. Auch dies kam sehr gut an. Es war eine große Ehre. Seit 1985 bin ich professioneller Zeichner, aber dennoch war es für mich so, als würde Mick Jagger einen Profigitarristen anrufen und ihn fragen, ob er mit den Rolling Stones jammen will. (lacht) Morris ist wie Mick Jagger für mich, er ist mein Rockstar.

    Und dann starb Morris auf einmal.

    Ja, das war ein Schock für uns. Wir waren mitten im Rantanplan-Projekt. Und auf einmal fragte mich der Verleger von Lucky Luke, ob ich die komplette Serie als Zeichner übernehmen würde. Ich zögerte zuerst, ich wusste nicht, ob ich das kann. Es ist etwas anderes, Rantanplan für einen kurzen Strip zu zeichnen oder ein komplettes Album von Lucky Luke! Aber schließlich sagte ich zu - und jetzt gehöre ich auch als festes Mitglied zu den Rolling Stones. (lacht)

    Ist Lucky Luke jetzt der Sohn von Achdé?

    Das ist eine gute Frage, aber ich glaube, dass sie nur für die Fans wichtig ist. Den meisten Lesern ist es garantiert egal, wer der Zeichner ist, ob Morris oder ich das tue. Für sie ist einfach Lucky Luke wichtig. Viele kennen wahrscheinlich den Namen des Zeichners auch gar nicht. Für die Leser ist wichtig, dass die Abenteuer weitergehen und dass sich nichts ändert. Für mich persönlich ist es wichtig, dass Lucky Luke weiterhin der Sohn von Morris ist und dass ich in seinen Fußstapfen bleibe. Natürlich entwickele ich die Figur liebevoll weiter, und dabei kommt dann auch meine Persönlichkeit dazu.

    Zeichnen Sie immer noch per Hand?

    (entsetzt) Natürlich! Natürlich! Jede Zeichnung mache ich per Hand. Es wäre auch eine absurde Vorstellung für mich, den Computer zu nutzen. Wenn Sie wüssten, wie ich mit einem Computer umgehe, dann wüssten Sie, dass sich diese Frage gar nicht stellt für mich. (lacht) Ich und ein Computer? Unmöglich. Unmöglich. Ich und eine Maschine - das sind zwei Welten.

    Mussten Sie den Stil von Morris erst studieren?

    Ja. Ich kann und darf ja seine Welt, die er geschaffen hat, nicht ändern. Morris zeichnete in einem Stil, der an die großen Kino-Western erinnert, besonders an die Italo-Western. Das macht den speziellen Charme seiner Zeichnungen aus. Dazu kommen sein unglaublicher Witz und seine Detailliebe - darin sind wir uns glücklicherweise sehr ähnlich.

    Kennen Sie den Wilden Westen von eigenen Urlauben?

    (lacht) Den Wilden Westen von Lucky Luke wird man nur schwer in der Realität finden, dort fließen zahlreiche Einflüsse zusammen. Vieles ist auch einfach eine Verklärung, eine Vorstellung von einem guten, alten Wilden Westen, wie wir ihn genießen. Ich finde Inspiration, wenn ich an ganz einsamen Orten bin - wenn ich diesen Geist behalte und in den Zeichnungen einfange. In den USA ist vieles heute so touristisch - das stört mich eher. Ich muss beim Zeichnen darauf achten, dass ich den Kino-Western-Stil beibehalte, das ist das, was die Leser haben wollen. Manchmal nervt mich das ehrlich gesagt, ich würde gern andere Umgebungen zeigen und das Setting verändern. Wenn es mir durchgeht, dann wähle ich spanische oder französische Namen für die Orte - immerhin das kann ich ändern. (lacht) Denn das entspricht der Realität: Die USA sind ein Land, das von Einwanderern geprägt wurde, von Europäern, von Franzosen.

    Das scheinen viele heute vergessen zu haben.

    Hören Sie auf, wenn ich mir das Gerede von Donald Trump anhöre, wird mir ganz schlecht. Die USA leben von diesem Mischmasch aus verschiedenen Kulturen! Das macht sie aus! Als George Bush einmal gegen die Immigranten wetterte, fand jemand heraus, dass seine Familie ursprünglich aus Frankreich stammte. (lacht schallend)

    Da können Sie ja tatsächlich politische Spritzer in die Comics einfließen lassen.

    (lacht) Genau das tue ich. Ich bin gern politisch und noch lieber politisch unkorrekt. Und immer wieder kann ich ein paar Witze und politische Anspielungen einbauen, die mir selbst den größten Spaß machen. Lucky Luke ist ein Cowboy, er ist eine freie Seele, er hat ein großes Gerechtigkeitsempfinden. Aber er weiß: Recht und Gerechtigkeit sind nicht immer dasselbe. Für ihn ist das wichtigste, dass Menschen wirklich glücklich sind.

