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    Koblenz

    "Gefallene Helden": Thema mit Variationen feiert Premiere am Theater Koblenz

    Eine spannende Tanzsparte an einem Theater erkennt man an vielen Parametern – von der Kreativität des Ballettdirektors bis zur Qualität des Trainings. Und dem Mut etwas zu wagen. So ein Ballettabend feiert jetzt am Theater Koblenz Premiere.

    Gefallener Held im Reich der Schatten: Probenszene mit Rory Stead als Orpheus (vorn) und Ensemble.
    Gefallener Held im Reich der Schatten: Probenszene mit Rory Stead als Orpheus (vorn) und Ensemble.
    Foto: Matthias Baus

    Nicht nur die Kreativität des Ballettdirektors und die Qualität des Trainings (die sich in der Physis und dem technischen Leistungsstand der Tänzer abbildet) machen die Tanzsparte eines Hauses interessant, sondern auch der Fakt, ob Choreografen von außerhalb die stilistische Vielfalt einer Compagnie erhöhen und so über die Abwechslung hinaus auch den Erfahrungshorizont der Tänzer und nicht zuletzt auch des Publikums erweitern.

    Solch ein Ballettabend feiert am Samstag Premiere: „Gefallene Helden“ stehen im thematischen Zentrum des Dreiteilers, die optisch verbunden sein werden: „Innerhalb dieses großen Themas gab es nur eine Grundverabredung: Das Bühnen- und Kostümbild übernimmt Sascha Thomsen“, sagt Juliane Wulfgramm, Chefdramaturgin am Theater. Und der Koblenzer Ballettdirektor Steffen Fuchs ergänzt: „Die Musikauswahl war freigestellt, auch, wie viele Tänzer für das Stück eingesetzt werden.“ Und auch Kostüme und Raumkonzeption waren keineswegs vorgegeben, sondern wurden erst im Laufe der Entstehung des Abends entwickelt.

    Mit literarischen Vorlagen zugange

    Die Idee zum verbindenden „Helden“-Thema kam Steffen Fuchs eher per Zufall, da sowohl er als auch der erste Gastchoreograf Andreas Heise (dem Koblenzer Publikum schon von seinem Beitrag zum Mozart-Ballettabend bekannt) sich gerade mit literarischen Vorlagen auseinandersetzten, die gut unter diesen thematischen Bogen passten. Heise beschäftigt sich schon seit Längerem mit dem Orpheus-Mythos und der Opernfassung Glucks – für den Ballettabend zur Eröffnung der Tanzsaison hat er aus dem musikalischen Material der Oper gemeinsam mit dem Dirigenten Daniel Spogis eine halbstündige Fassung erarbeitet, die sich im Wesentlichen auf den bekannten Handlungsablauf stützt.

    „Ich zeige ein Paar, das aus der Balance geraten ist“, verrät Andreas Heise. Orpheus sieht er als Künstlertypen, dem die Bodenhaftung abhandenkommt: „Das kann jedem Kreativen passieren – und Orpheus hebt völlig ab, sieht sich den Göttern gleich.“ Solcher Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall, hier führt es dazu, dass der einstmals strahlende Held mit Eurydike regelrecht durch die Hölle gehen muss.

    Restkarten für die Premiere am Samstag, 30. September, 19.30 Uhr, im Großen Haus im Vorverkauf und an der Abendkasse, Tickets und Termine unter Tel. 0261/129 28 40 sowie www.theater-koblenz.de

    Endzeitstimmung ist auch dem „Quartett“ Heiner Müllers nicht abzusprechen, dass sich Steffen Fuchs für den Mittelteil des Abends vorgenommen hat und mit zwei Tänzern und zwei Schauspielern erzählen wird: „Wir sind quasi Resteverwerter“, sagt er lachend. „Wir beziehen uns auf das Stück ,Quartett' von Heiner Müller, das sich auf das Stück ,Gefährliche Liebschaften' bezieht, das sich wiederum auf den gleichnamigen Briefroman bezieht.“ „Wir“, das ist in diesem Fall das Team, bestehend aus Steffen Fuchs und dem Komponisten Marijn Simons, der die Musik für dieses Stück als Auftragsarbeit für das Koblenzer Theater verfasst hat. 2014 wurde ebenfalls in Koblenz seine Oper „Emilia Galotti“ uraufgeführt, in der vergangenen Spielzeit arbeitete er beim „Cinderella“-Ballettabend als Dirigent mit Steffen Fuchs und der Compagnie zusammen.

