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    BerlinWer folgt auf Joachim Gauck? Das Kandidaten-Karussell um den Posten des Bundespräsidenten dreht sich

    Die Frage, wer Joachim Gauck als Bundespräsident nachfolgen soll, hatten die Parteien bewusst auf die Zeit nach den Landtagswahlen vertagt. Nach der letzten Landtagswahl in diesem Jahr in Berlin geht das Geschacher aber offen los. Wer könnte um den Posten des Bundespräsidenten ins Rennen geschickt werden?

    Schloss Bellevue in Berlin, Amtssitz des Bundespräsidenten. Das Gerangel um die Nachfolge von Joachim Gauck hat begonnen.
    Schloss Bellevue in Berlin, Amtssitz des Bundespräsidenten. Das Gerangel um die Nachfolge von Joachim Gauck hat begonnen.
    Foto: dpa

    Von unseren Berliner Korrespondenten Gregor Mayntz und Eva Quadbeck

    Die Parteivorsitzenden reichen nun nach und nach ihre Kandidatenlisten im Kanzleramt ein. Möglicherweise soll das Thema am Rande des Koalitionsausschusses Anfang Oktober besprochen werden. SPD-Chef Sigmar Gabriel lotete bereits in den vergangenen Wochen einen möglichen Kandidaten jenseits der Union aus. Rot-Rot-Grün hat zwar in der Bundesversammlung keine eigene Mehrheit, könnte es aber mit den Stimmen der Piraten schaffen, einen eigenen Kandidaten durchzusetzen. So sprach SPD-Chef Gabriel persönlich und telefonisch eifrig mit den Spitzen von Linken und Grünen. Namen wurden ausgetauscht. Einen Konsens gibt es bislang nicht. Im rot-rot-grünen Lager ist eine gewisse Ernüchterung eingetreten. Dass man einen Bundespräsidenten an der Kanzlerin vorbei ins Schloss Bellevue bekommt, daran glauben nur noch wenige.

    Die Kanzlerin würde am liebsten SPD und Grüne ins Boot holen, gern auch die Liberalen, und gemeinsam auf breiter Basis einen parteiübergreifenden Kandidaten aufstellen. Ob Mann oder Frau spielt für Merkel keine Rolle. Ein solcher Konsenskandidat ohne Linke und ohne AfD hätte aus Sicht der handelnden Parteien im Bundestagswahljahr 2017 den Charme, dass er nicht als Signal für die eine oder andere künftige Koalition auf Bundesebene interpretiert werden könnte.

    Parteien sind emsig auf Kandidatensuche

    Viele Namen stehen inzwischen im Raum. Einen heißen Favoriten gibt es allerdings nicht. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) wäre ein Konsenskandidat, zumindest für Union und SPD. Doch es ist noch nicht einmal klar, ob Lammert zur Verfügung stünde. Gleiches gilt für Verfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle, der 2008 auf Vorschlag der SPD zum Verfassungsrichter gewählt wurde. Er sagte schon einmal 2012 ab. Unwahrscheinlich, aber immer noch im Gespräch: von den Grünen der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Er käme auf einem schwarz-grünen Ticket in das höchste Staatsamt.

    Die CSU setzt darauf, dass Merkel einen Kandidaten oder eine Kandidatin durchbekommt, die eindeutig im Unionslager zu verorten ist. Als Kandidatin mit CSU-Parteibuch wird immer wieder CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt genannt.

    Nachdem die Deutschen mit Gauck als früherem Chef der Stasiunterlagenbehörde gute Erfahrungen gemacht haben, wundert es nicht, dass nun auch viele seine Nachfolgerin in dieser Position, Marianne Birthler, als mögliche Kandidatin sehen. Eher mit Außenseiterchancen ist auch der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani im Gespräch.

    Keine Chance hat Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Dass er das Amt sehr gut ausfüllen könnte, bestreitet die Union nicht. Sie will aber keinen aktiven SPD-Politiker im Bundestagswahljahr 2017 ins höchste Staatsamt hieven. Als aktive Politiker gelten von CDU-Seite die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer und Finanzminister Wolfgang Schäuble auch als Optionen. Wenn die Parteien doch eher nach einem Wissenschaftler suchen, käme von SPD-Seite die Soziologin Jutta Allmendinger und von Unionsseite die Meinungsforscherin Renate Köcher infrage.

    In der Bundesversammlung am 12. Februar nächsten Jahres wird im ersten Wahlgang nur der Kandidat gewählt, der mindestens 631 Stimmen auf sich vereinen kann. Kein Problem für die Wahlleute von Union und SPD, die sogar 298 Stimmen "überm Durst" hätten. Auch Union und Grüne hätten gemeinsam 56 Stimmen mehr als nötig. Erfahrungsgemäß gibt es in der geheimen Wahl jedoch immer viel Fluktuation. So bekannte die von der CSU zur Wahlfrau berufene Gloria zu Thurn und Taxis, 2004 die SPD-Kandidatin Gesine Schwan und nicht den Unionskandidaten Horst Köhler gewählt zu haben. Sie war damit nicht allein; weitere 17 Stimmen aus dem bürgerlichen Lager landeten bei Schwan - mindestens, denn möglicherweise bekam ja auch Köhler Stimmen aus anderen Parteien.

    Auch Mehrheitskandidaten mussten schon zittern

    Traditionell dürfen Schauspieler, Sportler oder andere Größen des öffentlichen Lebens auf dem "Ticket" der einen oder anderen Fraktion an der Wahl des Staatsoberhauptes mitwirken. Seit dem Fall Thurn und Taxis sind die Parteien allerdings ein wenig vorsichtiger mit der Nominierung von Nichtparteigängern für die Bundesversammlung geworden.

    Auch bei scheinbar klaren Verhältnissen gibt es keine Sicherheit, dass der Mehrheitskandidat durchkommt. Beispiel: Die Wahl von Christian Wulff scheiterte 2010 gleich zweimal, obwohl Union und SPD zusammen 644 Stimmen hatten und 623 gereicht hätten. Wulff bekam im ersten Wahlgang 600, im zweiten 615 und erst im dritten 625, obwohl dann auch die einfache Mehrheit ausreichend gewesen wäre. Die Wahrscheinlichkeit, dass es auch für die Wahl des Bundespräsidenten 2017 eines dritten Wahlgangs bedarf, ist groß.

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