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    Béla Réthy: Die Stimme des Fußballs

    Wer Fußball mag, der kennt seine Stimme: Béla Réthy ist einer der bekanntesten Fußballkommentatoren des Landes. Wir haben ihn in Köln zum Interview getroffen.

    Große Endspiele und legendäre Momente wie das 7:1 Deutschlands gegen Brasilien: Fußballkommentator Béla Réthy hat mehr als 300 Livespiele für das ZDF kommentiert. Der gebürtige Wiener mit ungarischen Wurzeln wuchs in Brasilien auf und kam als Kind nach Deutschland – auch an diese Zeit erinnert er sich im Interview mit uns.<br />Foto: ZDF
    Große Endspiele und legendäre Momente wie das 7:1 Deutschlands gegen Brasilien: Fußballkommentator Béla Réthy hat mehr als 300 Livespiele für das ZDF kommentiert. Der gebürtige Wiener mit ungarischen Wurzeln wuchs in Brasilien auf und kam als Kind nach Deutschland – auch an diese Zeit erinnert er sich im Interview mit uns.

    Foto: ZDF

    Von unserem Journalchef Michael Defrancesco

    Wenn Sie jemand fragt, was Sie beruflich machen – was sagen Sie dann?

    Ich sage dann, dass ich Sportjournalist bin. Ich mache ja nicht nur Livereportagen, sondern ich drehe auch diverse Filme. Früher habe ich auch ganze Produktionen geleitet, die Vierschanzentournee oder die Tour de France zum Beispiel.

    Ah. Ich dachte schon, dass Sie als Fußballkommentator ja mehr frei haben als Lehrer.

    Das ist ein Gerücht, mit dem man sofort aufräumen sollte! (schmunzelt) Ich kann mich ja auch nicht einfach in die Kommentatorenkabine setzen und drauflosreden. Die Spiele müssen vorbereitet werden. Wenn ich zum Beispiel das Champions-League-Spiel Gent gegen Wolfsburg kommentiere, dann ist das schwieriger, als wenn Barcelona gegen Bayern spielt. Ich kenne Gent als Mannschaft nämlich nicht, also muss ich mir zum Beispiel Videos von ihren Spielen anschauen. Ich werde mich sehr intensiv vorbereiten, schließlich möchte ich kompetent berichten.

    Denken Sie beim Kommentieren?

    Man sollte auch als Fußballkommentator nicht das Gehirn auf der Arbeit ausschalten. Ich denke schon, aber ich muss das Gedachte auch sofort sagen. Der Weg zwischen Hirn und Zunge darf nicht zu viele Umleitungen und Baustellen haben – es überwiegt das intuitive Denken.

    Sie sollen auch nicht nur kommentieren, sondern auch analysieren.

    Richtig. Ich muss ja auch nicht ständig reden. Manchmal bin ich einen Moment ruhig, schaue mir das taktische Geschehen auf dem Platz unten an, analysiere es rasch im Kopf und rede dann darüber. Ab, raus damit. Das geht schon, das ist mein Beruf! Das habe ich gelernt.

    Sie haben eine Menge Fans, aber auch nicht wenige Kritiker. Wie gehen Sie mit denen um?

    Die Kritik muss man sich erst mal verdienen! (lacht) Ich habe mit Kritik kein Problem. Nur damit, wie sie heutzutage geäußert wird. Früher war es üblich, dass man miteinander diskutiert hat, Argumente ausgetauscht hat, man hat zugehört und konnte auf den anderen reagieren. Wenn ich heute meine Kritiken lesen, vornehmlich im Internet, dann finde ich dort kein einziges Argument, auf das ich eingehen könnte. Und das ist für mich als Menschen, der nicht nur beim Reportieren, sondern auch sonst gern denkt, schwierig. Es stellt sich immer mehr heraus, dass die sozialen Netzwerke und die Möglichkeit, alles meist anonym zu kommentieren, zu einer Verrohung der Gesellschaft geführt haben. Damit haben wir uns keine Freude gemacht, und ich rechne damit, dass wir als Gesellschaft mit diesen Problemen noch viel mehr kämpfen werden, als wir dies jetzt schon tun. Ich habe gelernt, dass man niemanden hassen soll, sondern dass man sich mit ihm kritisch auseinandersetzen soll. Man muss ja nicht jeden mögen. Aber Hass schien aus dem Vokabular gestrichen zu sein. Jetzt haben wir mit dem Wort "Hater" sogar einen offiziellen Begriff: Hasser. Das ist nicht schön.

    Wenn jemand sagt: "Stellt dem Réthy den Ton ab", dann will er sie de facto arbeitslos machen.

    Und wenn man den Ton ausstellt, dann kann man ja auch gar nicht beurteilen, was ich rede. Dann könnte man mich streng genommen auch nicht mehr "haten". Das ist alles völliger Schwachsinn. Gut, es gibt Sender, die die Option "nur Stadionton" anbieten. Aber die Erfahrung zeigt, dass doch die meisten Menschen den Kanal wählen, auf dem ein Kommentator zu hören ist. Es gehört ja auch zur Dienstleistung dazu, dass man sich an mir und meinen Kollegen reibt! Das ist ja gar nicht das Problem. Zu einem richtig schönen Fußballspiel gehört auch dazu, dass man zu Hause ruft: "Was redet der Réthy da für eine Scheiße!" Das sind aber keine Hater, sondern das ist normal, und das muss so sein. Gleichzeitig machen wir Kommentatoren alle einen hochprofessionellen Job! Zu 99 Prozent stimmen unsere Kerninformationen, stimmt unsere Einschätzung. Natürlich machen wir Fehler, wir sind keine Roboter. Und die Leute wollen diese Infos auch haben, wenn sie ehrlich sind: Sie wollen Hintergründe zu den einzelnen Spielern, zu den Vereinen, sie wollen taktische Informationen und Einordnungen.