    Ein Entstehungsprozess, der mit den Kompositionsaufträgen lang vergangener Ballettepochen nicht mehr zu tun hat, in denen Choreografen den Komponisten genaue Taktzahlen, Akzente und vieles mehr vorgaben: Simons hat zuerst das Theaterstück gelesen, gemeinsam näherten sich Ballettchef und Komponist in Gesprächen den Figuren an – „schließlich habe ich eine Art Libretto erstellt, in dem ich die emotionalen Entwicklungen eingetragen habe, die ich in diesen Momenten sehe“, erinnert sich Fuchs. Daraus wurde eine Partitur und ein Klavierauszug für die Probenarbeit: Seit gut zwei Wochen wissen alle Beteiligten, wie das Werk mit Orchester klingt.

    Die Choreografen Ihsan Rustem, Andreas Heise und Steffen Fuchs
    Die Choreografen Ihsan Rustem, Andreas Heise und Steffen Fuchs
    Foto: Theater Koblenz

    Die Musik für das dritte Stück des Abends stand schon fest, als Ihsan Rustem Ende vergangener Saison nach Koblenz kam. Das war aber auch schon alles, denn seine Arbeitsweise ist eine spezielle. Seine Absicht für den ersten Kontakt: Mit der Compagnie ein bisschen über seine Vorstellungen reden, vielleicht in ersten Improvisationen ein bisschen Material sammeln. Von der Reaktion der Compagnie war der aus London stammende zeitgenössische Choreograf begeistert: „Wir haben in kürzester Zeit mehr als zwölf Minuten an Material für den Abend erarbeitet – das hat mich wirklich verblüfft.“ Im Gegensatz zu den beiden ersten Stücken des Abends, die auf bestehenden Vorlagen beruhen, hat Rustem für sein Stück „Les Autres“ aus den Erfahrungen der einzelnen Tänzer geschöpft, die sich dafür mit Fragen rund um einstige Helden ihres Lebens auseinandersetzten.

    Viele kleine Geschichten

    Aus diesen Angeboten der Tänzer wurde das Stück, das, so der Choreograf, durchaus Geschichte erzählt – wenn auch nicht eine durchgängige, sondern viele einzelne, in denen sich sicher auch Zuschauer aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln wiederfinden werden.

    Drei Choreografen, drei Herangehensweisen: Am Samstag erwarten das Publikum nicht nur drei verschiedene Stücke, sondern, wie Steffen Fuchs sagt, „drei völlig verschiedene“. Und das, darin ist sich der Koblenzer Ballettchef sicher, ist prinzipiell schon einmal eine wichtige Sache.

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius
    Teil I
    Andreas Heise: „Orfeo” mit Musik von Christoph Willibald Gluck
    Der Sänger Orpheus folgt seiner geliebten Gattin Eurydike sogar ins Totenreich. Sein Gesang bezaubert den König der Unterwelt und dieser gestattet Eurydike die Rückkehr zu den Lebenden – allerdings darf sich Orpheus auf dem Rückweg nicht nach ihr umsehen. Als er es dennoch tut, büßt er nicht nur seine Gattin ein, sondern auf alle Zeiten auch seinen Ruf als Held.

    Teil II
    Steffen Fuchs: „Quartett“ nach Heiner Müller mit Musik von Marijn Simons
    Heiner Müllers Bearbeitung des Briefromans „Les liaisons dangereuses” von Choderlos de Laclos konzentriert sich auf den Machtkampf zwischen den ebenbürtigen Intriganten Marquise de Merteuil und ihrem ehemaligen Geliebten Valmont – ein zerstörerischer, zeitloser Kampf der Geschlechter, der keine Gewinner kennt.

    Teil III
    Ihsan Rustem: „Les Autres” mit Musik von Henryk Górecki
    Auf der Suche nach den gefallenen Helden der Jugend: Die erschreckende Erkenntnis, dass die eigenen Eltern sich unerwartet doch als fehlbar herausstellen, kann jeder Mensch in seiner Biografie verorten, genauso wie das Gefühl, von Freunden und Vertrauten verraten worden zu sein.
    Musikalische Leitung:
    Mino Marani, Daniel Spogis
    Raum und Kostüme:
    Sascha Thomsen

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