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Koblenz

Helge Schneider live: Formschöne Albernheiten

Anke Mersmann

Der Schalk sitzt Helge Schneider im Nacken, seit mehr als drei Jahrzehnten hockt er dort. Mit ihm und durch ihn ist Schneider zu einem der beständigsten Entertainer des Landes geworden: Als schräger Spaßvogel, hervorragender Jazzmusiker und Meister der Improvisation macht er seit Jahren das auf der Bühne, wonach ihm der Sinn steht – und die Fans zieht es ungebrochen zu seinen Auftritten. So wie am Diensttagabend in die volle Rhein-Mosel-Halle.

Die Leute strömen, weil sie wissen, was sie an einem Abend mit dem Musikkomiker aus dem Ruhrpott erwartet: eine überraschende Mischung aus Nonsens und feinstem Jazz, aus Songs mit gewitzten Texten und formschönen, aber sinnfreien Albernheiten.
Mit dieser Art der Komik ist Helge Schneider allein auf weiter Flur in der deutschen Comedylandschaft, komplettiert wird sie durch seine kauzige Art und seine Gabe, in jedem Moment, bei jeder noch so kleinen Aktion auf der Bühne situativ komisch zu sein: Ein Stuhl wird bei Helge Schneider nicht einfach von einer Stelle auf eine andere gestellt, er schiebt ihn mit nach links und rechts kippelnden Stuhlbeinen von A nach B, zelebriert den Moment, ganz Clown, ganz ein Charlie Chaplin des 21. Jahrhunderts, und muss selbst lachen, als er abschließend „Stuhlgang“ ins Mikrofon haucht. Ein flacher Gag, uralt obendrein. Aber wenn Helge Schneider ihn in seiner nonchalanten, tapsigen Art und mit einem amüsierten Blitzen in den Augen macht, ist er komisch. Und: Wann immer Schneider in der Show kurz davor ist, den Nonsens-Faden zu überspannen, wenn er für den Moment genug vom Scherzen und Unsinn schwätzen hat, lässt er die Musik sprechen.


Jazz ist angesagt
Dann setzt sich der schlanke 62-Jährige mit den zottligen, halblangen Haaren an den Flügel, ist dann ganz der leidenschaftliche, improvisierende Musiker. Jazz ist angesagt, begleitet wird Schneider von Rudi Olbrich am Kontrabass und Peter Thoms am Schlagzeug. Letzterer ist übrigens auch aus einigen Filmen Helge Schneiders bekannt.
Groovig, perlend und unaufgeregt das Spiel des Trios, in das Schneider über kurz oder lang die ein oder andere Überraschung baut, musikalische Zitate streut oder sich gleich ganze Stücke auf seine eigene Weise aneignet: „Mood Indigo“ von Duke Ellington beispielsweise spielt Schneider auf dem Xylofon und verpasst dem im Original so lakonisch daher schlendernden Stück einen sphärischen Klang – bevor die Musik aber zu schön wird, lässt Schneider wieder den Schalk walten, hüpft, die Klöppel schlagend, um das Instrument. Und nimmt sich dann samt seinen Mitmusikern auch schon „As Time Goes By“ aus dem Film „Casablanca“ vor – er am Flügel und an einer Panflöte. Trifft er dort die Töne nicht, pfeift er der Einfachheit halber gleich direkt ins Mikrofon – und muss selbst kichern. In solchen Momenten spielt Schneider mit zur Schau gestelltem Unvermögen, kokettiert mit ein wenig Schusseligkeit – eine Fallhöhe bei einem Künstler wie ihm, der ein brillanter Musiker ist und sehr genau in jedem Moment weiß, was er dort vorn auf der Bühne tut. Sei es, wenn er den spanischen Flamenco oder traditionelle Musik aus China verulkt. Sei es, wenn es um seine eigenen Songs geht. Jene herrlich schrägen Lieder, in denen er seinen Nonsens singend von sich gibt und nicht ausschließlich in seinen komischen Geschichtchen und Ansprachen ans Publikum. Klassiker wie „Es gibt Reis, Baby“ oder „Wurstfachverkäuferin“ jazzt Schneider mit seiner Band mit Groove und musikalischem Witz dahin, beim Song „Texas“ ahmt Drummer Thoms tatsächlich den Schneider'schen Gaul und dessen Gangarten am Schlagzeug nach.


Rücktritt von der Rente
Dieser Song begleitet Helge Schneider schon einen Großteil seiner Karriere. Geschrieben hat er ihn, erzählt er auf der Bühne, in den 70er-Jahren. Überhaupt hat Schneider es an diesem Abend mit dem Alter: Seine Mitmusiker – beide sind ältere Semester – müssen den ein oder anderen Spruch über dritte Zähne und Malaisen des Alters über sich ergehen lassen: Steilvorlagen für Schneider, um sich selbst aufs Korn zu nehmen. Wobei er mit seinen 62 Jahren einen äußerst agilen Eindruck auf der Bühne macht – wohl ein Grund, weshalb der Künstler, der sich vor ein paar Jahren schon in den Ruhestand verabschiedet hatte, es doch nicht sein lassen kann, seine Späße auf einer Bühne zu treiben.
Eine komplette Tour hat Schneider seit dem Rücktritt von der Rente 2015 schon gespielt, jetzt ist er mit dem aktuellen, auch in der Rhein-Mosel-Halle gezeigten Programm „Ene mene mopel“ wieder auf Tour. Diesen Namen für die Show kann man übrigens getrost vergessen: Eine tiefere Bedeutung, gar einen Bezug zu dem, was Schneider in zweieinhalb Stunden live auf der Bühne zeigt, gibt es nicht. Der Name bezieht sich, sagte er in einem Interview, auf einen Kinderreim, der ihm gefallen habe. Nicht mehr, nicht weniger. Oder eben: richtig schöner Nonsens.

Von unserer Redakteurin Anke Mersmann

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