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Linz

Wo die Welt sich noch ganz mechanisch dreht

Es knarzt bei jedem Schritt. Wer im Linzer Rathaus die steilen Stufen nach oben nimmt, nach der breiten noch die schmalere Treppe erklimmt, hat dann längst das Draußen vergessen. Eben noch Gewühl aus Cafés, Stimmengewirr aller möglichen Nationalitäten und Gedränge entlang der Souvenirläden.

Eindrucksvolle alte Technik Foto:
Eindrucksvolle alte Technik
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Von Dorothea Müth

Hier drinnen riecht es jetzt gediegen: Die Wände und Türen im zweiten Stock des als Bürgerhaus errichteten Gebäudes sind holzvertäfelt. Seit fast 500 Jahren steht es schon. Der Raum atmet Ordnung – eine Ordnung, die feststeht. Zwei Seile könnte man an ihren Enden nach unten ziehen und würde dann die Pest- oder die Dreckglocke läuten. Doch es herrscht Stille – bis auf das sekündliche Ticken der Uhr, die über dem Treppenaufgang hängt. Nein: Tatsächlich hängt diese Uhr nicht, sondern sie arbeitet auf mehreren Metern Breite: Ins Zusammenspiel von auf Holz und Metall geschraubten Zahnrädern, Pendeln und Seilen kann man sich vertiefen, die Mechanik zu ergründen versuchen.

1818 erbte das Haus diese Uhr von der Ratskapelle, denn erst 1815 zog die Stadtverwaltung ein, vorher hatten Gericht, Polizei und Wollweberzunft hier ihren Sitz. Faszinierend ist, dass die Zeit in dieser Amtsstube dennoch irgendwann stehen geblieben zu sein scheint: Kein Computer, kein Display, keine Elektronik sind zu sehen. Während man auf einem hölzernen Wartestuhl an der Wand Platz nimmt, der Blick über Aushänge wandert, ist der Touristenkommerz auf dem Marktplatz nur einen Steinwurf entfernt.

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