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    Berlin

    Pflege: Der große Wurf steht weiter aus

    Die Pflege gehört zu den am meisten unterschätzten Herausforderungen der Zukunft. Die Zahl der Pflegebedürftigen liegt heute bei 2,5 Millionen Menschen und wächst stetig. Die Gruppe der jüngeren Menschen, die sich um die Pflegebedürftigen kümmern können, nimmt hingegen ab. Im Jahr 2030 wird ihre Zahl nach Vorausberechnungen der Bundesregierung um knapp eine Million höher liegen und bis 2050 auf 4,4 Millionen ansteigen.

    Symbolbild: dpa
    Symbolbild: dpa

    Von unserer Berliner Korrespondentin Eva Quadbeck

    Die am Mittwoch vom Bundeskabinett verabschiedete Pflegereform ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die Erhöhung der Regelsätze ist fällig und am Ende nur eine Anpassung an gestiegene Preise insgesamt. Die verschiedenen Möglichkeiten vor allem für pflegende Angehörige, mehr und flexibler Hilfen zu beantragen, werden den Alltag mit den pflegebedürftigen Eltern oder Schwiegereltern etwas erleichtern. Die Politik wird auf diesem Weg noch fortschreiten müssen. Denn je selbstverständlicher die Frauenerwerbstätigkeit wird, desto weniger selbstverständlich wird es, dass Pflegebedürftige zu Hause versorgt werden.

    Aktuell leben etwa 70 Prozent aller Pflegebedürftigen in den eigenen vier Wänden, versorgt von Verwandten oder ambulanten Diensten oder in Kombination von beidem. Ein Heimplatz ist deutlich teurer als die ambulante oder private Pflege und belastet die Pflegeversicherung demnach stärker. Die Regierung hat also ein vitales Interesse, dass auch weiterhin der Großteil der Pflegebedürftigen in den eigenen vier Wänden wohnen bleibt. Dies wird künftig aber nur gelingen, wenn tatsächlich ein Netz aus Angeboten von Tagespflege, Kurzzeitpflege und flexiblen Hilfen entsteht. Zudem muss die Beantragung solcher Hilfen noch einfacher und transparenter werden.

    Die nun beschlossenen neuen Pflegeleistungen sind eine weitere kleine pragmatische Reform, die dritte ihrer Art, während die Politik seit rund zehn Jahren über einen neuen Begriff von Pflegebedürftigkeit debattiert. Dass in der vergangenen Dekade kein großer Wurf gelungen ist, liegt vor allem an der Komplexität des Problems. Der neue Begriff von Pflegebedürftigkeit wird nun in der Praxis getestet. Die vielen Hoffnungen und Erwartungen, die die jahrelange Debatte über diese Reform erzeugt hat, werden sich am Ende nicht erfüllen. Denn für die Pflege wird es niemals eine Rundum-Versorgung geben. Zum einen liegt das daran, dass sie Pflegeversicherung nur zu einem Teil das finanzielle Risiko der Pflege absichert. Der Rest muss aus privatem Einkommen und Vermögen der Pflegebedürftigen oder ihrer Kinder oder von der öffentlichen Hand beigesteuert werden. Zudem bedarf es für jeden Pflegefall stets eine individuelle Lösung und die wiederum müssen Verwandte oder Freunde organisieren. Für alte Menschen, die keine Bezugspersonen mehr haben, werden künftig zunehmend Ämter einspringen müssen, ähnlich wie es heute schon Jugendämter gibt.

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