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Tatort-Preview: Tod in der Pflege – wenn aus Ohnmacht Mord wird

Es wird Zuschauer geben, die bei diesem „Tatort“ nach wenigen Minuten abschalten. Denn die ersten Szenen lassen einen erstarren – nicht weil sie blutrünstig wären. Wenn der Rentner Horst Claasen (Dieter Schaad) seine unter Alzheimer leidende Frau Senta mit einem Kissen erstickt, dann stockt einem der Atem, weil dies so ruhig, so langsam erzählt wird.

Redakteur Christian Kunst hat sich den neuen „Tatort“ angesehen. Sein Urteil: Ein lebensnaher Krimi, der aufwühlt und wütend macht. Wer dranbleibt, wird belohnt.

Macht Pflegegutachter Carsten Kühne (rechts) für das Schicksal seiner Frau verantwortlich: Oliver Lessmann.  Foto: ARD
Macht Pflegegutachter Carsten Kühne (rechts) für das Schicksal seiner Frau verantwortlich: Oliver Lessmann.
Foto: ARD

Wie Claasen noch bei der Polizei anruft, um mitzuteilen, dass er sich gleich das Leben nehmen werde, seine Frau gerade getötet habe, dass das Haus keinen Fahrstuhl habe, da sei es schwierig mit den Särgen, dass sich jemand um den Hund kümmern müsse. „Es ging nicht mehr“, sagt er noch, ehe er auflegt und einen Medikamentencocktail einnimmt, um sein eigenes Leben zu beenden.

So hart diese Bilder sind – fast hat man Verständnis für den Rentner, der seine Frau über Jahre gepflegt hat und jetzt psychisch und finanziell am Ende ist. Claasen überlebt. Ist er ein Mörder? Oder handelt es sich um einen gemeinschaftlichen Suizid, hat seine Frau sich also töten lassen?

Claasens Fall ist nicht der einzige Abgrund der Pflegelandschaft, in den die Bremer Ermittler Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) blicken. „Im toten Winkel“ (so der Titel des Krimis) dieser Welt befinden sich auch Oliver Lessmann, der seine bei einem Verkehrsunfall schwer verletzte Frau zu Hause pflegt, und Akke Jansen, die sich ganz allein um ihre demente Mutter kümmert. Sie alle teilen die Wut über Carsten Kühne (herrlich norddeutsch unterkühlt: Peter Heinrich Brix), der ihnen als Gutachter des Medizinischen Dienstes der Kassen Hilfen oder eine Heraufstufung des Pflegegrads verwehrt. Dann wird der Gutachter getötet.

So schwer viele Szenen in diesem „Tatort“ zu ertragen sind. Er zeichnet ein äußerst vielschichtiges Bild des deutschen Pflegesystems, in dem auch der Abrechnungsbetrug nicht fehlt. Rund 2,8 Millionen Menschen – drei Viertel aller Pflegebedürftigen – werden in Deutschland zu Hause gepflegt, im Durchschnitt zehn Jahre lang. Insofern dürfte dieser Krimi nahezu jeden Zuschauer tief berühren, weil die im Film beschriebenen Schicksale so schrecklich normal sind. Die große Stärke des Krimis ist, dass Regisseur Philip Koch die Geschichte reduziert, fast puristisch erzählt. Dazu setzt er oft die Handkamera ein. Dadurch kommt er seinen Protagonisten sehr nah. Keine überflüssigen Erzählstränge oder Ausflüge in das Leben der Kommissare belasten Kochs Erzählung. Das fordert den Zuschauer, es ergreift ihn aber auch.

„Im toten Winkel“ dürfte in der Riege der „Tatort“-Filme einen Ausnahmestatus erlangen, da er wenig Fiktionales hat. Der Krimi trägt in großen Teilen eher Züge eines Dokumentarfilms über den Zustand der deutschen Pflege, ohne dass darunter die Spannung leiden würde. Und nach fast 90 düsteren Minuten gibt es sogar einen Lichtblick, als Lürsens Tochter ihrer Mutter, die Angst vor dem Alter hat, sagt: „Wir kommen von unseren Eltern und kehren im Alter – egal was war – zu ihnen zurück. Wir sollten dankbar sein.“ Was für eine traurig-schöne Hoffnung.

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