    Schwelgen Sie zu Hause gern in Erinnerungen? Sie haben zahlreiche Endspiele kommentiert und auch das legendäre 7:1 der Deutschen gegen Brasilien. Nerven Sie Ihre Freunde schon?

    (lacht) Das Gegenteil ist der Fall. Ich bin es, der dauernd angesprochen wird: "Erzähl doch noch mal, wie war das damals beim 7:1 gegen Brasilien! Wie war dein Tag? Wie war dein Abend?" Das habe ich schon 100-mal erzählt. Ich habe diese Spiele alle abgehakt, dazu bin ich viel zu sehr in meiner Arbeit drin. Mein Blick geht aufs nächste Spiel, auf die nächste Vorbereitung. Wenn ich mal in Rente bin, dann werde ich alle Erinnerungen herauskramen.

    Haben Sie Hobbys außer Fußball?

    Ich reise gern und lerne gern fremde Städte und Kulturen kennen. Schon als Kind bin ich viel herumgekommen, das hat mich tolerant gemacht. So etwas muss man sich erarbeiten! Reisen öffnet den Kopf, und ich bin stolz darauf, dass meine Kinder auch sehr weltoffene Menschen geworden sind. Insofern haben sie von meinem Beruf profitiert, auch wenn ich öfter mal nicht zu Hause war. Ansonsten liebe ich ein gutes Glas Wein und gutes Essen. Ich schätze den Müßiggang.

    Sie sind Wiener mit ungarischen Wurzeln und in Brasilien aufgewachsen.

    (lacht) Ich habe meine Eltern immer gefragt, was wir eigentlich sind! Mit elf Jahren kam ich erst nach Deutschland. Heimat ist für mich da, wo Menschen sind, die ich lieb habe. Wenn das stimmt, könnte ich überall leben. Ich weiß noch, dass ich 1968, als wir nach Deutschland kamen, mit offenen Armen empfangen wurde. Ich war ein Exot in der Schule, weil ich kein Deutsch konnte, ich sprach Portugiesisch und Ungarisch. Aber nach einem halben Jahr ging das. Damals waren alle sehr neugierig auf Brasilien, das Land, aus dem ich kam. Niemand kannte es oder hatte es bereist. Ich war sofort integriert damals, wurde von Klassenkameraden eingeladen.

    Sie sprechen sechs Sprachen, habe ich gelesen.

    Nun ja, in Abstufungen. Vier kann ich fließend, in zwei Sprachen würde ich zumindest nicht verhungern.

    In welcher Sprache träumen Sie?

    Deutsch.

    Die beste Sprache zum Fluchen?

    Ungarisch. Wie ein Bierkutscher. (lacht) Leider lebt mein Vater nicht mehr, der konnte das wie kein Zweiter.

    Und wenn Sie romantisch sind?

    Dann rede ich Italienisch.

    Zum Kommentieren?

    Deutsch natürlich. Ich könnte mit ein bisschen Übung auch auf Ungarisch oder Portugiesisch kommentieren.

    Jetzt geht der Blick so langsam zur Fußball-EM nach Frankreich. Sie kommentieren das Endspiel?

    Das überträgt die ARD, insofern fällt das für mich aus. Aber ich bin kein Mensch, der den Hals nicht voll bekommt. Ich habe mehr als 300 Livespiele kommentiert und so viel Schönes erlebt!

    Wer macht die Dienstpläne?

    Unsere Sportredaktion. Die teilt ein, wer welches Spiel kommentiert.

    Und dann wird auf dem Flur getauscht. "Mein Viertel- gegen dein Halbfinale"?

    Ah, da sind wir alle sehr entspannt. Natürlich kann man auch noch mal mit dem Chef über die Verteilung sprechen. (lacht)

    Beschäftigen Sie sich mit dem Thema Terrorgefahr?

    Ich war zur EM-Auslosung Anfang Dezember in Paris und bin mit einem beklommenen Gefühl angereist. Aber ich habe gesehen, dass das Leben in Paris ganz normal weiterläuft. Und ich liebe es, in dieses Leben einzutauchen! Dieses Gefühl erhoffe ich mir für die Euro. Ich werde durchgehend in Paris wohnen und von dort aus zu den Spielen der EM reisen – und ich hoffe, dass alles gut verlaufen wird.

    Und wir freuen uns auf viele "Tor!"-Schreie von Ihnen. Trainieren Sie die?

    (lacht) Nein, die kommen spontan. "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen ...!"

     

    Weitere Informationen:

    Béla Réthy wurde 1956 in Wien geboren, nachdem seine Eltern kurz zuvor ihre Heimat Ungarn aufgrund des ungarischen Volksaufstandes verlassen hatten. Kurz nach seiner Geburt zog die junge Familie nach São Paulo in Brasilien. 1968 kehrte sie mit dem damals zwölfjährigen Béla nach Europa zurück, in das Rhein-Main-Gebiet, wo er an einem Gymnasium in Wiesbaden das Abitur ablegte. Anschließend studierte er an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz Publizistik, Soziologie und Ethnologie. Dabei besserte er sein Taschengeld im Sportarchiv des ZDF auf und wurde freier Mitarbeiter der Redaktion. Seit 1987 ist er fest als Redakteur beim ZDF angestellt. Zuerst war er auf die Sparte Motorsport angesetzt, seit 1991 ist er als Live-Fußballkommentator tätig. Begonnen hatte er im Bereich Fußball als Assistent der Kommentatoren Rolf Kramer und Marcel Reif. Er erhielt für seine Arbeit diverse Auszeichnungen, und er unterstützt als Botschafter die Initiative „Respekt! Kein Platz für Rassismus“.

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