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Mayen

Wagemutig genial: Das „Weiße Rössl“ als Kammerspiel

Claus Ambrosius

Die Geschichte dieses Stücks ist eine voller Missverständnisse: Um die Uraufführung des Singspiels „Im weißen Rössl“ 1930 herrschte Tohuwabohu. Neue Gesangstexte auf den letzten Drücker, zusätzliche Musiknummern anderer Verfasser zusätzlich zu denen des Komponisten Ralph Benatzky, vor allem aber: alles ein paar Nummern größer, bitte. Für die mehr als 5000 Plätze im Großen Berliner Schauspielhaus wurde geklotzt statt gekleckert, groß das Orchester, groß die Chor- und Tänzerbesetzung, groß das Aufgebot an Statisterie, zusätzlichen Volksmusikern und einer Jazz-Kombo auf der Bühne.

Wer die vor allem von den Nachkriegsverfilmungen bestimmte Aufführungstradition eines Heile-Welt-Rössls kennt, macht sich keine Vorstellung von der rotzfrechen Originalität des Stücks, das auch an anderen europäischen Bühnen und in den USA riesige Erfolge feierte. Nach dem Ende seines Verbots in Deutschland (wegen der jüdischen Mitautoren) nach dem Krieg konnte es beinahe nahtlos an seine Vorkriegsberühmtheit anknüpfen.

Mayener Fassung ist konzentriert

Und ein dermaßen zugkräftiges Stück wie das „Rössl“ hält viele Bearbeitungen aus: So lieferte die Berliner Bar jeder Vernunft 1994 eine knackige abgespeckte Version in der Regie von Ursli Pfister, die Maßstäbe setzte für kleinere Einrichtungen des ursprünglich als Riesen-Revue-Operette an den Start gegangenen Stückes. Und allein schon für den Mut, das „Rössl“ in nochmals verkleinertem Format, mit gerade mal drei Musikern, ohne Chor und Ballett aufzuführen, gebührt jetzt den Burgfestspielen in Mayen ein Preis für Mut zum Griff nach Großem mit kleinen Mitteln.

Sich dabei nicht zu verheben, ist die erfreuliche Leistung der Produktion in der Regie von Catharina Fillers. Denn sie operiert klug mit den vorhandenen Mitteln, die sich hören und sehen lassen können. Wegweisende Grundlage ist dafür das Arrangement der Musik, erstellt von Laurenz Wannenmacher, der bei den Vorstellungen live am Keyboard zusammen mit Johannes Huth (Bass) und Volker Reichling (Schlagzeug) der Musik gerecht wird und diese Kammerfassung mit vielen originellen Ideen flott interpretiert.

Gerade mal zehn Darsteller rocken das Ganze: Ganz schön wenig für das „Weiße Rössl“, ganz schön viel für eine intime Spielstätte wie die Burgfestspiele. Ein Spagat, der nur gelingt, weil sich alle auch in weiteren Produktionen der Festspiele eingesetzten Darsteller mit Verve in das turbulente Geschehen schmeißen. Das hat es in sich, etwa in den schweißtreibenden originellen Choreografien von Marie-Anjes Lumpp: Da wird geschuhplattlt, Walzer und Tango getanzt. Und es kommen Talente zum Einsatz, von denen das punktgenau ausgesuchte Ensemble eben viele mitbringt. Marie-Anjes Lumpp etwa, die fürs „Rössl“ ja nicht nur choreografiert, sondern auch als Klärchen (und in kleinen anderen Rollen) auf der Bühne steht und die vielstimmigen Ensembles mit ihrem klaren und unerschütterlichen Sopran anführt. Echte Typen, die viel zu bieten haben: Das ist auch in der zweiten Saison von Intendant Daniel Ris das Markenzeichen der Burgfestspiele unter seiner Leitung. Sei es Saskia Kästner, die als Rössl-Wirtin kräftig schmachten, wüten und hinlangen kann, dazu saftig singt und gar Basstuba spielt. Oder Jan Nicolas Bastel als der in sie verliebte Zahlkellner Leopold: Von seiner stimmlichen Leistung hätte sich sein Kollege der letzten „Rössl“-Großformatproduktion am Mainzer Staatstheater eine Scheibe abschneiden können, darstellerisch passt alles – und wann hat man zuletzt einen Leopold gesehen, der im Ernstfall auch klassisches Ballett draufhat?

Matthias Manz hält als Berliner Fabrikant Giesecke seinen liebenswerten Muffel-Ton bis in die Details durch, als seine Tochter ist Marissa Möller eine erfrischend ins Heute transferierte Ottilie, die zwischen Aromatherapie (Kuhstall!) und Veganismus (Wiener Schnitzel, denn die Kühe bekommen alle nur gutes pflanzliches Futter) ihre große Liebe im Urlaub findet und dabei ganz wunderbar singt.

Marco Wohlwend ist als Dr. Erich Siedler passgenau und sympathisch besetzt – und sich wie alle anderen nicht zu schade, mal eben als Stubenmädel zu brillieren, ebenso wie Sven Prüwer, der als bekannt schöner Sigismund Sülzheimer die berühmten Hits und Witze aus dem Handgelenk schüttelt und mit Marie-Anjes Lumpps herzigem Klärchen harmoniert. Auch um den Kellnernachwuchs ist es rundum gut bestellt: Marius Schneider ist als putziger Piccolo den Gesangssätzen eine fundierte Stütze. Georg Lorenz' würdig-witziger Auftritt als Kaiser Franz Joseph wird weiter besser zum Tragen kommen, wenn er nicht von hupenden Autokorsos nach Fußballspielen untermalt wird.

Unterwegs mit Rössl-Reisen

Charles Ripley spielt als Klärchens Vater Hinzelmann eine Rolle, die so im Original nicht vorkommt. Er führt in der Eifel das Reisebüro Rössl-Reisen, das offenbar kaum noch Geschäfte macht und aufgibt. In seinem Traum an vergangene, vermeintlich bessere Zeiten gleitet er ins Stück hinein, ist zunächst Erklärer für Szenen, die ohne die eigentlich erforderlichen Massen auskommen müssen, und wird zum Übersetzer, wenn Klärchen und Dr. Siedler in einem Anfall von Liebe auf den ersten Blick nur noch sinnfreies Stammeln hervorbringen. All das sind gute wie zweckmäßige Ideen der Regie – Hinzelmanns Rückzug am Schluss bleibt eher blass, den hätte es ebenso wie die lokalen Bezüge im sehr effektvollen Bühnenbild (Flavia Schwedler) mit einer Paravent-Idylle aus Bergpanorama und Eifelschloss samt Kaiserporträt in der Waldkrone eigentlich nicht gebraucht. Aber das kann mit den Vorstellungen noch wachsen: Schon zur Premiere war das Publikum kaum zu halten in seiner Begeisterung zum Schlussapplaus.

Claus Ambrosius

29 Termine bis zum 4. August, Eintrittskarten unter Tel. 02651/494.942 sowie unter www.burgfestspiele-mayen.de

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