    Ihr Kollege Uderzo hat viele Fans unglücklich gemacht, als er in den jüngeren Asterix-Bänden immer verrücktere Dinge tat. Da landeten auf einmal Außerirdische im gallischen Dorf. So etwas blüht uns bei Lucky Luke nicht, oder?

    (lacht) Nein, ich werde in den Fußstapfen von Morris bleiben und keine Außerirdischen landen lassen. Aber wer weiß, ob Morris selbst noch so eine Idee gehabt hätte, wenn er noch leben würde! Ich für mich möchte die Alben zeichnen, die ich auch selbst lesen würde. Ich bin mehr Leser als Zeichner. Und ich liebe die Geschichten von Morris wirklich und habe gar kein Interesse daran, irgendeine abseitige Veränderung zu machen. Man darf ja auch nicht vergessen, dass Goscinny, der Texter von Asterix, auch der erste Texter von Lucky Luke war! Er hat beide Comicreihen sehr geprägt und wesentliche Weichen gestellt. Lucky Luke ist eine Mischung aus Goscinny und Morris, auch wenn Morris der Vater ist. Goscinny hat Lucky Luke seine Seele gegeben.

    Dann noch eine wichtige Frage: Wird Lucky Luke der einsame Cowboy bleiben oder wird er eine Frau bekommen?

    Lucky Luke soll eine Frau heiraten? (lacht auf) Unmöglich. Uderzo war sehr mutig, er hat versucht, Asterix und Obelix eine Frau zu geben. Morris hat in den 80ern einmal eine Geschichte geschrieben, "Die Verlobte von Lucky Luke". Es ging um den Unterschied von Ost- und Westamerika: Im Westen gab es nur Männer und keine Frauen, und im Osten zu viele Frauen und keine Jungs. Also setzte eine ganz spezielle Völkerwanderung von West nach Ost ein. Aber wie wir wissen, hat sich Lucky Luke nicht verheiratet.

    Würden Sie es ihm nicht wünschen?

    Lassen Sie mich überlegen: Nein! Stellen Sie sich mal vor: Lucky Luke hat gerade ein anstrengendes Abenteuer erlebt, die Daltons mal wieder eingefangen und hinter Schloss und Riegel gebracht und Ordnung im Wilden Westen geschaffen - dann kommt er nach Hause, und dort wartet seine Frau auf ihn? Wie würde solch eine Begrüßung aussehen? "Hallo Schatz, wo warst du die vergangenen sechs Monate? War Jolly Jumper brav?" Und er: "Hi Darling, was gibt es zu essen heute Abend?" (lacht schallend) Nein, das wollen Sie nicht wirklich lesen.

    Und er könnte nicht so schön allein in den Sonnenuntergang reiten.

    Exakt. Das ist übrigens auch eine Verneigung vor dem Kino! Der klassische Filmheld ist immer allein, hat niemals Angst, und er strotzt vor Gerechtigkeitssinn. Das ist ein Filmheld à la Hollywood. Wenn er eine Frau und Kinder hätte, müsste er sich um sie sorgen - das passt nicht zu einem klassischen Helden. Natürlich ist es ulkig, ihm ab und zu mal einen Flirt zu gönnen. Das sorgt für Pfeffer in der Story. Aber am Ende muss die Frau leider wieder verschwinden, und Lucky Luke ist ehrlich gesagt auch froh darüber. Und noch etwas anderes: Der Comic wird zwar meistens von Erwachsenen gelesen, aber auch Kinder lesen ja Lucky Luke! Und wenn er eine echte Liebesbeziehung hätte, dann stünde ich vor der Herausforderung, wie ich Zärtlichkeiten, Liebe und vielleicht sogar Sex darstelle, ohne Kinder zu verschrecken. Nein, Lucky Luke bleibt schön Single.

     

    Wissenswertes:

    Achdé, bürgerlich Hervé Darmenton, wurde 1961 in Lyon geboren. Sein Künstlername Achdé leitet sich von der französischen Aussprache der Initialen seines Namens ab. Seit Morris’ Tod zeichnet er die Alben der Reihe „Lucky Luke“. Schon als Kind zeichnete er Comics, doch nach der Schule studierte er zunächst in Montpellier und wurde Röntgenspezialist. Im Wartezimmer des Krankenhauses und im Röntgenzimmer ließ er seine Zeichnungen herumliegen, die die Patienten entspannen, ja sogar lachen ließen. In Nimes schloss er sich einem kreativen Studio und bald darauf einer Werbeagentur an und veröffentlichte Zeichnungen in der regionalen und landesweiten Presse.
    Lucky Luke gehört zu den großen Klassikern der Comicliteratur. Sein geistiger Vater und Schöpfer Morris zeichnete schon 1949 die erste Geschichte mit ihm in der Hauptrolle. Er ist also im „besten Alter“ – allerdings sieht er bedeutend jünger aus und fühlt sich auch so. Unterstützung findet er bei seinem treuen Pferd Jolly Jumper.

    RZ-Interview der Woche
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